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Kultur

Paul Holz: Randfiguren als Hauptmotiv

Er zeigte das Los der Mühseligen und Beladenen: Das Kunstforum in Regensburg erinnert an den Zeichner Paul Holz.
Von Ulrich Kelber

Ein Blick in die Ausstellung „Schlachter des guten Gewissens. Der Zeichner Paul Holz“ im Kunstforum Ostdeutsche GalerieFoto: Lukas und Zink
Ein Blick in die Ausstellung „Schlachter des guten Gewissens. Der Zeichner Paul Holz“ im Kunstforum Ostdeutsche GalerieFoto: Lukas und Zink

Regensburg.Es müssen nicht immer die großen Namen der Kunstgeschichte sein. Denn mit dem Nachruhm ist es oft eine heikle Sache. Immer wieder gibt es überraschende Entdeckungen. Staunend steht man dann vor den Werken eines weitgehend in Vergessenheit geratenen Künstlers, ist überrascht und berührt von der Intensität seiner Bilder. Das gilt auch für den 1938, also vor 80 Jahren, gestorbenen Zeichner Paul Holz. Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie hat sich bereits 1984 mit einer von Dr. Werner Timm und Dr. Rupert Schreiner kuratierten Ausstellung darum bemüht, auf diesen ungewöhnlichen Mann aufmerksam zu machen. Neben Beständen aus der eigenen Grafiksammlung des Museums war diese Ausstellung vor allem bestückt mit Leihgaben aus dem Besitz der Künstler-Tochter Christiane Holz.

Leihgaben aus Berlin

Kurz vor ihrem Tod hat Christiane Holz 2006 eine ganze Reihe von Museen mit den Grafiken ihres Vaters beschenkt. Der Hauptanteil ging an die Berliner Akademie der Künste, aber auch das Regensburger Kunstforum bekam zahlreiche Blätter. Aus diesem Berliner und diesem Regensburger Fundus hat nun Dr. Nina Schleif, die Leiterin der Grafiksammlung des Kunstforums, die Auswahl für die neue Ausstellung getroffen. Ihr hat sie den martialisch anmutenden Titel „Schlachter des guten Gewissens“ gegeben. Das ist ein Zitat aus einem Schreiben von Paul Holz an den Münchner Verleger Reinhard Piper.

Schlachter des guten Gewissens: In den Grafiken von Paul Holz gibt es keine „heile Welt“. Als Nachfahren von Goya, der ja vor allem ein Chronist der Grausamkeiten seiner Zeit war, könnte man ihn bezeichnen. Tatsächlich ist bei der Ausstellung auch ein Goya-Buch aus der Bibliothek von Paul Holz zu sehen, der hier unbedruckte Seiten – wie auch bei vielen anderen seiner Bücher – mit eigenen Zeichnungen versehen hat. Wenn man nach künstlerischer Verwandtschaft sucht, dann lassen sich in dem Werk von Paul Holz viele Parallelen zu Käthe Kollwitz, zu Edvard Munch oder zu Ernst Barlach erkennen. Anklänge an Alfred Kubin finden sich (allerdings ohne dessen Hang zum Magisch-Phantastischen). Mit Otto Mueller war er befreundet. Eine düster-eindringliche Porträtzeichnung, die Holz von ihm geschaffen hat, ist bei der Ausstellung zu sehen. Verehrt hat Holz auch Heinrich Zille. Wenn es in Zilles „Milljöh“ um die Gescheiterten und die „Randexistenzen“ der Großstadt ging, so schilderte Paul Holz in seinen Zeichnungen die Nöte der „kleinen Leute“ auf dem Land.

„Schlafender Schlächter“ von Paul Holz Foto: Lukas und Zink
„Schlafender Schlächter“ von Paul Holz Foto: Lukas und Zink

Holz wurde 1883 in Riesenbrück geboren, einem pommerschen Dorf bei Pasewalk. Er stammte aus einer Bauernfamilie. 16 Kinder brachte seine Mutter zur Welt. Aber die meisten von ihnen starben früh. Die Konfrontation mit dem Tod wurde dann auch zu einem dominierenden Thema in den Zeichnungen. Ergreifend: die trauernde Mutter am Friedhof; oder auf einem anderen Blatt: der ausgemergelte Körper des tuberkulosekranken Bruders auf dem Totenbett.

Paul Holz konnte das Lehrerseminar besuchen und kam nach Stationen an verschiedenen Dorfschulen 1914 nach Stettin, wo das Museum noch im gleichen Jahr eine Reihe von Zeichnungen des Autodidakten erwarb. Erst 1924 konnte Holz in Berlin das Examen als Zeichenlehrer ablegen. Er bekam eine Stelle an einem Gymnasium in Breslau und wurde außerdem als Dozent an die Breslauer Kunstakademie berufen.

Der erste Rückschlag kam 1932: Die Breslauer Akademie wurde geschlossen (aufgrund der Brüning’schen Notverordnungen). Im April 1933 folgte als Einschüchterung durch die neuen Nazi-Machthaber die „Dienstenthebung“ als Lehrer. 1934 durfte er dann doch eine Stelle als Zeichenlehrer an der Kunstschule in Schleswig antreten. Das Wechselbad ging weiter: 1935 konnte in Berlin noch in einer Galerie eine große Holz-Ausstellung gezeigt werden, aber im gleichen Jahr wurden bei der Nazi-Aktion gegen „Entartete Kunst“ im Breslauer Museum auch etliche Zeichnungen von Paul Holz beschlagnahmt. Im Januar 1938 starb Paul Holz, erst 54 Jahre alt, in Schleswig nach einem Schlaganfall.

„Ich konnte immer nur zeichnen, was mich ergriff, im Innersten ergriff. “

Paul Holz, Künstler

Der künstlerische Weg von Paul Holz: In den Anfängen vor 1914 hat er sich zunächst mit dem Jugendstil auseinandergesetzt. Neben Zille fand er Anregungen bei den Simplicissimus-Karikaturisten. Blätter wie „Hafenkneipe“ oder „Im Wartezimmer beim Arzt“ deuten darauf hin. Später in Breslau bekam Holz das Angebot, Mitarbeiter beim Simplicissimus zu werden. Das schlug er, wie sich seine Tochter erinnerte, aus. Er war sich wohl bewusst, dass er weder als Karikaturist noch als Humorist taugte. Was er zeigen konnte, war der Ernst des Lebens.

Zur Ausstellung

  • Eröffnung:

    Die Ausstellung „Paul Holz: Schlachter des guten Gewissens“ wird heute um 19 Uhr im Kunstforum Ostdeutsche Galerie eröffnet. Am Sonntag, 7. Oktober, um 10 Uhr gibt es unter dem Motto „Mit Paul Holz im Zirkus“ eine spezielle Kindereröffnung.

  • Dauer:

    Die Ausstellung dauert bis zum 13. Januar. Ein umfangreicher Katalog ist im Verlag Klinkhardt und Biermann erschienen.

Dazu entwickelte er einen gleichermaßen realistischen wie expressiven Zeichenstil, wobei er für die Arbeit fast ausschließlich die Rohrfeder oder die Stahlfeder des Füllers nutzte. Am Expressionismus kritisierte Holz die Tendenz zum Pathos. Ihm ging es um Wahrhaftigkeit. Er selbst schrieb: „Ich konnte immer nur zeichnen, was mich ergriff, im Innersten ergriff. Blitzartig traf es mich oft. Oftmals langsam und schwer, dann auch spielend und leicht.“ Mal sind die Linien in den Zeichnungen ganz leicht gesetzt, dann wieder verdichten sie sich zu düsteren Geflechten. Von „Strichen wie die Hiebe eines Fechters auf die weißen Bogen des Zeichenblocks“ gesetzt, sprach Holz-Biograph Eberhard Troeger.

Bäuerliche Herkunft

Die dörflich-bäuerliche Welt seiner Herkunft bot Paul Holz eine Fülle von Motiven. Er zeichnete die von der Last der Arbeit abgehärmten Knechte, die knorrigen Schäfer, die Trunkenbolde, die Bettler, die Vagabunden, die Krüppel. Auch den Tieren schenkte er sein Mitleid. Einen ganzen Raum bei der Ausstellung füllen erschreckende Schlachthofszenen. Die Panik der Rinder und Schweine sowie das brutale Vorgehen der Metzger – das alles wird in den Zeichnungen festgehalten.

Wichtig für Paul Holz war auch die zeichnerische Auseinandersetzung mit Werken der Literatur. Auch hier zeigten sich seine thematischen Vorlieben. So haben ihn die Außenseitergeschichten von Knut Hamsun offensichtlich fasziniert und dabei besonders die skurrilen oder tragischen Gestalten wie „Der Uhrenpapst“ oder „Der Schiffer Skaaro“. Dostojewski ist ein weiterer Autor, mit dem sich Paul Holz intensiv beschäftigt hat, vor allem mit den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, in denen Dostojewski von seinen Schreckensjahren im sibirischen Straflager berichtet. Das Sterben im Gulag-Lazarett, die Opfer von Prügelstrafe und Spießrutenlauf, der sadistische Platzmajor, die kleinen Freuden der Gefangenen beim Bad oder beim Theaterspiel: Für all das findet Paul Holz eine erschütternde Bildsprache.

Das hohe künstlerische Können von Paul Holz wird bei der Ausstellung durch Gegenüberstellungen unterstrichen. Da erweist sich, dass seine Zeichnungen zu thematisch ähnlichen Arbeiten von Kollwitz, Kubin oder auch von Max Beckmann ebenbürtig sind.


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