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Ausstellung

Nachberichte von der globalen Walz

Das Cordonhaus Cham zeigt Resultate aus den Wanderjahren von Louise Lang und Franca Tasch – und zerbrechliche Mitbringsel.
Von Matthias Kampmann, MZ

Paul Osterbergers „Landschiff“ aus 70 Jahre alten Glasscherben, zu sehen im Cordonhaus in Cham
Paul Osterbergers „Landschiff“ aus 70 Jahre alten Glasscherben, zu sehen im Cordonhaus in Cham Fotos: Matthias Kampmann

Cham.Meister fallen nicht vom Himmel. Nach ihrer Freisprechung aus der Lehrzeit müssen die Gesellen wie schon im Spätmittelalter umherziehen. Dann erst können sie landen und selbst ausbilden. Das geht den Glasmacherinnen, die in Zwiesel an der Glasfachschule lernen, auch nicht anders, wenn man auf das spannende Projekt schaut, das Louise Lang aus Gleißenberg und Franca Tasch aus Würzburg auf die Beine gestellt haben.

Von Franka Tasch: „Blue Line“, ofengeformt mit Oberflächenschliff, 2015
Von Franka Tasch: „Blue Line“, ofengeformt mit Oberflächenschliff, 2015 Foto: Kampmann

Wie viele Kilometer diese beiden jungen Frauen nach ihrer Ausbildung hinter sich gebracht haben, ist allerdings bemerkenswert. In ihren 24 Wandermonaten bereisten sie 21 Länder, aber nicht nur in Europa: darunter Australien, China, Japan, Kenia, Südafrika oder USA.

Die vielen Reisegeschichten sieht man natürlich in der Ausstellung „Weiberwalz“ nicht, auch nicht auf den Fotos auf einem Schaubild im Eingangsbereich der Städtischen Galerie im Cordonhaus in Cham, das den gediegenen Schauplatz für die Werke der Glaskünstlerinnen bildet. Von den knapp über 50 Exponaten stammen 14 von den Kollegen und ihren Werkstätten, die die Frauen besucht haben. Darunter findet sich ein geneigter Einhorn-Kopf, der aus einer gläsernen „Quelle“ nippt. Ganz Regenbogen ist das Gehörn dieses Fantasiegeschöpfs. Der Kopf scheint dabei im Raum zu schweben, und man fragt sich, ob Takeshi Ito, Glaskünstler aus Prag, die Schwerkraft überlistet hat.

Zwischen Gebrauch und Kunst

Takeshi Ito schuf „The Last Unicorn“ 2015.
Takeshi Ito schuf „The Last Unicorn“ 2015. Foto: Kampmann

Der Österreicher Paul Osterberger ist auf ähnlich poetischem Feld unterwegs. Er verwendet 70 Jahre alte Glasscherben in seinem „Landschiff“, das sicher nicht schwimmt, aber mit seinem Gespinst aus Tentakeln oder Beinen wird der 1987 geborene Glaskünstler gewiss nicht stranden – übrigens ebenso wenig wie die Initiatorinnen selbst, die mit ihren Kollektionen zu überzeugen wissen. Zwischen Kunst und Gebrauch sind diese angesiedelt, und sie thematisieren bisweilen auch typische Eigenschaften, die wir Menschen stets mit diesem Werkstoff verbinden: es ist zerbrechlich.

Gerade Louise Lang setzt sich immer wieder mit dem Zerstörten auseinander. In ihren Zeichnungen, die Titel wie „Sprungstudie“ tragen, setzt sie das, was wir eigentlich als zerstörerisch oder abfällig dann als Scherbenhaufen definieren, um in eine produktive Auferstehung, in Anschaulichkeiten, aus denen man vielleicht nicht trinken kann, aber die anregen, über Glas und seine Verletzlichkeit nachzudenken. Franca Tasch hingegen wendet sich eher dem Gebrauch zu. Ob „Rockschale“ oder „Blue Line“ – die Künstlerin besticht mich schmeichelnden Oberflächen, auf denen sie das ganze Vokabular ihres Könnens ausspielt.

Alles authentisch durchgezogen

Ein Ausstellungsstück von Jack Gramann
Ein Ausstellungsstück von Jack Gramann Foto: Kampmann

Anjalie Chaubal, Direktorin des Chamer Cordonhauses, hat mit der Ausstellung einen Grenzgang beschritten, auf dem man durchaus einmal wieder über das Verhältnis zwischen Kunst und Handwerk nachdenken darf. Wenn man zeitgenössische Werkcharakteristika wie das Konzeptuelle in Anschlag bringt, lässt sich in der Schau ablesen, dass hier die Grenzen einer herkömmlichen Werkpräsentation weit überschritten wurden.

Doch sollte der Besucher im Cordonhaus sich eben nicht den Kontext der schönen Arbeiten entgehen lassen und etwa unter www.weiberwalz.de den Weg der beiden durch die Welt verfolgen. Dann stößt man auch auf einen Film, der belegt, wie authentisch Lang und Tasch ihre Sache durchgezogen haben. Denn das muss man ja auch einmal hinbekommen: Zwei Jahre als Tramp durch die Welt verlangen Mut. Nur freundliche Menschen seien es gewesen, die sie mitgenommen hätten. Dieser Zusammenhang macht erst deutlich, wie weit solch ein Projekt gehen kann.

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