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Album

Nils Frahm und seine Melodien

Im Kopf des Berliner Tonkünstlers klingt „All Melody“ – so jedenfalls nannte er sein neues Album, das jetzt erschienen ist.
Von Angelika Sauerer

  • Minimalismus ist seine Eigenart: Nils Frahm. Foto: Alex Schneider
  • Nils Frahm, Weltstar jenseits des Mainstreams Foto: Alex Schneider

Wenn Nils Frahm in sich hineinhört, ist alles Melodie, ganz bestimmt. Denn seit er als Kind die ersten Tasten drückte, am Klavier oder am Kassettenrekorder, später am Fender Rhodes, an Synthesizern, Rhythmusmaschinen, Samplern, und Computern, um zu spielen, aufzunehmen, wiederzugeben, was in ihm klingt, begleiten ihn Töne, Schwingungen, Akkorde und Rhythmen. Jetzt hat er verdichtet, was er in den letzten Jahren in sich hörte. „All Melody“ heißt das Album, soeben ist es erschienen. Und wenn man ihm Glauben schenkt, dann ist es doch ganz anders geworden, als er es plante. „Im Prozess der Fertigstellung bringt jedes Album wohl nicht nur ans Licht, was es ist, sondern vielleicht noch wichtiger: was es nicht geworden ist.“ Was es nicht geworden ist, das weiß allerdings nur er.

„Die Musik, die ich in meinem Inneren höre, kann ich scheinbar nur für mich selbst spielen.“

Nils Frahm, Musiker

Nils Frahm ist, ohne Übertreibung, ein Weltstar. Und alle, die den 35-jährigen gebürtigen Hamburger und Wahlberliner dennoch nicht kennen, mögen sich vielleicht wundern, warum ein so völlig unprätentiöser junger Mann mit moderner Musik, in der er so vermeintlich sperrige Dinge wie Klassik, Elektronik, Techno, Jazz und Ambient mischt, Konzertsäle wie das Londoner Barbican im Februar gleich viermal hintereinander füllen wird. Paris, Brüssel, Amsterdam, Kopenhagen, Toronto und freilich Hamburg, München, Köln – alles ausverkauft. Wie lange es in New York und Tokio noch Karten geben wird, ist fraglich.

In Berlin stellte er das neue Album gerade verschanzt und verspielt in seiner Burg von Tasteninstrumenten im Funkhaus Nalepastraße im Großen Saal 1 vor. Vier Abende, auch diese ausverkauft. Es war ein Heimspiel. Im gleichen Bau, der ehemaligen DDR-Rundfunkanstalt, hat Nils Frahm seit wenigen Jahren sein Studio im Saal 3.

Nils Frahm und sein neues Album

  • Der Pianist

    und Komponist veröffentlichte seit 2005 13 Solo-Alben und -EPs. Er arbeitet auch mit anderen Musikern, so 2016 als Nonkeen mit Frederic Gmeiner und Sebastian Singwald („The Gamble“). 2015 gewann sein Soundtrack für Sebastian Schippers Film „Victoria“ die Lola.

  • All Melody

    ist für ca. 13 Euro (CD) bei Erased Tapes/Indigo erschienen (MP3 ca. 10, Vinyl ca. 24 Euro).

Wie aus der Zeit gefallen repräsentiert sich der 50er-Jahre-Chic ein wenig bombastisch am Spreeufer, wo Berlin schon nicht mehr Großstadt ist, sondern ganz Stadtteil, ganz Oberschöneweide. Aus der Zeit gefallen auch die Musik von Nils Frahm, ein Solitär, in die Ohren der Zuhörer verpflanzt, ohne Bezug zum Mainstream drumherum. Oder sollte man sie besser zeitlos nennen? Klassisch im Sinne von lateinisch classicus – „erstrangig, mustergültig“ – ist sie in jedem Fall.

Nils Frahms Album „All Melody“ ist für ca. 13 Euro (CD) bei Erased Tapes/Indigo erschienen (MP3 ca. 10, Vinyl ca. 24 Euro).
Nils Frahms Album „All Melody“ ist für ca. 13 Euro (CD) bei Erased Tapes/Indigo erschienen (MP3 ca. 10, Vinyl ca. 24 Euro).

Sie ist das, was entsteht, wenn man alles, was war, erst mal auseinandernimmt, reduziert und neu justiert. Das machte Frahm mit seinem Äußeren: Er rasierte die verwuschelten Haare ab, kürzte den Bart. Zuvor das Studio: Sämtliche Kabel, Leitungen, Vertäfelungen mussten raus, dann wieder rein. Neue Einbauten kamen hinzu, ein Mischpult, eine Orgel. So wuchs ein Ort, an dem etwas wachsen kann.

Frahm mit neuer Frisur: Die verwuschelten Haar sind weg. Foto: Alex Schneider
Frahm mit neuer Frisur: Die verwuschelten Haar sind weg. Foto: Alex Schneider

Nur ein Teil von dem, was Frahm in Tagen und Nächten – nicht selten schlief er auf einer Matratze im Studio – umtrieb, passte auf die knapp 75-minütige Platte. Schade? „Nein, warum? Wenn du Bildhauer bist, weinst du ja auch nicht jedem Stein hinterher, den du abschlägst.“ Weniger ist mehr und Minimalismus Frahms Eigenart. „Die Musik, die ich in meinem Inneren höre, wird wohl nie auf einem Album landen – denn ich kann sie scheinbar nur für mich selbst spielen.“ Was nach außen dringt, diesmal in überraschend warmen Tönen übrigens, reicht völlig.

Nils Frahm auf mittelbayerische.de – hier geht es zur Besprechung seines Soundtracks zu „Ellis“ und hier lesen Sie die Vorstellung von „The Gamble“, das er mit Nonkeen veröffentlicht hat.

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