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Kabarett

Publikum feiert einen Spötter

Der Berliner Frank Lüdecke nahm im Statt-Theater Politiker und Bildungssystem aufs Korn. Dafür bekam er „Hoch!“-Rufe.
Von Michael Scheiner

Kabarettist Frank Lüdecke  amüsierte die Zuhörer mit Absurditäten des Alltags. Foto: Michael Scheiner
Kabarettist Frank Lüdecke amüsierte die Zuhörer mit Absurditäten des Alltags. Foto: Michael Scheiner

Regensburg.„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Logisch, dass Frank Lüdecke den wohl berühmtesten Satz des Frankfurter Philosophen und Komponisten Theodor W. Adorno in seinem neuen Programm aufgreift. Aufgreifen muss, denn der Berliner Kabarettist schlüpft mit „Das Falsche muss nicht immer richtig sein“ selbst fortwährend in eine verkehrte Rolle.

So sinniert er anfänglich rückblickend, in der Vergangenheit manches „vielleicht zu negativ gesehen“ und damit Politikern Unrecht getan zu haben. Lüdecke geht sogar soweit „support“, also Unterstützung, für manche der zu Unrecht gescholtenen Minister zu verlangen. Lange währt die selbstkritische Zerknirschung des 57-jährigen Spötters allerdings nicht an. Schon im ersten Lied, das er anstimmt, beginnt er einen nach dem anderen mit elegantem Schwung von hintenrum wieder in die Pfanne zu hauen. „Werft einfach eure Vorurteile weg“, mahnt er seine Zuhörer, und „glaubt mit mir an Anja Karliczek“. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, eine gelernte Hotelfachfrau, stand mehrfach öffentlich in der Kritik, unter anderem mit dem Bekenntnis, inhaltlich von ihrem Ressort nichts zu verstehen.

Bei verkappter Bosheit und Politikerbashing belässt es Lüdecke natürlich keineswegs. In pointierten Ausführungen deckt er Ungereimtheiten aus dem Alltag und Berufsleben auf, findet die Absurditäten in der „Fridays-for-Future“-Bewegung – „Geschwister sind Klimakiller“ als Demo-Spruch – und rätselt, ob es eine „Kifferscham“ gebe. Immerhin würden bei der Herstellung von einem Kilogramm Haschisch über 4,2 Tonnen CO2 freigesetzt.

Klare Weltbilder der Älteren

Die Widersprüchlichkeit des heutigen Daseins sei darauf zurückzuführen, zitiert er führende Anthropologen, dass „die Gesellschaften zu komplex geworden sind“ und verweist auf die klaren Weltbilder der heute 60- bis 70-Jährigen: Also „des typischen Kabarettpublikums, Anwesende ausgenommen!“

Im grassierenden Populismus, wendet er den Blick mit der Frage, was eine Gesellschaft zusammenhalte, in eine andere Richtung, erkennt er weitsichtig „ein Kind der Wallstreet“. „Geld“ ist somit eine naheliegende Antwort, die er mit einem Ergebnis der Genforschung felsenfest untermauert.

Ab Frühjahr auf Tour

  • Preise:

    Lüdecke ist Träger des Deutschen und Bayerischen Kabarettpreises, des Deutschen Kleinkunstpreises und anderer Auszeichnungen.

Die „Gier von Führungskräften“, die zur Finanzkrise vor gut zehn Jahren geführt hat, sei eben „angeboren“. Aber er könne seine Wahlentscheidung doch nicht davon abhängig machen, welchen „Dopamin-Spiegel Verkehrsminister Scheuer“ gerade habe, wenn er die Einführung einer allgemeinen Maut beschließe.

Dann nimmt sich Lüdecke die Bildung vor und kommt mit Blick auf das schlechte Abschneiden deutscher Schüler zur Erkenntnis, dass „Schüler wieder Angst haben müssen“, denn „Jugendliche brauchen Orientierung“. „Unsere Schulen liegen noch in der Kreidezeit“, mäkelt er am Bildungssystem herum und fordert wegen der immer höheren Zahl von Influencern „dringend mehr Schlosser-Lehrstellen!“ Wie sollten „sonst herausragende Persönlichkeiten wie Dieter Bohlen und Herbert von Karajan“, der gleich zweimal in die NSDAP eingetreten sei, sich entwickeln können?

Hellauf begeisterte Zuhörer

Im zweiten Teil des Abends beschäftigte sich der Kabarettist mit gesellschaftlichen Visionen. Wie es weitergehe mit der Demokratie, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen aussehen könne und ob die Diktatur nicht doch die bessere, weil wesentlich effizientere Regierungsform sei? Schon vor Beginn des mal scharfzüngig-boshaften, mal fassungslos machenden Programms hatte Frank Lüdecke angekündigt, dass es Hänger geben könne. Der Abend sei eine Vorpremiere, um zu sehen, ob der Text und die Pointen säßen. „Draußen“, gestand er dem am Schluss hellauf begeisterten Publikum zu, „dürfen Sie lästern und schimpfen“. Aber „hier drin nicht!“, verbat er sich jegliche Unmutsäußerungen – und erntete wohlwollenden Applaus.

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