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Party für einen Toten: Regensburg gedenkt Wolfgang Grimm

Mit dem Buch „Bin sofort zurück! Wolfgang“ erinnert Manfred Grimm im Andreasstadel an seinen verstorbenen Bruder.
Von Helmut Hein, MZ

Manfred Grimm (links), der Bruder des am 28. September 2007 in Regensburg verstorbenen Wolfgang Grimm, stellte mit seiner Frau Christiane und Stefan Göler das neue Buch „Bin sofort zurück! Wolfgang“ vor. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Draußen, in der nassen Kälte vor dem Andreasstadel, steht eine Riesentraube von Menschen mit gereckten Hälsen. Alle Türen sind weit offen, der Vorraum ist überfüllt, drinnen im Akademiesalon drängen sich die Menschen. Kein Durchkommen.

Pietät als große Party. Da hilft nur eins: sich an die Fersen des Hausherrn Stefan Göler heften, der einst in den wilden 80ern mit Grimm und ein paar anderen das längst legendäre „Kunst-Werk“ in der Wöhrdstraße gründete, und sich bis zur improvisierten Bühne durchkämpfen. Dort steht ein überwältigter Manfred Grimm, seit dessen frühem Tod der Sachverwalter der Erinnerung an seinen verstorbenen Bruder Wolfgang und an ein wichtiges Kapitel Regensburger Stadtgeschichte.

Wichtig ist ihm der Hinweis, beim Preis von immerhin 4o Euro für das im renommierten „Lichtung“-Verlag erschienene Buch nicht ganz unwichtig, dass alles „non profit“ sei, dass niemand auch nur einen Cent daran verdiene. Im Gegenteil: Ein Euro pro Band fließt in eine Stiftung für den Künstlernachwuchs: Denn Wolfgang Grimm war nicht nur ein wilder Maler, sondern auch ein umsichtiger Pädagoge. Dass an diesem Abend so viele junge Menschen da sind, zeugt vom Erfolg seiner Arbeit als Kunst- und Lebenslehrer an der Montessori-Schule.

Kampf gegen den Wissens-Verlust

Am Ende schreit Manfred Grimm noch nach „der alten Sau“, einem tönernen überdimensionierten Schwein, das auf dem langen Weg zu ihm durch die Reihen wandern soll: Eintritt wird an diesem Abend, der auch eine Art Kulturprogramm, ein ästhetisches Memento all der Weggefährten bietet, nicht erhoben. Jeder soll der „alten Sau“ soviel geben, wie ihm die Sache wert ist und er oder sie gerade entbehren kann. Dann gibt Manfred Grimm die Bühne frei. Die GRAZ-Kollegin von einst, Barbara Krohn, betritt sie und bittet Stefan Göler dazu. „Das Didgeridoo ist leider krank“: Jetzt muss die Bratsche aushelfen, wenn sie „gefährdende“ (oder „gefährdete“) Lyrik vorträgt. „Jazz & Lyrik“ nannte man das in Peter Rühmkorfs 1950ern.

Viele Beiträger waren anwesend. Aber der Held dieses Präsentations-Abends war natürlich das bemerkenswerte Buch. Und nicht weniger bemerkenswert war die Tatsache, dass ein toter Künstler offenbar so viel mehr Menschen bewegen kann als der lebende, der so unübersehbar, am drastischsten vielleicht in einem langen Gespräch im Sommer 2007, ein paar Wochen vor seinem Tod, an den Brüchen in der Kooperation, am Abreißen von Lebensfäden, an der „Antwortlosigkeit“ bei seinen Initiativen litt.

„Ein Besuch im Regensburger Atelier des Künstlers Wolfgang Grimm“ lautet der Untertitel des Buchs. Er ist so etwas wie Programm, Leitfaden, in immer neuen Variationen wiederkehrendes Motiv. Dieses Kunst-Requiem auf Papier ist als dichteste Spurensuche angelegt. Nichts ist dabei harmlos. Was wie ein bloßer Scherz erschien – oder wie ein Spiel mit Vorurteilen – wird postum zum Menetekel: „Schreckhafter Künstler“, baumelte an einem Schild vor der Ateliertür, das Vorwitzige vom Eintreten abhalten sollte. Heißt das schon: Der Künstler ist ein Seismograph, der alle Beben registriert und vor der Zeit – also wenn noch Zeit bliebe – den Ahnungslosen ankündigt, die, alte Crux der Kassandra, nichts davon wissen wollen. Und am Ende (zer)bricht er selbst.

Noch ein zweites Eintritts-Motto wählte Wolfgang Grimm: „Pure Vernunft darf niemals siegen.“ Heißt das, wie Gerd Burger meint, dass dieser Künstler ein „Feuerkopf“ war, der immer neue Projekte „ausheckte“? Was ist denn ein Feuerkopf? Muss man nicht eher von zunehmender Verzweiflung sprechen, weil die Kommunikation der „Herzen“ aus dem Bereich jenseits der berechnenden Vernunft, der allzeit kalten, wenn auch vielleicht moralisch aufgeplusterten Ratio versagt(e)? Von „Gedächtnisforschung“ sprach Gerd Burger in seiner Rede bei der Trauerfeier für Grimm am 8. Oktober 2007, die im Buch abgedruckt ist. Jeder werde jetzt sich selbst erforschen; und die „Welt“ – so wie Wolfgang Grimm es immer schon tat; und verschärft, mit schmerzender, beunruhigender Intensität, seit ihm in Folge einer tückischen Krankheit alles, was er erfahren hatte und damit auch die eigene Identität abhanden zu kommen drohte. Kunst war für ihn Kampf gegen die täglichen Verluste, die Dummheit des Nicht-(Mehr-)Wissens.

Feindbild und Seelenverwandter

Das Buch betreibt auf seine Weise auch „Gedächtnisforschung“ – mit vielen Bildern, die nicht zuletzt der unermüdliche „Szene“-Dokumentarist Wolfgang Ruhl beisteuerte, mit vielen Zeitungsartikeln über Wolfgang Grimm und seine Arbeit und mit einer Fülle persönlicher (und immer auch ein wenig politischer) Statements.

Am intimsten, am nächsten an einer Grenze, die man nicht überschreiten kann, ist vielleicht der Brief seiner Stieftochter Hanna, der er noch im letzten Lebensjahr sein „Hannabuch“ widmete und die ihn mehr beschäftigte als irgendetwas sonst. Sie schreibt: „Ich habe meinen besten Freund, meinen Vater, mein Vor- und Feindbild und meinen Seelenverwandten verloren.“ Und sie fasst diese schwierige Symbiose, die am Ende, wie sie jetzt meint, heilsam war, so zusammen: „Ich hatte immer das Gefühl, zu sehen, was du siehst, zu leiden, worunter du leidest, zu wissen, was du weißt, zu spüren, was du spürst.“

„Bin sofort zurück! Wolfgang.“ Ein Besuch im Regensburger Atelier des Künstlers Wolfgang Grimm, Lichtung Verlag. 452 Seiten, 40 Euro.

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