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Höchstpersönlich

Nur Linien und die Leere dazwischen

Peter Nowotny war Pressesprecher und Software-Ingenieur. Heute ist er einer der bedeutendsten Künstler Ostbayerns.
von Helmut Hein, MZ

Peter Nowotny Foto: altrofoto.de
Peter Nowotny Foto: altrofoto.de

Vater und Sohn sitzen sich in der Lobby eines Hotels in der Schwarzmeermetropole Odessa gegenüber. Die Stimmung ist denkbar schlecht. Eigentlich wollten sie am nächsten Tag mit dem Taxi nach Altposttal weiterfahren. Altposttal war früher ein deutsches Dorf in Bessarabien an der Ostgrenze des Habsburger Reichs. Heute liegt es in Moldawien, dieser jungen Republik aus der Konkursmasse der untergegangenen Sowjetunion. Peter Nowotny will nach Altposttal, weil dort sein Großvater einst als Bauer und Imker lebte. Nowotny ist ein Avantgardist, experimentierfreudig, der Zukunft zugewandt. Dazu gehört für ihn aber auch ein Bewusstsein der Herkunft.

Odessa-Altposttal scheint mir nicht gerade der kürzeste aller Wege. „Drei Stunden Fahrt“, hat sich Nowotny ausgerechnet. Öffentliche Verkehrsmittel stehen nicht zur Verfügung. Taxis sind die einzige Möglichkeit – und gottseidank relativ billig. Die Schwierigkeiten liegen woanders. Erst in Odessa haben Vater und Sohn erfahren, dass es für eine solche Fahrt über Grenzen hinweg einer Genehmigung bedarf – und die haben sie allen Bemühungen zum Trotz nicht bekommen: Die Bürokratie hat ein solides Fundament aus alten Habsburger Zeiten, wurde in sieben Jahrzehnten Sowjetkommunismus noch monströser und hat alle Umbrüche offenbar weitgehend unbeschadet überstanden. Ihre Mühlen mahlen langsam, ihre Resultate sind unberechenbar. So, wie es aussieht, haben die beiden die weite Reise umsonst unternommen. Vater und Sohn trinken noch ein Glas, um Kummer und Trauer nicht übermächtig werden zu lassen. Da setzt sich ein Mann zu den Fremden an den Tisch. Man kommt ins Gespräch, die Nowotnys klagen ihm, sonst ist ja keiner da, ihr Leid. Er hört zu und nickt bedächtig. Am nächsten Morgen haben sie die Erlaubnis. Peter Nowotny erzählt diese Geschichte aus mindestens zwei Gründen so ausführlich. Zum einen, weil er sich für seine private Historie interessiert und dieses Interesse (zu Recht!) auch bei anderen voraussetzt, zum anderen aber auch, weil man wissen muss, dass der Großvater und dann auch der Vater Imker waren, um seine eigene Kunst zu verstehen. Nowotny ist als Künstler sehr formbewusst, er beschäftigt sich mit Marken und Logos und er verfügt, wie er das nennt, über eine „Corporate Design-Farbe“. Die ist gelb und ziert sogar seine Briefköpfe. An seinem Gelb sollt ihr ihn erkennen. Gelb ist die Farbe der Imker.

Peter Nowotny, Jahrgang 1953, von seiner Ausbildung her Diplom-Ingenieur, hat früh zu malen oder eher: zu zeichnen begonnen. Diese Unterscheidung wird später noch eine wichtige Rolle spielen. Das Schlüsselerlebnis war eine Griechenlandfahrt mit dem VW-Bus als Student. Ein Freund hatte einen Aquarellblock dabei. Man verbrachte lange Tage und Nächte am Strand und in den Tavernen; Nowotny tastete sich hier, auf dem Peloponnes, unter Ausnahmebedingungen an die Erkundung der Formen und Farben heran – und konnte dabei feststellen, dass seine Bemühungen nicht ganz talentfrei waren. Diese Griechenlandbilder wurden zum Grundstock einer ersten, halbprofessionellen Ausstellung in der Produzentengalerie in Schwabing in den 1970er Jahren.

Lebenserfahrungen fließen in Nowotnys Kunst mit ein

Karriere aber machte er zunächst bei der Post, später nach der Aufspaltung bei der Telekom. In schwierigen Umbruchs- und Aufbauzeiten war er anfänglich, von 1990 bis 1998, Pressesprecher, später, als sich herumsprach, dass man da einen medientechnikaffinen Diplom-Ingenieur in den eigenen Reihen hatte, wurde er mit der Frequenzzuteilung für die lokalen Radio- und Fernsehsender betraut, noch später mit Qualitätsmanagement und schließlich, bundesweit, für die Software-Einführung des neuen DSL-Standards. Nowotny: „Ich war da plötzlich der Chef von 40 Leuten.“ Aufregende Tage, Wochen, Monate, Jahre begannen, ohne feste Arbeitszeiten, immer auf Achse, „Berlin, Hamburg, Düsseldorf“. Es war viel los. Nur die Kunst lag brach.

Das hat sich im letzten Jahrzehnt, nachdem sich Nowotny nach getanem Werk in einen großzügig dotierten Vorruhestand verabschieden konnte, gründlich geändert. Seitdem gehört er zu den bedeutendsten Künstlern der Region. Wieder, muss man sagen. Denn er hatte ja schon in den 1990er Jahren für bundesweites Aufsehen gesorgt, als er mit Raoul Kaufer, seinem ästhetischen Double, die Avantgarde-Gruppe „Gesellschaft für Unterttagebau“ gegründet und mit „Memopolis“ den ersten Internet-Friedhof ins Leben gerufen hatte. Da ging es um virtuelle Erinnerungen und was man mit ihnen anstellt, um anonyme Beerdigungen im digitalen Raum. Die beiden veranstalteten dazu ein Symposion. „Spiegel“, „Süddeutsche“, „FAZ“ und Deutschlandfunk berichteten aufwendig

Mit Raoul Kaufer arbeitet Nowotny übrigens bis heute zusammen, unter anderem in der Künstlergruppe „PARADOXA“, zu der auch Stefan Ebeling gehört. Und seine eigene Kunst? Die ist unverwechselbar. Und geprägt von Familien- und Berufserfahrungen. Schon sein Großvater hatte gesagt: „Wenn du Imker bist, siehst du die Welt ein wenig anders“. Das gilt auch für Nowotny. Sein Blick ist beides: sehr sinnlich und sehr strukturell. Wie viele große Künstler der Vergangenheit sucht er nach dem logischen Aufbau der Welt, nach ihrem mathematischen Grund, nach dem, was bleibt, wenn alles Vergängliche vergangen ist.

Nur vordergründig handelt es sich bei dem, was er tut, um Malerei im üblichen Sinn. Nowotny: „Meine Gemälde sind große Zeichnungen.“ Und was fasziniert ihn? „Die Linie und die Leere dazwischen.“ Die Reduktion der Fülle der Welt, der Körper auf die Linie und die Leere dazwischen empfindet er als große Herausforderung. Wenn man ihn nach seinen künstlerischen Wurzeln fragt, dann nennt er spontan die Gotik, die Ikonenmalerei, den russischen Konstruktivismus. Unübersehbar ist aber zudem der Einfluss von Mode und Werbung. Auch da findet sich ja die Konzentration auf das sinnfällige, wiedererkennbare Zeichen. Eine zentrale Rolle in seinem Werk spielt der Spiegel: als Realität wie als Metapher. Nowotny: „Mit dem Spiegel werden die persönlichen Inszenierungen überprüft.“ Im Zeitalter eines allgemeinen Narzissmus verschiebt sich die cartesische Cogito-Lehre. Es heißt nicht mehr „Ich denke, also bin ich“, sondern viel eher: Ich versichere mich meiner Existenz durch den Blick in den Spiegel und durch das Bewusstsein, dass mich die anderen anschauen.

In ganzen Serien setzt er sich mit der „Burka“-Mode auseinander

Peter Nowotny hat viel über Mode nachgedacht, über das Kleid als zweite, „konturierende“ Haut, über die Dialektik von Verbergen und Zeigen, von Ver- und Enthüllung. Nowotny: „In meinen Arbeiten spiegele ich die Verhüllungen, Verkleidungen und Masken als soziales Ornament.“

„Ornament“ ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis seiner Kunst – und des Ortes, den er im Kampf der Kulturen einnimmt. In ganzen Serien setzt er sich mit der „Burka“-Mode auseinander, der Reduktion des Körpers auf die Kontur, auf die Umrisslinie und die Leere dazwischen. Die Obsession der europäischen Kunst waren Akt und Porträt; die Hochreligionen, vor allem die des Ostens (Judentum, Islam) verbieten beide. Nowotny: „Mich interessiert das Spannungsfeld zwischen Abbildung und der konkreten Kunst, also zwischen Figuration und Ornament.“ Und als wäre noch nicht klar, was er meint, nennt er das, was ihn beschäftigt: „eine Reflektion zwischen Okzident und Orient.“

Peter Nowotny ist jetzt schon seit längerem Künstler der Galerie ArtAffair. Wie kam es eigentlich dazu? Ganz einfach: Nowotny marschierte als Fremder in die Galerie, hinterließ seine Visitenkarte, auf der sich ein Verweis auf seine Website fand. Schon kurze Zeit später meldete sich Galerist Karl Friedrich Krause, auch er ein Medien-Junkie, ein im Wortsinn allseits Neugieriger: „Sieht gut aus. Kann ich vorbeikommen?“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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