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Kino

Paul Verhoeven provoziert meisterhaft

Viele seiner Filme waren Welterfolge und haften bis heute im Gedächtnis. Jetzt wird Paul Verhoeven 80.
Von Helmut Hein

Paul Verhoeven feiert am 18. Juli seinen 80. Geburtstag. Foto: Gregor Fischer/dpa
Paul Verhoeven feiert am 18. Juli seinen 80. Geburtstag. Foto: Gregor Fischer/dpa

Regensburg.Nichts ist, wie es scheint: So könnte das Motto fast aller Filme des holländischen Regisseurs Paul Verhoeven lauten. Du darfst deinen Augen nicht trauen, sonst schnappt die Falle zu. Wobei Verhoeven die These zuspitzt: Von der Täuschung bedroht sind nicht nur die Beobachter, Ermittler und Zeugen, sondern auch das handelnde Subjekt.

Wie sicher kann man seiner eigenen Erinnerungen sein, wie viel weiß man über seine intimsten Wünsche? In „Total Recall“ – nach einem Meisterwerk des SF-Kultautors Philip K. Dick – begegnet man einem Mann, welcher der bedrückenden Öde seines Zukunftsalltags dadurch zu entkommen sucht, dass er den Versprechungen einer Firma folgt und sich künstliche Erinnerungen „injizieren“ lässt.

Rebellisch statt langweilig

Der Zuschauer misstraut der Szene von Anfang an. Ausgerechnet Arnold Schwarzenegger soll ein trostloser Spießer sein? Ist er natürlich nicht, sondern ein rebellischer Held, den man schon einmal einer „Total Recall“-Prozedur unterwarf, damit er keine Gefahr mehr für das System darstellt. Die erneute „Injektion“ löst jetzt eine Art Wiederkehr des Verdrängten aus. Der Held besinnt sich seines wahren Seins – und der Mission, die er vergessen hatte. Oder ist in Wahrheit diese „recovered memory bloß der Trost, den die Firma ihrem Kunden spendet, damit er sein ereignisloses Leben kurz vergessen kann?

Philip K. Dicks Gedankenspiel ist tricky. Man findet weder den Anfang noch das Ende; und schon gar nicht das „unerschütterliche Fundament“, nach dem schon der Philosoph Descartes als Voraussetzung jedes Wissens und jeder Gewissheit suchte. Verschärft (im Wortsinn) wird dieses Szenario dadurch, dass ausgerechnet Sharon Stone seine Frau spielt, die, ohne dass sie etwas tun müsste, vor Erotik flirrt und Gefahr verströmt. Der Feind in meinem Bett? In „Total Recall“ verwandeln sich Liebe und Begehren in etwas zutiefst Abgründiges.

Das ist in „Basic Instinct“ – wieder mit Sharon Stone, aber diesmal mit Michael Douglas als Gegenpart – nicht anders. Kann es sein, dass ausgerechnet ein Detective, dessen Job es ist, Spuren lesen und Indizien interpretieren zu können, den Verstand verliert, wenn die nackten Triebe ihren Tribut fordern? Macht die Schönheit einer Frau sie besonders verdächtig? Oder wird sie dadurch entlastet, dass sie das Objekt des Verlangens so vieler ist?

Das Ende ist noch nicht das Ende

„Basic Instinct“ ist verstörend; nicht so sehr wegen seiner sexuellen Drastik; sondern weil Verhoeven uns nie zur Ruhe kommen lässt. Auch am Ende nicht, als der Fall schon gelöst scheint und der Detective meint, sich jetzt risikolos seinem Begehren hingeben zu können. Aber unter dem Bett wartet immer schon der Eispickel...

Verhoeven gehört zu den wenigen Europäern, die es in Hollywood geschafft haben: Als Genre-Regisseur, der aber die Regeln sehr frei auslegt, sie redefiniert und damit ungeahnte Fatalitäten entfaltet. All das, was man gar nicht so genau wissen will, kommt in seinen Filmen zum Vorschein. Am drastischsten in einem Spätwerk von 2016: „Elle“ – mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle –, das in der Tradition von „Total Recall“ und „Basic Instinct“ steht. Wobei aber Verhoeven hier anders erzählt und dadurch noch mehr Widerstände erzeugt. Widerstände, die bekanntlich immer – oder meist – vom Verdrängten ausgelöst werden.

Die bekanntesten Filme von Paul Verhoeven:

Im Zentrum von „Elle“ steht eine emanzipierte, erfolgreiche Frau, deren Leben aus den Fugen gerät, als sie in ihrem Haus vergewaltigt wird. Warum? Weil diese schreckliche Tat zum Trauma wird? Nein, weil sie ein dunkles Verlangen auslöst, zu dem man sich auch im Jahr vor MeToo kaum bekennen konnte. Die Proteste waren voraussehbar. Sie prallten aber an der klirrenden Kälte der Huppert ab, die sie als Schauspielerin einzigartig macht und die es ihr auch als Privatperson ermöglicht, Ambivalenzen auszuhalten, ja sie vielleicht sogar interessant zu finden.

Nichts ist, wie es scheint. Am Ende ist der Sohn der Heldin, der auch das dunkelhäutige Baby seiner Freundin als das eigene anzunehmen bereit war, der einzige wahre Täter, weil er den Vergewaltiger erschlägt, dem sich seine Mutter gerade lustvoll hingibt. Aber das ist jenseits seines Horizonts. Und vielleicht auch des Horizonts vieler Zuschauer, denen nichts so wichtig ist wie klare Verhältnisse. Die gibt es bei Verhoeven nicht.

Regisseur Paul Verhoeven bei der Arbeit Foto: Jan Woitas/dpa
Regisseur Paul Verhoeven bei der Arbeit Foto: Jan Woitas/dpa

Nie? Nicht einmal, wenn es sich an der Oberfläche nur um krudeste Genre-Filme handelt. „RoboCop“ (1987) etwa kann man durchaus als Reflexion über die Untiefen von Polizeiarbeit in zunehmend komplexen Gesellschaften lesen. Und sogar ein Film wie „Starship Troopers“ ist vielleicht nicht Gewaltverherrlichung pur, sondern eine vertrackte Militärsatire. Für „Showgirls“ (1995) erhielt Verhoeven – der ihn übrigens tapfer annahm – den Preis für den schlechtesten Film des Jahres; aber vielleicht nur, weil er für den Zeitgeschmack vor allem des prüden Amerika einfach zu nackt war.

Ein Dokumentarfilm über Verhoeven von 2016 heißt „Meister der Provokation“. Das ist vielleicht nicht originell, aber zutreffend. In diesem Film spricht der „alte“ Verhoeven Wahrheiten aus, die nicht zitierfähig sind.

Als Provokateur hat er auch begonnen. „Türkische Früchte“ (1973) war der Start von Verhoevens Welt-Karriere. Und steht noch heute bei You Tube auf dem Index. Verhoeven hat einfach die tränenselige „Love Story“, die ein paar Jahre zuvor Millionen Leser und Kinozuschauer zutiefst berührte, in seine Sprache übersetzt. Besonders tragisch ist es, wenn eine Frau sehr jung an Krebs stirbt, mit der man sehr guten Sex hatte. Am 18. Juli wird Paul Verhoeven 80. Altersweise werden ihn die wenigsten nennen.

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