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„Rattendämmerung“ in Bayreuth

Hans Neuenfels‘ „Lohengrin“-Inszenierung ist der Publikumsliebling der Richard-Wagner-Festspiele – und das liegt nicht nur an Klaus Florian Vogt.
Von Britta Schultejans, dpa

  • „Lohengrin“, Probenfoto von 2014, hat bei den Bayreuther Festspielen das Publikum begeistert. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Ehemann Joachim Sauer kommen zur Wagner-Oper ’Siegfried‘ bei den Bayreuther Festspielen. Das Outfit der Kanzlerin hatte für Aufregung gesorgt. Foto: dpa

Bayreuth.Wer hätte das bei der Premiere vor vier Jahren gedacht – der Ratten-“Lohengrin“ von Regisseur Hans Neuenfels hat sich zum absoluten Publikumsliebling der Bayreuther Festspiele gemausert. Ein Zuschauer hält es bei der ersten Aufführung der Interpretation in diesem Jahr zwar für „pfui“, was da auf der Bühne geschieht. Doch sein Protestruf geht am Donnerstagabend im Jubelsturm unter. Bei der Premiere 2010 war das Finale, bei dem ein blutiger Embryo einem Ei entsteigt und sich selbst seiner Nabelschnur entledigt, noch beinahe im Buhkonzert untergegangen.

Es hat schon seinen Grund, dass der „Lohengrin“ auf dem Spielplan der Richard-Wagner-Festspiele bleiben darf und der jüngere, aber verkorkste „Tannhäuser“ von Regisseur Sebastian Baumgarten weichen muss. Denn damals wie heute gibt es eigentlich nichts zu meckern an dieser Inszenierung. Neuenfels‘ unterhaltsame Rattenkostüme, in die er den kompletten Chor steckt, die kühle aber stimmige Laboratmosphäre und eine eindrucksvolle Versuchsanordnung über Liebe und Hass, Vertrauen und Verrat lassen kaum jemanden kalt. Das liegt an diesem Abend vor allem an den Sängern – allen voran Klaus Florian Vogt in der Titelrolle.

Das Publikum feiert

Der Bayreuther Publikumsliebling wird frenetisch gefeiert - und kostet den Jubel aufreizend lange aus. Sichtlich genießt er es, sich immer wieder mit Bravo-Rufen und Getrampel für seine gefühlvolle, melodische und außergewöhnlich textverständliche Darbietung feiern zu lassen. Das ist Rekord in diesem Jahr. Soviel Zustimmung gab es nicht einmal für den verehrten „Ring“-Dirigenten Kirill Petrenko.

Auch die beiden wichtigsten Damen an diesem Abend, Edith Haller als Elsa von Brabant und Petra Lang als Ortrud, werden begeistert beklatscht – ebenso der Dirigent Andris Nelsons. Die musikalische Darbietung des Orchesters ist vielleicht nicht so stürmisch wie im „Holländer“ mit Christian Thielemann am Pult, aber fehlerlos und grundsolide, ohne langweilig zu sein.

Merkel ist wieder dabei

Die große Stärke von Regisseur Neuenfels: Seine Ideen passen zur Geschichte, die Bilder zur Musik, und was immer da auch auf Bühne geschieht – der Regisseur scheint sich dabei wirklich etwas gedacht zu haben. Seine Inszenierung ist streng durchchoreografiert und hat eine ausgesprochen ausgefeilte Personenführung.

Als Elsa in einem Glaskasten samt Gummi-Schwan angefahren kommt, spiegelt sich in den Scheiben Dirigent Nelsons bei der Arbeit - seltene und vom Publikum hörbar begrüßte Einblicke in den Bayreuther Orchestergraben. Als Lohengrin zum Schluss das große Geheimnis um seine Herkunft lüftet, wird aus einem überdimensionalen Fragezeichen an der Wand ein Rufzeichen - einfach, aber einleuchtend, effektiv und augenzwinkernd. Wenn Elsa und Ortrud in nahezu identischen, schwanenhaften Kleidern, die sich nur in der Farbe unterscheiden (Elsa natürlich in weiß, Ortrud in schwarz), umeinandertanzen, dann ist das vielleicht keine bahnbrechende Interpretation, aber es ist verständlich - und es sieht schön aus.

Dem Bayreuther Publikum – darunter an diesem Abend erneut Bundeskanzlerin Angela Merkel (diesmal in einem lila Zweiteiler, ihr Outfit am Tag zuvor hatte für Irritationen gesorgt) – gefällt so etwas. Und das gilt besonders am Tag nach dem umstrittenen „Siegfried“ von Regisseur Frank Castorf, an dem es so wirkte, als hätte das Publikum vor lauter Wut über den ungeordneten Castorfschen Ideen-Wust am liebsten das Festspielhaus auseinandergenommen. Ein Vorgeschmack auf das, was den Berliner Theatermann erwarten dürfte, wenn er sich nach der „Götterdämmerung“, dem letzten Teil von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, dem Publikumsurteil stellt.

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