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Polnische Freuden und russische Flüche

Der Regensburger Matthias Kneip und der Ukrainer Wladimir Sergijenko leisten äußerst humorvoll Aufklärungsarbeit in Sachen Osteuropa.
von Christine Strasser, MZ

Matthias Kneip liest im Café Europa auf der Leipziger Buchmesse .Foto: ct

Leipzig. Der Regensburger Autor Matthias Kneip hat es nicht leicht. Wenn bei dem Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt das Telefon klingelt, muss er auf alles gefasst sein. Eine Hausfrau, die ihn nach einem polnischen Rezept fragt. Einen Mitarbeiter der Bundeskanzlerin, der ein Zitat für eine Rede braucht. Eine Frau, die eine Tulpenallergie hat. Es stellt sich heraus, dass sie eigentlich zum Polleninstitut wollte.

Humorvoll erzählt der Schriftsteller auch in seinen Büchern über Polen. Bislang gibt es „Grundsteine im Gepäck“, „Polenreise“ und „Reise in Ostpolen“. Alle drei Bücher sind nun in dem Band „Polen–- Literarische Reisebilder“ vereint. Ein wuchtiges Buch, nicht nur weil es ein 524 Seiten dicker Wälzer ist. Bei seiner Lesung auf der Leipziger Buchmesse sind die Zuhörer gefesselt. Das liegt daran, dass Kneip sie mitnimmt auf seinem eigene Weg, der ihn nach Polen geführt hat.

Das Erste, was er von Polen hörte, klang chinesisch: Sto lat, sto lat, niech zyie zyie nam... Seine Eltern weckten ihn jahrelang mit diesem Lied an seinem Geburtstag. Trotzdem blieb Polnisch zunächst eine Geheimsprache, in der sich die Eltern unterhielten, wenn sie nicht wollten, dass sie die beiden Söhne verstanden. Kneip beschreibt seine Fehler beim Erlernen der Sprache. Ein Taxifahrer lacht, als Kneip ihn auf eine Kurve aufmerksam machen will. Denn kurva heißt auf Polnisch Hure und ist ein unanständiges, aber häufiges Schimpfwort.

Im zweiten Teil geht es- nach Polen selbst. Kneip beschreibt Orte, die für ihn Polen ausmachen. Beispielsweise die Kreuzung zwischen der Adalbertkirche in Breslau. Am Sonntag verlassen die Gläubigen die Kirche nach der Messe durch den Nebeneingang, um einer Prozession gleich in das Einkaufszentrum gegenüber zu gehen. Selbst im katholischen Bayern würde ihn diese Konstellation überraschen, sagt Kneip und hat die Lacher auf seiner Seite. Für Fortgeschrittene Polenreisende ist der dritte Teil, der nach Ostpolen führt. Darin entwickelt Kneip eine Theorie, warum niemcy, was ursprünglich auch „die Stummen“ bedeutete, heute im Polnischen für „die Deutschen“ steht.

Nach Kneips Lesung bleibt der Stargast der Buchmesse stumm. Michail Gorbatschow sagte seine Termine auf der Buchmesse ab. Der Rummel um die Vorstellung seiner Autobiografie war dem Ex-Kremlchef wohl zu viel. Was tun? Am liebsten fluchen. Am besten auf Russisch. Genau darüber hat Wladimir Sergijenko ein Buch geschrieben. In seiner Heimat, der Ukraine, ist das Buch noch nicht erschienen. Dort setzt das Gesetz die Verwendung von Schimpfwörtern mit der Verbreitung von Pornografie gleich, erzählt Sergijenko. Seine pointierten Kurzgeschichten sind in der Ukraine also gar nicht erhältlich. So ein...

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