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Bühne

Neuer Blick auf die Texte Ionescos

„Ein Stein fing Feuer“ hatte Premiere im Staatstheater Nürnberg.
von Martin Blättner

Sascha Tuxhorn (Herr Schmidt)
              Foto: Konrad Fersterer
Sascha Tuxhorn (Herr Schmidt) Foto: Konrad Fersterer

Nürnberg.Die neue Leitung des Staatstheaters in Nürnberg entzündet bei „Ein Stein fing Feuer“ eine Fackel für die Wahrheitsfindung in der Welt alternativer Fakten. Der Regisseur und neue Schauspiel-Direktor Jan Philipp Gloger ist sichtlich bemüht, das absurde Theater zu aktualisieren und setzt auf die Entlarvung und das Sezieren gedankenloser Sprüche mit pointierter Schärfe und fast aggressiver Komik.

Das Zitat vom Hausmädchen Mary aus dem absurden Stück „Die kahle Sängerin“ von Eugène Ionesco steht aber auch für symbolische Dualität und für Verdrängung der zweischneidigen Leidenschaft. So weiß das Ehepaar Martin (Lisa Mies/Maximilian Pulst) schon gar nicht mehr, dass es verheiratet ist. Traumarbeit ist auch bei den Gastgebern Schmidt (Sascha Tuxhorn/Julia Bartolome) zu leisten, die das Ehepaar Martin eingeladen haben und die Zeit mit absurden Streitigkeiten verbringen. Der Titel des Stücks selbst ist doch nicht der Verschiebung durch Traumzensur zum Opfer gefallen: Die kahle Sängerin wird zwar nur in einem Nebensatz erwähnt, tritt aber überraschend am Ende auf. Erfolgreich werden Grenzen zur Realität gesprengt. So klingelt der Feuerwehrhauptmann (Frank Damerius) und fragt, ob es etwas zu löschen gibt. Erst lässt man ihn warten, dann darf er Witze erzählen und das Hausmädchen Marie (Annette Büschelberger) singt über Feuer. Gloger inszeniert „Die kahle Sängerin“ als Happening im bürgerlichen Ambiente (Bühne: Marie Roth).

„Die Unterrichtsstunde“ als zweiter Ionesco-Einakter am gleichen Abend wird hingegen als Metapher für Sprach-Gewalt sprichwörtlich an die Design-Wand mit angeschraubten Möbeln und Küchen-Geräten gefahren. Der Professor und die Schülerin mit Migrations-Hintergrund (Süheyla Ünlü) springen halsbrecherisch vom Kühlschrank zum Herd oder Stuhl. Gloger nimmt die Ermordung der Schülerin als Finale aus dem Programm, führt aber die pseudowissenschaftliche Sprache mit rassistischen Anspielungen ad absurdum. Der Machtmissbrauch bleibt ohne politische Konsequenz. Das Hausmädchen Marie übergibt dem Professor nicht die NS-Armbinde, sondern nur die Mülltüte zum Entsorgen. Auch die Schülerin erweist sich als viel wehrhafter als im Originaltext. Sie entkommt, und der Professor zersticht lediglich ein Kissen.

Der dritte Theater-Akt reflektiert mit Ionesco-Texten über den Sinn des Lebens in einer absurden Welt. Ein Neandertaler staunt über das Smartphone und die Dummheit der Zivilisation. Schließlich schwebt die kahle Sängerin von oben herab und singt das Lied vom Feuer, nachdem das Publikum auf die Bühne geholt wurde. Lang anhaltender, aber nicht euphorischer Beifall. Weitere Aufführungen sind am 14., 24. und 26. Oktober.

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