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Kammeroper

Parabel über die Verstrickung in ein böses Spiel

„Der letzte Virtuose“ setzt immer wieder an und verheddert sich, trotz einer guten Stimm- und Personenführung.
Von Michael Scheiner, MZ

Die Buchhalterin (Misaki Ono) und der Geigenbauer (Kai Günther) suchen eine unschuldige Seele, die für das vollkommene Instrument sterben muss. Foto: Juliane Zitzelsperger/ Theater Regensburg

Regensburg. Immer wieder setzt er den Bogen an. Doch kein Ton, keine Melodie, kein Kratzen kann „Der letzte Virtuose“ (Falko Hönisch) seinem Instrument entlocken. Resigniert sinkt sein Arm mit dem Geigenbogen ein ums andere Mal herunter. Verzweifelt blickt er ins Publikum, während hinter ihm drei in Schlafsäcke vermummte Körper auf die abgedunkelte Bühne rollen. Ein berserkerhaftes Klanggewitter, das kommendes Unheil ankündigt, vertreibt den glücklosen Maestro in die unerlöste Leere eines Gescheiterten. Am Ende der dichten, einstündigen Kammeroper des Dänen Lars Klit steht der angestaubt wirkende Geiger im tadellosen Frack wieder vor den – inzwischen zumindest teilweise irritierten – Zuschauern. Diesmal mit einem blutigen Messer statt eines Bogens in der Hand. Und mit einem Erbarmen heischenden Blick, mit dem er um Entschuldigung zu bitten scheint.

Thriller, makabres Märchen, psychologisches Drama oder diffuses Melodram. Das als Schauderoper für das Königlich Dänische Theater in Auftrag gegebene kompakte Stück um eine Geige mit magischem Klang, mittels der – reinen – Seele einer jungen Frau, kann als Parabel oder Metapher auf die aussichtslose Verstrickung aller Beteiligter in ein böses Spiel gelesen werden. Wobei der Plot – die Jungfrau, die für den bezaubernden, geheimnisvollen Klang einer Geige herhalten muss, egal ob der Tod des unschuldigen Mädchens (Mirella Hagen, Sopran) natürlich eintritt oder bewusst herbeigeführt wird – so geistlos und öde daherkommt, wie die Trunkenheit eines Alkoholikers.

Der Junge stürzt sich ins Messer

Es geht aber natürlich um etwas anderes, um die Liebe insbesondere. Ersehnt vom Sohn (Brent L. Damkier), der vom Vater, dem heruntergekommenen und abgebrannten Geigenbauer, gnadenlos heruntergemacht und zum „Tier“ abgestempelt wird. Als das junge – wieso unschuldige? – Mädchen in der reusenartigen Schleuse auftaucht, sieht er seine Chance, die ersehnte Bestätigung des Vaters zu erringen. Er muss das Mädchen, das geflohen ist, umbringen. Im marode vor sich hin bröckelnden Grau der klaustrophobischen Situation – symbolhaft für den beschädigten Zustand der drei Figuren – bildet der Durchgang, der durch Licht zur goldenen Verheißung stilisiert wird, das Versprechen nach Erlösung. Die freilich nicht kommt. Wie sollte sie auch.

Die Buchhalterin (Misaki Ono) erblickt im Virtuosen, der seine Geige bis zum abendlichen Auftritt repariert haben will, die Aussicht, an frühere, bessere Zeiten anzuknüpfen. Der Geigenbauer, stimmlich und spielerisch beeindruckend präsent Kai Günther (Bariton), die Gelegenheit ein vollkommenes Instrument zu schaffen. Der Junge verliebt sich, stürzt sich selbst ins Messer – auch eine Art Erlösung – nun ist der Virtuose höchstselbst gefragt. Das Ende bleibt diffus.

Barbarische Gewalt, klirrende Poesie

Musikalisch ist die erste Hälfte interessanter mit kurzen dunklen Motiven, wellenartig hereinbrechenden Klangsplittern, eruptiven Ausbrüchen, Ballungen und düsteren Klangstimmungen. Hier stechen vor allem eine schwere Posaune, Geige und Keyboard hervor. Wie mit Peitschenhieben zerfetzt die E-Gitarre die in kaltes Licht getauchte Betonwerkstatt, die immer wieder von bedrohlichen Erschütterungen getroffen wird. Lars Klit bedient sich für sein vorwiegend elektrisch besetztes Ensemble eines Motivs aus der amerikanischen Mysteryserie Twin Peaks des Regisseurs David Lynch, das er paraphrasiert und darüber gesanglich hoch anspruchsvolle Gesangspartien legt.

In der zweiten Hälfte dominiert ein bluesgetränkter Rocksound mit durchgehendem Rhythmus, der im ersten Teil noch zerhackt und hakenschlagend daherkommt. Die teils retardierend hervorgestoßenen Texte kommen manchmal wie Rezitative daher und bilden mit einer überzeugenden Personenführung und eindrucksvollen stimmlichen Leistungen den Höhepunkt der Inszenierung von Mareike Zimmermann.

Trotzdem können ein gelungenes Bühnenbild (Sascha Gratza), das trotz seiner Metaphorik einiges im Dunkel lässt, eine insgesamt gute Inszenierung und interessante Musik, die aber im zweiten Teil etwas verflacht, nicht über grundsätzliche Mängel des Stücks hinweghelfen. Das sind eine allzu abstruse Story und altbackene Klischees, aus welchen auch eine moderne Form wenig Honig in Form von Spannung, Dichte und Überwältigung saugen kann. „Der letzte Virtuose“ ist ein reichlich bemühter Zwitter, dessen barbarische Gewalt sowenig erschüttert, wie die klirrende Poesie empor zu tragen imstande ist.

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