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Kultur

Oper: Karl V. im See der Geschichte

Spektakuläre Inszenierung, herausragende Musik: Die Bayerische Staatsoper triumphiert mit Ernst Kreneks „Karl V.“
Von Juan Martin Koch

Bildgewaltig: Scott MacAllister, Bo Skovhus, Gun-Brit Barkmin, Staatsopernchor und La Fura dels Baus in Kreneks „Karl V.“ Foto: Wilfried Hösl
Bildgewaltig: Scott MacAllister, Bo Skovhus, Gun-Brit Barkmin, Staatsopernchor und La Fura dels Baus in Kreneks „Karl V.“ Foto: Wilfried Hösl

München.Der Beginn ist grandios: Aus der riesigen Projektion von Tizians „jüngstem Gericht“ löst sich zu Karls Abdankungsmonolog plötzlich eine lebende Gestalt und beginnt zu klettern, geradewegs Tizians Himmel empor… Doch bald zerfällt das Bild, übrig bleibt ein unzusammenhängendes Mosaik rechteckiger Einzelteile.

Die Lebensbeichte, die Karl V. in Ernst Kreneks 1933 vollendeter Oper gegenüber dem jungen Mönch Juan de Regla in San Yuste ablegt, ist ein ebensolches Mosaik. Die bruchstückhaften Erinnerungen an bedeutsame Stationen, das von Juan eingeforderte Reflektieren getroffener Entscheidungen, der in der Rückschau wieder durchlebte Zweifel und Schmerz – all das muss sich in Kreneks gewagter, Episches und Opernhaftes unter einen Bogen zwingender Konzeption nicht runden.

Regisseur Carlus Padrissa hat zusammen mit seiner Ausstatterin Lita Cabellut einmal mehr starke Bilder, technisch extrem gut gemachte Videoprojektionen, ein mit Spiegelwänden facettenreich funkelndes Bühnenbild und seine gewohnt körperpräsente Truppe „La Fura dels Baus“ aufgeboten, um des in seinen zeitgeschichtlichen Implikationen extrem komplexen Stücks Herr zu werden. Spektakulär seilen sich die Akrobaten von einem Weltenrad ab, von dem aus dann auch gleich ein Großteil der Bühne unter Wasser gesetzt wird. Durch diesen See der Erinnerung waten fortan jene historischen Figuren, die Karl imaginiert: die wahnsinnige Mutter; Luther, der mit seiner Lehre Karls Vision eines durch den Glauben geeinten Europas gefährdet; der französische König Franz I., dem er um des Friedens willen seine Schwester zur Frau gibt.

Überwältigender Bo Skovhus

Das sind immer wieder eindrückliche Auftritte, doch wenn Padrissa zur Personenführung Karls nicht mehr einfällt, als diesen in den Rückblenden aufrecht und in der Rahmenhandlung vorne an der Rampe altersbedingt gebückt auf und ab gehen zu lassen, schmälert dies die Tragfähigkeit von Kreneks ohnehin heikler Dramaturgie doch erheblich.

Was der überwältigende Sängerdarsteller Bo Skovhus durch seine vokale und körperliche Präsenz spielend wettmacht, gelingt Janus Torp in der Sprechrolle des Juan nicht. Er bleibt ein blasser, von Padrissa alleingelassener Gegenpart.

Mit der heiklen Entstehungsgeschichte – Kreneks mit der österreichischen Politik der frühen 1930er Jahre kompatible Stoffwahl und die durch faschistische Intrigen verhinderte Uraufführung an der Wiener Staatsoper – hat Padrissa nichts am Hut. Auch zu der im Vorfeld betonten europäischen Vision Karls, die das Stück mitverhandelt, bezieht seine Inszenierung kaum Stellung. Heutige Relevanz beschwört er nur im zweiten Teil etwas bemüht herauf, als die Landsknechte in modernem Gewand davon singen, dass sie Deutsche, nicht Weltenbürger sein wollen. Am Ende setzen sie, Karls Wahlspruch „Plus ultra – immer weiter“ auf den Lippen, zur Erstürmung des Zuschauerraums an.

Klangsinnliche Zwölfton-Partitur

Der süffige, gekonnt mit Oberflächenreizen spielende Zugriff des katalanischen Regieteams hält das Publikum der streckenweise erdrückenden Textfülle zum Trotz bei der Stange. Dies tut mindestens zu gleichen Teilen aber auch die Musik. In der farbig weit aufgefächerten, zwischen kammermusikalischer Durchsichtigkeit und blechbeladenem Ausdruckswillen fein abstufenden Lesart des amerikanischen Dirigenten Erik Nielsen entfaltet Kreneks meisterhaft orchestrierte, klangsinnliche Zwölfton-Partitur ihre ganze Qualität. Was die Bayerische Staatsoper neben dem souverän-kraftvollen Chor an Ensemblequalität aufbieten kann, ist immer wieder verblüffend. Diesmal brillierten an der Seite des alles überragenden Protagonisten Skovhus vor allem Gun-Brit Barkmin als Eleonora und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Franz I.

Am Ende ließen sich alle zu Recht für den durchaus nicht vorhersehbaren Krenek-Triumph feiern, und das Regieteam genoss, teils barfuß, teils in Gummistiefeln, das Bad im Publikumsjubel.

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