MyMz

Buch

Ottfried Fischer weiß, wo die Heimat ist

Ottfried Fischer lotet in seinen Erinnerungen den „niederbayrischen Dauerselchzustand“ der „schwarz geräucherten Seelen“ aus.
Von Michaela Schabel

Ottfried Fischer – hier als Festredner bei der Eröffnung des „Bayerischen Dramenwettbewerbes“ 2018 im Landestheater Niederbayern – ist auf der Bühne und im Fernsehen zuhause. Mit seinem Buch ist er in Erinnerungen beheimatet.Foto: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern
Ottfried Fischer – hier als Festredner bei der Eröffnung des „Bayerischen Dramenwettbewerbes“ 2018 im Landestheater Niederbayern – ist auf der Bühne und im Fernsehen zuhause. Mit seinem Buch ist er in Erinnerungen beheimatet.Foto: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Passau.2008 gab Ottfried Fischer bekannt, dass er an Parkinson leidet. Lange im Rollstuhl kann er jetzt wieder die 120 Stufen zu der von seinen Großeltern geerbten Wohnung in Passau, die er barrierefrei sanieren ließ, wieder hinaufgehen. Am 27. September erscheint sein neues Buch „Heimat ist dort, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen“. Es handelt sich um eine Autobiografie in vier Kapiteln. Fischer lässt seine niederbayerisch-oberbayerische Vergangenheit Revue passieren.

Wortgewaltig, in langen Schachtelsätzen, kabarettistisch überhöht erzählt er 200 Seiten lang aus seinem Leben, um den „niederbayrischen Dauerselchzustand“ der „schwarz geräucherten Seelen“ noch einmal auszuloten. Er lästert ab über Gott und die Welt, von Sokrates bis zur Kirche. Aber im Grunde kennt man, zumindest als bodenständiger Zeitgenosse, all die Geschichten bayerischer Urigkeit, die einmal mehr die hinterwäldlerischen Klischees heraufbeschwören, in denen natürlich jede Menge Realität steckt.

Im „bayrisch Kongo“

Ottfried Fischer beginnt im „Wald“ mit einer detaillierten Lagebeschreibung seines heimatlichen Einsiedlerhofes Ornatsöd bei Untergriesbach im Bayerischen Wald nahe Passau mit Blick ins österreichische Mühlviertel. Er erzählt von markanten Typen im „bayrisch Kongo“, bei denen sich der granitene Untergrund auf den Schädel ausgewirkt hat, und der Kneipenknigge. Wer nicht pariert wird „aufgekranzelt“, was so viel heißt wie zusammengefaltet, wie Ottfried Fischer oberlehrerhaft erklärt. Es soll schon jeder verstehen, was das Bayerische so meint. Ottfried Fischer will hinaus aus der provinziellen Enge der Kleinbauern und „imperialistischen Großbauern“ auf die „Bretter“ der Welt, um sie kabarettistisch zu weiten und in fragwürdigen Fernsehsendungen seinen eigenen Stellenwert zu erkennen. Er verklärt nicht, zieht vielmehr sehr kritisch Bilanz. Dem Feedback einer jungen Frau, wie schlecht der „Bulle von Tölz“ gewesen sei, stimmt er zu und entschuldigt sich monologisch mit dem Zwang, eben auch etwas verdienen zu müssen.

Die Facetten des Ottfried Fischer

  • Bühne:

    Als gemütlicher, zuverlässiger Bayer er spielte sich Ottfried Fischer über Film und Fernsehserien ein Millionenpublikum. Er wurde am 7. November 1953 auf dem Bauernhof Ornatsöd bei Untergriesbach im Bayerischen Wald geboren. Nach dem Abiturin Fürstenzell studierte er einige Semester Rechtswissenschaften. Das Kabarett faszinierte ihn mehr. Der Kabarettist und Schauspieler 1976 mitbegründete er die Kabarettgruppe „Machtschattengewächse“, das Hausensemble im Münchner Hinterhoftheater.

  • Fernsehen:

    Mit dem ersten Soloprogramm „Schwer ist leicht was“ begann seine Karriere. In den 1980er Jahren wurde Ottfried Fischer durch die TV-Serien „Irgendwie und Sowieso“ und „Zur Freiheit“ bayernweit bekannt, als Polizeihauptkommissar in „Der Bulle von Tölz“ zum Kult.

  • Als Moderator von „Ottis Schlachthof“ gab Ottfried Fischer Nachwuchs-Talenten die Chance, sich zu präsentieren. Als Autor präsentiert er jetzt „Heimat ist dort, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen“, erschienen im Ullstein Verlag

Zwischen der Gegenwart im Krankenhaus als Folterkammer umgeben von Spionen und Wachträumen eines Lebens ohne Rollstuhl wird ihm „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!“ zur Devise seines durch Krankheit stark eingetrübten Alterungsprozesses. Selbstironisch dekliniert Ottfried Fischer die eigene Kabarettgruppe „Machtschattengewächse“ und seine einstmals großen Vorbilder der 70er und 80er Jahre durch die Fälle der Bedeutungslosigkeit. In einen historischen Rückblick im ironischen Zeitraffer-Format schwenkt er vom originellen „Märchen vom Tauwetter“ in die bayerisch-ironischen Love- and Peace-Fragwürdigkeiten, von Woodstock bis nach Prag, von der Kubakrise 1962 bis zur Studentenrevolte 1968 und „idyllisiert“ mit selbstironischem Unterton mit Joe Cockers „With a little help from my friends“.

In „Der Bulle aus Tölz“ wurde Ottfried Fischer zum Kult.Foto: Ursula Düren/dpa
In „Der Bulle aus Tölz“ wurde Ottfried Fischer zum Kult.Foto: Ursula Düren/dpa

Die Geschichten gleiten in ein hintergründig simples Potpourri von Erinnerungen ab, in denen die Stars, Konstantin Wecker, Franz Xaver Bogner, Helmut Dietl und Zeitgeistphänomene von einst aufleuchten, aufgebrezelt durch Fischers kabarettistische Vorliebe parterre Inhalte urbayerisch oder mit ausgefallenen Fremdwörtern eklektisch aufzuplustern. Der Münchner Schlachthof in der „Zenettistraße 9“ wird ihm zur Metapher als „Kontakthof zwischen Stadt und Land“. Zehn Seiten lang fabuliert er in epischer Breite zwischen ausgewalzten Klischees und derben Triebvorstellungen.

Hinaus in die „Welt“

Noch weiter hinaus aus Bayern ins globale Rund parodiert er die „Welt“ als Party eines alternden CSUlers mit seiner asiatischen Frau, ersten Opernerfahrungen bis zu Karl Obermayr in New York. Die bayerische Heimat ist überall präsent, selbst auf der Sehnsuchtsinsel Hawaii. Diesem Spektakel folgt die „Heimkehr“ nach Passau, wo die autobiografische Reise über mehr als ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte mit Anekdoten, Geschichten und Gedichten als Stadtrundgang auf den Pfaden seiner Oma endet.

Was lässt ihn, diesen Ottfried Fischer „vom gottlosen München“ wegziehen „hinein ins fromme Bistum Passau“ trotz der Schwellenängste an Randsteinen und Brücken? Die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Einheimischen, gesteht Ottfried Fischer. Es ist eben die Heimat und die „is a G’fui“, das man nicht unbedingt erklären kann, aber ständig erfährt. „Heimat ist dort, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen“ und letztendlich dort, wo die anderen noch leben, wenn man selbst schon woanders ist. Letztendlich erfährt man nichts Neues. Es ist vor allem ein Buch für Ottfried-Fischer-Fans.

Weitere Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht