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Hiphop

Nicki Minaj und das Ende des Sexismus

Die erfolgreichste Rapperin der Pop-Geschichte spielt souverän mit allen sexuellen Klischees und führt sie damit ad absurdum.
Von Helmut Hein

Nicki Minaj erhielt im August bei den MTV Video Music Awards die Auszeichnung für das beste Hip-Hop-Video für „Chun-Li“. Foto: Evan Agostini/dpa
Nicki Minaj erhielt im August bei den MTV Video Music Awards die Auszeichnung für das beste Hip-Hop-Video für „Chun-Li“. Foto: Evan Agostini/dpa

Nicki Minaj erscheint mit ihren ausufernden Körperformen auf den ersten Blick als monströse Sex-Barbie, die die Frau scheinbar aufs Comic-Format reduziert oder, wie man in diesem Fall besser sagen müsste, aufbläst. „Ihr Arsch macht einen auf Dauer ein bisschen fertig“, fasste es die Autorin Juliane Liebert im „Spiegel“ im August leicht irritiert und ziemlich drastisch zusammen. Liebert ist eine junge Autorin, die eben mit ihrer #MeToo-Erzählung „Der Montagsbuddha oder Beate Beate Beate“ Aufsehen erregte. Zwar fühlt sie sich – wie vermutlich viele – Nicki Minajs Physis mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Und doch verfasste sie keine Schmähkritik, sondern ist hin- und hergerissen. Am Ende ihres Essays kommt Liebert, die auch als Popkritikerin arbeitet, zu der Conclusio: „Manchmal denkt man, der Mainstream-Pop muss ein Abrüstungsabkommen mit sich selbst aushandeln, sonst explodiert er irgendwann.“

Denn das ist ja große Kunst, das Ureigene massentauglich zu machen

Mainstream-Pop? Nun, zunächst einmal ist Minaj die mit Abstand erfolgreichste Rapperin der Geschichte. Alle ihre Alben schießen in Amerika sofort auf Platz eins und Altstars wie Bob Dylan oder die Stones müssen schon sehr die Hälse verrenken, wenn sie die Youtube-Aufrufzahlen von Minaj-Videos in den Blick bekommen wollen: 2, 2 Milliarden ist da keine Seltenheit. Minajs Stimme ist die schärfste, entschiedenste, drängendste zumindest seit Aretha Franklins Ableben. Sie bewegt sich in avanciertestem HipHop-Umfeld – „Trap“ nennt man ihre düsteren Beats gern – und doch ist das Etikett Pop nicht völlig falsch für die Performance der 35-Jährigen. Denn das ist ja große Kunst, das Ureigene massentauglich zu machen.

Sehen Sie hier das mit einem MTV-Award ausgezeichnete Video zu „Chun-Li“:

Wer Kim Kardashians Hintern schon für „bigger than life“ hält, hat mit Sicherheit noch nie Minaj in „Anaconda“ gesehen. Und wer bisher der Auffassung war, überoptimale Auslöser in dichtester Form gebe es nur in Comics, wenn einsam-juvenile Zeichner ihren Fantasien freien Lauf lassen, den muss natürlich Nicki Minajs Anblick frappieren: schmalste Taille, riesige Brüste, ausladende Hüften. Diese Frau setzt ihre Waffen gern überbietend in „battle rap“-Duellen mit Möchtegern-Konkurrentinnen ein. Sie tut das so ungeniert obszön, dass man es hier nicht zitieren kann („explicit lyrics“ steht als Warnhinweis auf all ihren Alben), aber gleichzeitig so enthemmt-ironisch, dass nicht nur ihr manchmal das verschmitzteste Lachen auskommt.

Nicki Minaj: Schauspiel und Musik

  • Kindheit: Nicki Minaj wurde 1982 im karibischen Inselstaat Trinidad und Tobago geboren.

  • Ausbildung:

    2003 absolvierte sie ein Schauspiel- und Musikstudium in Manhattan.

  • Leinwand:

    Als Schauspielerin trat Nicki Minaj unter anderem im Film „Die Schadenfreundinnen“ auf. 2010 veröffentlichte sie ihr erstes Album. Heuer erschien ihr viertes Werk mit dem Titel „Queen“.

Das Cover des Albums „Queen“ von Nicki Minaj Foto: Universal Music/dpa
Das Cover des Albums „Queen“ von Nicki Minaj Foto: Universal Music/dpa

Nicki Minaj bringt, nicht als passiv-williges Objekt, sondern als allzeit souverän-aggressives Subjekt, den Sexismus in der Musik an sein endgültiges Ende. Mehr geht einfach nicht. Und zugleich verarscht sie – im Wortsinn! - Männer, deren Blicke und Beziehungsformen noch entwicklungsbedürftig sind. Auf ihrem neuen Album „Queen“ nimmt sie ihre männlichen Rivalen in bester Manier der ermordeten Rap-Legende The Notorious B.I.G. der Reihe nach durch wie nach gefloppten Dates. Drake etwa endet verzweifelt-sehnsüchtig heulend zwischen ihren Beinen. Das Stück heißt übrigens „Barbie Dreams“.

Lesen Sie hier eine Besprechung des im August erschienenen Albums „Queen“.

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