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Musik

Odette: Ich schaue, wer du bist

Ihr Debüt „To A Stranger“ wurde in Australien und England gefeiert, jetzt kommt die Australierin nach Deutschland.
Von Helmut Hein

Die Australierin Odette nennt ihr Debüt „To A Stranger“ eine Studie ihrer Gefühlswelt. Foto: Cybele Malinowski
Die Australierin Odette nennt ihr Debüt „To A Stranger“ eine Studie ihrer Gefühlswelt. Foto: Cybele Malinowski

Sydney.Mehr als drei Jahre hat die mittlerweile 21-jährige Odette an ihrem Debüt-Album „To A Stranger“ gearbeitet. Es begann mit minimalistischen Song-Skizzen, die vor allem von der Unruhe und Haltlosigkeit des post-pubertären Teenagerlebens handelten. Odette verstand sich zunächst als Lyrikerin. Sprache benutzte sie als Mittel der Selbsterforschung. Sie selbst sagt dazu: „Ja, ich habe immer schon gerne Gedichte geschrieben.“ Und fügt dann hinzu: „Das merkt man wohl auch meinen Songs an.“

„To A Stranger“ ist bei Caroline International/ Universal Music erschienen.
„To A Stranger“ ist bei Caroline International/ Universal Music erschienen.

Das reine Spiel mit Worten stand bei ihr lange im Zentrum, erst später entdeckte sie die Ausdrucksmöglichkeiten, die ihr das Singen und Musizieren bieten können. Wobei es vermutlich mit dem langen und langsamen Entstehungsprozess zusammenhängt, dass die fertigen Lieder oft wie Montagen oder Collagen wirken, in die unterschiedlichste Stile und Genres eingehen. Viele sprechen von einer Mischung aus Soul, Jazz und Pop. Das Wichtigste wird dabei oft übersehen: der Einfluss der HipHop- und Spoken Word-Tradition.

Der Gesang von Odette hat mit dem früherer Soul- und Jazz-Ladys kaum mehr etwas zu tun. Es geht bei ihr nicht um Ekstase oder Hingabe, nicht um Melodien, die sich im Übermaß der Gefühle auflösen. Bei ihr ist alles klar und drängend. Oft nähert sich das Stakkato der hinausgeschleuderten Worte dem Sprechgesang an. Auf die Melodie als Bedeutungsträger wird über weite Strecken verzichtet. Wie beim Rap steht eine andere Form des Geschichtenerzählens, die Etablierung einer Art nicht zensierbarer Gegenöffentlichkeit des rohen, unverblümten Aussprechens der sonst unterdrückten „Wahrheit“ im Zentrum.

Album und Konzerte

  • Biografisches:

    Odette begann mit 17, an ihrem Debüt zu arbeiten. 2018 war es für die australischen Aria-Awards nominiert.

  • Album:

    To A Stranger ist bei Caroline (Universal) erschienen. Der MP3-Download kostet ca. 11 Euro.

  • Live:

    am 23.2. in Köln (Artheater), 24.2. in Berlin (Badehaus), 25.2. in Hamburg (Nochtwache)

„Die härtesten Jahre meines bisherigen Lebens“

Odette über das Erwachsenwerden

Odette ist freilich, verglichen mit der HipHop-Szene, keine politische Künstlerin, es sei denn, man geht von der weiteren Sixties-Definition aus, dass auch und gerade das Private politisch sei. Sie erklärt die Jahre des langsamen Erwachsenwerden mit all seinen Brüchen zu den „härtesten meines bisherigen Lebens“. Die Suche nach einer eigenen Identität anstelle der in der Erziehung vermittelten verläuft über zahlreiche, oft gereizte (Selbst-)Beobachtungen, die manchmal in die Tücken und Fallen gesteigerter Reflexion rutschen, wie sie einst der Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawik beschrieb. „Watch me read you“: Sie fordert ihr Gegenüber auf, sie dabei zu beobachten, wie sie versucht, ihn zu „lesen“, also seine verborgenen Innenwelten zu entziffern. Wobei der logische nächste Schritt lautet, ich schaue dir dabei zu, wie du dasselbe bei mir versuchst.

Odette widmet sich auf ihrem Album der Entzifferung verborgender Innenwelten. Foto: Cybele Malinowski
Odette widmet sich auf ihrem Album der Entzifferung verborgender Innenwelten. Foto: Cybele Malinowski

Natürlich geht es um Ängste und Sehnsüchte, auch Vorwürfe und Kränkungen, wie sie typisch für die Adoleszenz, also das meist krisenhafte Heranwachsen sind. Aber Odette versucht jede Form von Weinerlichkeit zu vermeiden, sie rückt den Problemen lieber mit – wenn das Paradox erlaubt ist – heftiger Präzision zu Leibe. Die Art der Instrumentation und der Arrangements unterstützt sie dabei. Oft beginnen die Songs mit Piano-Kürzeln, dann setzt ein reduziertes, aber den Grundrhythmus vorgebendes Schlagzeug ein, später kommen, wenn sie – sie scheut weder Poesie noch Pathos – die „brennenden Seiten“ ihres Lebens umblättert, chorische Passagen hinzu und ein Gesang, der mit einem Mal emphatisch und expressiv wird. Wunderbares Album!

Hier eine kleine Hörprobe: „Watch Me Read You“ von Odette:

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