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Uraufführung

Nächtlicher Besuch vom toten Bonhoeffer

Das Landestheater Oberpfalz inszeniert Bernhard Setzweins Stück „Später Besuch“ in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
von Peter Geiger, MZ

Gernot Ostermann (Ochsensepp) und Hannes Hoffmann (Bonhoeffer, hinten) im nächtlichen Zwiegespräch.
Gernot Ostermann (Ochsensepp) und Hannes Hoffmann (Bonhoeffer, hinten) im nächtlichen Zwiegespräch. Foto: Landestheater Oberpfalz

Flossenbürg..Ähm, wie war das, mit den Landtagswahlen im vergangenen März? Der Erfolg der Rechtspopulisten von der AfD fiel durchwegs zweistellig aus und bildet somit zweifelsohne eine Zäsur in der Geschichte der Nachkriegsbundesrepublik. Dies sei, so erklärten es Demoskopen und Politologen, auch so zu begreifen, dass die verhängnisvollen zwölf Jahre der NS-Diktatur immer weiter der Wahrnehmung des Wählers entrückten. Aha.

Aber vielleicht eröffnen Stücke wie Bernhard Setzweins „Später Besuch“ ja eine neue Perspektive für die Nachgeborenen und auch darauf, dass die Vergangenheit, die zu Zeiten des Historikerstreits in den 80er Jahren noch jene war, die „nicht vergehen wollte“, einer Blitzentsorgung entgeht. Der nächtliche Dialog zwischen zwei NS-Widerständlern, den der in Ostbayern lebende Romancier und Dramatiker ersonnen hat, rührt tief an jene Schnittstellen unserer Geschichte, in denen es um die Kernfragen von Schuld, Verantwortung und Moral geht.

Der titelgebende „späte Besuch“ beschreibt eine Begegnung zwischen zwei Freunden, die faktisch so gar nicht mehr möglich war. Und zwar ganz einfach deshalb, weil der eine, der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer längst tot ist. Am 9. April 1945 wurde er von der SS im Konzentrationslager in Flossenbürg auf quälend-langsame Weise erhängt. Überlebt hat der andere, sein katholisches Pendant. Josef Müller (hemdsärmelig und trinkfest: Gernot Ostermann). nämlich, der zeitweise mit Bonhoeffer verwechselt wurde. Ein zupackender Pragmatiker, den alle den „Ochsensepp“ nennen. Am Ende des Jahres 1945 ist er damit beschäftigt, mit der CSU eine überkonfessionelle Partei zu begründen. Und streitet sich noch, wie wir hören dürfen, im Flur mit dem sehr jungen und sehr meinungsstarken Franz Josef Strauß herum.

Und dann taucht es auf, in seinem von leeren Bierflaschen bevölkerten Wohnzimmer, das Gespenst der jüngsten Vergangenheit: Der tote Freund (versiert an seinem Tod verzweifelnd: Hannes Hoffmann) steht vor ihm und verlangt nach einer Unterredung zum Thema: Warum bin ich tot? Und warum lebst Du? Das Geniale an diesem Stück aber ist: Weil das, was sich da auf der Bühne abspielt, sich ja nur in Müllers Kopf ereignet, wird Setzweins eineinhalbstündiger Diskurs, in den auch Bonhoeffers Braut Maria (mit der notwendigen Portion naiver Gläubigkeit: Doris Hofmann) poetisch interveniert, zum dialektischen Abenteuer.

Die Bühne, die sich zu zwei Publikumsseiten hin öffnet (Regie: Till Rickelt), symbolisiert das Diskursiv-Antithetische auf eindringliche Weise. Und während Josef Müller sich schuldig bekennt, am Leben gehangen zu haben, entdeckt auch der Gehängte, stößt Bonhoeffer auf seine Lebenslügen und kleinen Defizite. Kann man im Auge des Orkans, dort also, wo das Unrecht die Herrschaft errungen hat und regiert, kann man dort ohne Schuld bleiben? Das ist die Frage, die Bernhard Setzwein aufwirft, an einem Ort, von dem es sich der Würde der Opfer wegen eigentlich verbietet, ihn „Originalschauplatz“ zu nennen. Trotzdem: Das Wissen, hier in Flossenbürg zu sein, jener Topographie, der der Terror einbeschrieben ist und an dem auf den Tag genau 71 Jahre vorher Dietrich Bonhoeffer ermordet wurde, es verstärkt die ohnehin schon kraftvolle Wirkung dieser „Späten Begegnung“. Und prolongiert sie selbstredend in unsere Gegenwart.

Weitere Aufführungen: 22., 23., 24., April, 6., 7., 8., 12., 13., 14. Mai, jeweils 20 Uhr, Gedenkstätte Flossenbürg, Bildungszentrum

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