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Kultur
Donnerstag, 16. August 2018 30° 1

Musik

Ohrenkitzel aus Niederbayern

Nach „Bayern Delüxe“ gibt’s Nachschlag von Maria Reiser. Die Lieder produziert sie bei einem Drummer: ihrem Mann.
Von Marianne Sperb

„Herzhaft-deftige Musik, die aus dem Herzen kommt – und direkt ins Ohr geht“: Maria Reiser Foto: www.bayern.by/Gert Krautbauer
„Herzhaft-deftige Musik, die aus dem Herzen kommt – und direkt ins Ohr geht“: Maria Reiser Foto: www.bayern.by/Gert Krautbauer

Abensberg.Inspirierter Glamrock, vogelwilder Bayernpop und ein Schuss Jazz: Kaum zu glauben, wie viel unterschiedliche Musik in dem eingegrünten Eigenheim in Abensberg brodelt. Stephan Ebn wohnt hier mit seiner Frau Maria Reiser und dem Rest der Familie. Jeder macht sein eigenes Ding – und manchmal auch gemeinsame Sache. Wie aktuell: Im Studio entstehen gerade neue Lieder von Maria Reiser, produziert von ihrem Mann.

Die 38-Jährige gilt als Erfinderin des Jodelpop. Im Hofbräuhaus in Las Vegas wurde ihr Mix aus Elektro, Pop-Rock, Hip Hop und Dancehall als „Bavarian Wildstyle“ etikettiert. Ihre Musik klingt nach Hubert von Goisern, LaBrassBanda und Alanis Morissette. In Wahrheit, bekennt die Musikerin und Sängerin auf ihrer Homepage, handelt es sich „um herzhaft-deftige Musik, die aus dem Herzen kommt – und direkt ins Ohr geht“.

Maria Reiser und Band im Studio: Die neue Single heißt „Watschnbam“. Foto: www.bayern.by/Gert Krautbauer
Maria Reiser und Band im Studio: Die neue Single heißt „Watschnbam“. Foto: www.bayern.by/Gert Krautbauer

Einige Jahre belegten die Familie und die beiden Kinder einen Schwerpunkt. Jetzt sind die Kleinen langsam aus dem Gröbsten raus und die beruflichen Projekte nehmen wieder rasant Fahrt auf. Nach dem Album „Bayern Delüxe“ (2017) gibt’s Nachschlag. „Watschnbam“ wird die erste Single aus der neuen Scheibe von Reiser & Band heißen. Die Abensbergerin ließ sich inspirieren „von den frechen Kindern zuhause und der täglich ausgesprochenen, aber wirkungslosen Drohung vom Watschnbam“; sie entwickelte daraus einen bissigen, gleichzeitig eingängigen Song. „Grantlhofa“ ist einem grantigen Wirtshaus-Sitzer gewidmet; das Lied geht dem Grund für das „zwiederne Gschau“ nach.

Eine Supergroup der Siebziger

Das Abensberger Studio ist die Ideenschmiede von Drummer und Musikproduzent Stephan Ebn, der daneben eine zweite Adresse hat: MagicMangoMusic in Denkendorf bei Ingolstadt. In den Studios produziert er Songs, Alben oder Soundtracks für Filme wie die Komödie „Männerhort“ (2014, mit Elyas M’Barek und Detlev Buck). Der 40-Jährige hat aktuell eine ganze Reihe Pfeile im Köcher. Das vielleicht ambitionierteste Vorhaben, das nicht nur die Fans von Middle of the Road elektrisieren dürfte: die Gründung einer Supergroup mit dem Sound der Siebziger.

Stephan Ebn an den Drums in Abensberg Foto: Sperb
Stephan Ebn an den Drums in Abensberg Foto: Sperb

„Wir sind ja immer wieder mal unterwegs zusammen: die Jungs von Sweet, Slade, Smokie, Sailor, den Rubettes oder Ten CC“, erzählt Ebn. Die Bands gehören öfter gemeinsam zum Line-up bei Classicrock-Konzerten. Der Niederbayer verfolgt die Idee, profilierte Köpfe verschiedener Bands zu einer neuen Formation zusammenzuholen, zu einer Art All-Stars-Group, die Songs verschiedener Bands featuret. „Erste Gespräche“, sagt er, „laufen gerade.“

Stephan Ebn, Schlagzeuger und Musikproduzent

Stephan Ebn erzählt über seine Pläne: Hier im Video

Middle of the Road hatte in den 1970ern eine große Zeit; mit Songs wie „Chirpy Chirpy Cheep Cheep“ und „Sacramento“ schuf sie Pop-Klassiker. Stephan Ebn gehört seit 2005 zu der schottischen Band, als Jüngster im Kreis. Gitarrist Ian McCredie aus der Gründerriege zum Beispiel ist Jahrgang 1948 – und immer noch gut drauf. 2018 tritt die Band bei diversen TV-Shows der öffentlich-rechtlichen Sender auf. „Zwei bis drei neue Songs“ will Middle of the Road dort auspacken.

Der Drummer war viel unterwegs mit Middle of the Road und spielte vor Zehntausenden Fans, zum Beispiel in der Arena Gelsenkirchen. Auf Tour mit der italienischen Rockröhre Gianna Nannini erlebte er denkwürdige Auftritte wie die Silvestershow 2008/2009 in Rom, mit 250 000 Menschen vor der Bühne. „Aber es hat alles seinen Reiz“, meint Ebn. „Vergangene Woche war ich mit meiner Frau auf einer Almhütte im Allgau, vor vielleicht 100 Leuten. Das war sehr nah, sehr schön.“

In den USA, wo die Musikproduzenten denen auf dem Kontinent um 20 Jahre voraus waren, lernte der Instrumentalist auf Tour mit The Boys um Ethan Reilly, wie das Musikbusiness tickt. Heute ist der Niederbayer musikalisch breit aufgestellt. Er steht für Rock und Pop, befasst sich aber auch mit Jazz und hat gerade eine weiß-blaue Produktion fertiggestellt: die CD „Lederhosn Amore“ von D’Hundskrippln. Die sechs, sieben Jungs aus Oberbayern hatten ihren Song „Gloana Bauer“ im Studio Denkendorf in Eigenregie produziert. Das Video wurde 2015 ein viraler Hit und erreichte ziemlich bald rund eine Million Klicks. Das Label Universal horchte auf, überlegte, wer eine CD mit den Bayern-Punkern aufnehmen könnte – und klopfte in Abensberg an. Im April 2018 kam das Album auf den Markt.

Stephan Ebn produziert pro Jahr vier, fünf neue Alben. Foto: Sperb
Stephan Ebn produziert pro Jahr vier, fünf neue Alben. Foto: Sperb

Von rund 30 Songs schafften es 14 auf die CD. Der Titelsong erzählt von einem, der sich einfach wohl fühlt in seiner Lederhosn. „De Oane“ ist eine Hymne an die Mama, „Geile Nocht“ vermittelt Partyfeeling. „Bei einem Majorlabel wie Universal geht es ums Verkaufen“, sagt Ebn unumwunden. „Das heißt aber nicht, dass alles völlig weichgespült und geglättet werden muss.“ „So echt wie möglich“ sollte der Bierzelt-Punk der Hundskrippln auf der CD klingen. Für einige Songs setzte sich Ebn selbst ans Schlagzeug.

Ein Video mit Maria Reiser sehen Sie hier.

Der Produzent sieht den Bayern-Pop ganz allgemein in gefährlichen Gewässern. Der freche Sound kam nach der Fußball-WM 2006 auf, zusammen mit einem neuen Heimatbewusstsein. „Plötzlich war es nicht mehr uncool, Tracht zu tragen.“ Interpreten wie LaBrassBanda und Claudia Koreck lieferten die Lieder zum Gefühl. „Bis 2013, 2014 ging das gut“, sagt Ebn. „Aber dann passierte, was immer passiert: Es wird überdreht, zu viele springen auf, der eine kopiert den anderen und das Angebot wird größer als die Nachfrage.“ Heute müsse man sich etwas einfallen lassen, um nicht im Bayern-Pop-Brei unterzugehen. Deshalb klingen „Watschnbam“ und „Grantlhofa“ von Maria Reiser auch moderner und einen Tick internationaler.

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