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New Order – immer wieder anders

New Order, der Joy-Division-Nachfolger, überrascht mit Synthie-Orchesterklängen und renovierten Versionen alter Hits.
Von Helmut Hein

New Order 2019, in bester Pop-Tradition Foto: Warren Jackson
New Order 2019, in bester Pop-Tradition Foto: Warren Jackson

Manchester.New Order? Das sind doch Joy Division ohne den charismatischen Sänger Ian Curtis, den eine heftige Post-Punk-Depression früh aus dem Leben trieb? So einfach ist das nicht. Denn einerseits gibt es erstaunliche Kontinuitäten, nicht nur in der Besetzung und im Repertoire der Band. Andererseits ist das anarchische Wüten, die Schmutz- und Verzweiflungsästhetik der späten 1970er Jahre fast vollständig verschwunden. An deren Stelle tritt, scheinbar zumindest, eine neue Glätte, ja – im Wortsinn – Uniformität, der euphorisch-berauschende Soundtrack einer neuen Romantik, welche die Härten des thatcheristischen Neo-Liberalismus verdecken oder lindern soll. Party-Musik für Nachtgespenster und andere Maschinenwesen.

New Order betreiben keine nostalgische Traditionspflege, sondern redefinieren vertraute Tracks.

Das Verblüffende ist, dass New Order den Bruch mit der eigenen Vergangenheit vollzogen – und dann doch wieder nicht. Bis heute gehören Joy Division-Songs (nicht nur) zu den Konzertprogrammen. Dabei betreiben New Order aber keine nostalgische Traditionspflege, sondern redefinieren vertraute Tracks, zerlegen sie und setzen sie neu zusammen, schauen, was da noch an Potenzial in ihnen steckt. Dabei kommt immer wieder durchaus Erstaunliches zum Vorschein.

Unter dem irrlichternden Titel „Σ(No,12k,Lg,17Mif) New Order + Liam Gillick: So it goes...“ überdachten, de- und rekonstruierten New Order eine Fülle an Material. Das Album ist bei Mute/PIAS erschienen.
Unter dem irrlichternden Titel „Σ(No,12k,Lg,17Mif) New Order + Liam Gillick: So it goes...“ überdachten, de- und rekonstruierten New Order eine Fülle an Material. Das Album ist bei Mute/PIAS erschienen.

Nie aber trieben sie die De- und Rekonstruktion so weit wie bei den gefeierten Auftritten beim Manchester International Festival 2017, die eben als Triple-Vinyl-Album und Doppel-CD unter dem erratischen Titel „Σ(No,12k,Lg,17Mif) New Order + Liam Gillick: So it goes...“ veröffentlicht wurden. Sie bilden auch den Grundstock für die große Europa-Tour in diesem Jahr, die sie nach Oslo und Athen, nach Madrid, Paris und Prag und schließlich – im Oktober – auch in die Münchner Philharmonie und ins Berliner Tempodrom führen. Das passt.

Bernard Sumner, Gitarrist und Sänger von New Order Foto: Elvis Gonzales/epa/picture alliance/dpa
Bernard Sumner, Gitarrist und Sänger von New Order Foto: Elvis Gonzales/epa/picture alliance/dpa

Denn New Order treten mit Orchester, genauer mit dem zwölfköpfigen Synthesizer-Ensemble des Royal Northern College of Music, auf. Und auch mit dem namhaften Bildenden Künstler Liam Gillick, der auch schon im New Yorker MoMA ausstellte. Was ist neu? Nicht die Tatsache, dass weiterhin Joy Division-Titel und eine breite Auswahl aus vier Jahrzehnten New Order-Geschichte auf dem Programm stehen; eher schon, dass und wie hier Musik verdichtet, zugleich intensiver und abstrakter wird.

Die Studio-Shows

  • Die Show:

    Im Sommer 2017 kehrten New Order auf die Bühne der Old Granada Studios in Manchester zurück. Das Album wurde am 13. Juli 2017 live aufgenommen und beinhaltet auch die Zugabe sowie drei zusätzliche Tracks, die während ihrer Residency aufgezeichnet wurden.

  • Das Album:

    „Ʃ(No,12k,Lg, 17Mif) New Order + Liam Gillick: So it goes“ ist als Triple-Vinyl (ca. 60 Euro) und Doppel-CD (ca. 17 Euro) via Mute/[PIAS] erschienen.

Bestes Beispiel ist vielleicht „Your Silent Face“. Da wird das Sound-Design zunehmend komplexer, schichten New Order mehrere Ebenen übereinander. Auf dem Grund liegt ein weitgehend analoges Getrommel, sehr stakkatohaft und repetitiv, darüber zerrissene Synthie-Percussion mit einer Vielzahl fetzenhafter Gimmicks, noch weiter oben ein Synthie-Streichorchester, dessen berückende Melodien und Harmonien quer zur Härte des Grunds liegen und schließlich dann noch der Gesang, sparsam und eindringlich, der die Lyrics, in bester Pop-Tradition, auf Slogans und Parolen reduziert, die den Kern unserer Existenz betreffen.

Mal in „∑(No,12k,Lg,17Mif) New Order + Liam Gillick: So it goes.“ reinhören? Bitte sehr!

Das Stück „Ultraviolence“:

Das Stück „Sub-Culture“:

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