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Performance

Rauminstallation zur Trachtenausstellung

Die Künstlergruppe Paradoxa wendet mit „Code“ die Schau „Heimat auf der Haut“ im Historischen Museum ins Raffinierte.
Von Helmut Hein, MZ

Zwei Plastikpuppen in der Rauminstallation „Code“ tragen Feigenblätter, mittendrin: Raoul Kaufer, Peter Nowotny und Stefan Ebeling (v. l.) von der Künstlergruppe Paradoxa.
Zwei Plastikpuppen in der Rauminstallation „Code“ tragen Feigenblätter, mittendrin: Raoul Kaufer, Peter Nowotny und Stefan Ebeling (v. l.) von der Künstlergruppe Paradoxa. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Gleich am Eingang des kleinen Raumes im Obergeschoss des Historischen Museums am Dachauplatz empfängt einen Vogelgezwitscher. Für menschliche Ohren klingt es eher monoton und seriell – passt dadurch aber durchaus zum Konzept der Rauminstallation oder vielleicht besser plastischen Performance der Künstlergruppe Paradoxa (Stefan Ebeling, Raoul Kaufer und Peter Nowotny). Aber auch der Ohrenschein kann manchmal trügen. Für die gefiederten Zweibeiner geht es da nämlich akustisch gewissermaßen zur Sache. Es handelt sich um raffinierte, manchmal sogar perfide Balzgeräusche, die dem einzigen Zweck dienen, das Weibchen in einen Zustand höchster sexueller Bereitschaft zu versetzen.

Was Eva verlockte

Dass die höhere Kultur sehr viel mit Sex zu tun hat, wusste bereits der Philosoph Hegel, der sich dazu in schwer überbietbarer Drastik, ja Obszönität äußerte. Aber auch das Buch Genesis unserer Heiligen Schrift kennt diesen Zusammenhang. In Kapitel 3, Vers 5 bis 7 erfahren wir, welche Verführungskraft von einem Verbot ausgehen kann. „Sobald ihr davon esst“, sagt Gott in bestürzender Zweideutigkeit ausgerechnet zur Frau, „gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ Das findet Eva attraktiv, wobei man nicht so genau sagen kann, was sie mehr verlockt: das Wissen oder die Macht. Sie kostet jedenfalls die verbotenen Früchte und reicht sie an ihren Mann weiter. Das ist der Moment, wo die beiden ihre paradiesische Unschuld verlieren und zu Mann und Frau werden: „Sie erkannten, dass sie nackt waren“, berichtet die Bibel; eine durchaus ambivalente Scham ist die Folge ihres Tuns.

Die Paradoxa-Rauminstallation mit dem Titel „Code“ hält diesen Moment oder vielmehr den Moment danach fest. Im Zentrum stehen zwei völlig transparente Plastik-Puppen, mühsam, aber vergleichsweise preiswert für 680 Euro aus China herbeigeschafft. Diese Puppen verbergen nichts, mit einer Ausnahme: das jeweilige primäre Geschlechtsorgan ist hinter einem sorgfältig bestickten Stoff-Feigenblatt verschwunden. Die nachparadiesische Lust ist dialektisch, sie braucht das Geheimnis und den Entzug, die erst das Verlangen anstacheln. Mit der Machart der Feigenblätter verweist Paradoxa auf die große Ausstellung „Heimat auf der Haut. Tracht in der Oberpfalz“, die eher volkskundliche Interessen bedient, deren künstlerisches Entrée aber „Code“ bildet.

Die Accessoires der Männlichkeit

Warum aber habe ich davon gesprochen, dass es sich eher um eine plastische Performance als um eine Rauminstallation handelt? Weil die Gegenstände dieser Aktion nicht nur einen Raum besetzen, sondern auch die Zeit, weil es also Abläufe, Bewegung gibt. Zwei Projektoren werfen die hellen Puppen, verdoppelt, dunkel und in veränderter Gestalt, an die Wand. Weitere Projektionen zeigen, gleichsam aus dem Nichts entstehend, sich zu riesenhafter Präsenz aufblähend und dann wieder im Nichts versackend, Accessoires und Embleme der Männlichkeit, wie sie die Tracht mehr als jede andere Form der Bekleidung bereithält und die demnächst bei der Frühjahrsdult wieder zu bewundern sein werden: all die prallen Wadlstrümpfe, die mit Hirschhorn durchsetzten Lederhosen und die Gamsbärte, dieses Ersatzgeweih des Zivilisationsmenschen.

Warum aber heißt die Künstlergruppe Paradoxa? Wir machen uns kollektiv ans Übersetzen und landen bei folgenden Bedeutungsfeldern: „wunderlich“, „seltsam“, auch „widersinnig“. Jede Kunst, die etwas taugt, muss ja verwirren und verstören und nicht einfach Alltagsroutinen wiederholen. Sie beugt sich auch nicht dem gerade herrschenden Vernunftbegriff, sondern über- oder unterbietet ihn subversiv. Und „Code“? Das verweist darauf, dass diese Installateure und Performer im schon leicht verblichenen Gewand des allseits geschätzten Universal-Soziologen Niklas Luhmann Schönheit und Erkenntnis produzieren, indem sie zeigen, wie das Allerabstrakteste zum Ursprung des ganz Konkreten werden kann. Mit Codes kann man zugleich verschlüsseln und dechiffrieren, aber man erreicht natürlich nie den chaotischen Reichtum der analogen Welt, in der nichts so ist wie ein anderes, wo es also nur Individuen gibt und wo Gattungen und ähnliches nur notdürftige Ordnungsversuche darstellen.

In der zunehmend digitalisierten, vollkommen arbeitsteiligen Welt, von der schon Schiller eine ferne Ahnung hatte, deutet Kaufer an, ist jeder Mensch nur ein Rädchen, Teil einer Maschinerie, deren Innerstes die Serienproduktion ist: wenn er funktionieren will, darf er sich nicht von anderen unterscheiden (wollen).

Die Ausstellung „Heimat auf der Haut“ im Historischen Museum Regensburg ist bis 10. Juli zu sehen.

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