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Kultur
Samstag, 26. Mai 2018 28° 2

Konzert

Nein, mehr Chopin geht nicht!

Starpianist Seong-Jin Cho zeigt in Regensburg mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica, warum er weltweit gefeiert wird.
Von Andreas Meixner

Seong-Jin Cho präsentierte sich furios.Foto: Harald Hoffmann

Regensburg.Seong-Jin Cho gehört offensichtlich zu den wenigen Virtuosen seiner Generation, die auf die exaltierten Attitüden am Flügel verzichten können. Jedenfalls war dies einer von vielen Eindrücke, den der 24-Jährige bei seinem Konzert mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica bei den Odeon Concerten im Regensburger Audimax hinterließ.

Zunächst diente Seong-Jin Cho als Teil eines Klaviertrios mit Kremer und der spielfreudigen Cellistin Giedre Dirvanauskaite ganz dem Ensemble, bettete die beiden Streicher über alle vier Sätze hinweg in homogenen Wohlklang, nicht ohne auch immer wieder Akzente zu setzen und dem Trio in g-Moll von Fréderic Chopin eine Luftigkeit und Frische zu geben, wo Kammermusik nur noch aufblühen muss.

Gidon Kremer zog seine Bogen in typischen Manier zärtlichst über die Saiten seiner Geige, selten wird er forsch, auch eine Forte bleibt stets kontrolliert. Es ist ein schmaler Grat, wo ein Ton zerbrechlich wird und an Substanz verliert. Dies war der Grund, warum er hier weniger überzeugte als später bei der Bearbeitung der Mazurka in a-Moll von Chopin für Solovioline und Kammerorchester. Mögen solche Bearbeitungen wie auch im Falle der Nocturne in E-Dur für Streicher eher musikalische Nettigkeiten sein, so erwies sich die Kremerata Baltica bei diesen Stücken als exzellenter Klangkörper, der nicht in der puren Schönheit der Musik und im Gleichklang versinkt, sondern mit der Kraft vieler individueller Spitzenmusiker einen eigenen, orchestralen Charakter entwickelt. Das kristallisierte sich bei den beiden einzigen Klavierkonzerten von Chopin noch deutlicher heraus – eine bloße Begleitung des Pianisten war den Orchestermitgliedern zu wenig.

Die Gefahr, dem Solisten Raum zur Entfaltung zu nehmen, bestand ohnehin nicht. Denn Seong-Jin Cho spielte seinen Solopart in einer neuen Dimension von Tiefe und Klarheit. Wer hören wollte, warum man den jungen Südkoreaner weltweit so frenetisch feiert, kam vor allem in dem Klavierkonzert Nr 1 in e-Moll auf seine Kosten. Tatsächlich ist der Begriff der poetischen Kraft am Klavier am zutreffendsten.

Feinste Strukturen bilden sich heraus, minimale dynamische Akzente und eine ungeheure Zugkraft dank einer traumhaften Virtuosität geben der Musik eine Farbigkeit, als wäre sie gerade entstanden. Die gern gespielten Klavierkonzerte gewannen so an größerer Substanz, an vielgestaltiger Figuration, Ornamentik und unerwarteter Harmonik durch die künstlerische Lupe eines frühvollendeten jungen Pianisten. Bescheiden nahm er die Ovationen des begeisterten Publikums entgegen und schenkte als Zugabe Chopins Polonaise „Heroique“ in einer derart furiosen, kraftvollen und energiegeladenen Art und Weise, dass es die Zuhörer in den ersten Reihen in den Sessel presste. Fazit: Mehr Chopin geht nicht!

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