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Gesellschaft

Rausch – ein altes Spiel der Menschheit

Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter rufen zur rationaleren Auseinandersetzung mit psychedelischen Erfahrungen auf.
Von Harald Raab, MZ

Paul-Philipp Hanske (rechts) und Benedikt Sarreiter beackern das weite, schillernde Feld der Psychodelika.
Paul-Philipp Hanske (rechts) und Benedikt Sarreiter beackern das weite, schillernde Feld der Psychodelika. Foto: Hanske

Regensburg.Wir müssen wieder über Drogen reden: Dieser Meinung sind Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter. Um den gesellschaftlichen Diskurs in Gang zu setzen, haben sie mit dem Buch „Neues von der anderen Seite – die Wiederentdeckung des Psychedelischen“ eine Grundlage für die breitere Öffentlichkeit geschaffen. Hanske hat seine Journalistenlaufbahn als Mitarbeiter bei der Mittelbayerischen Zeitung begonnen. Er arbeitet heute wie sein Kollege in München. Gegen den journalistischen Mainstream zu schwimmen, ist ihre Überzeugung und ihr Geschäftsmodell. Nur daraus sind schließlich neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Der „War on Drugs“ ist gescheitert. Die Zahl der Drogenkonsumenten steigt weltweit. Die Kriminalisierung der User nützt lediglich den Drogenkartellen, der Mafia und den übrigen, ansonsten sehr honorig auftretenden Finanziers dieser Geschäfte. Es wundert also nicht, das Kriminologen, Soziologen, Mediziner und auch schon Politiker ihre Stimme erheben für einen anderen Umgang mit Bewusstsein erweiternden Substanzen.

Den Göttern nahe sein

Lesung und Gespräch

  • Das Buch

    „Neues von der anderen Seite – Die Wiederentdeckung des Psychedelischen“, Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter, erschienen in der edition suhrkamp, 327 Seiten, 18 Euro

  • Die Lesung

    Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter sprechen über ihr Buch „Neues von der anderen Seite“: Freitag, 11. Dezember, 20.30 Uhr, Die Registratur Bar, Müllerstr. 42 in München.

Um den möglichen Hauptvorwurf gegen das Buch zu entkräften: Es ist keine Neuauflage dieser naiven Sex-Drugs-and-Rock’n’Roll-Episteln der 68er-Bewegung. In einer Tour d’Horizon und mit einer überbordenden Faktenfülle zeigen Hanske und Sarreiter auf, dass der Rausch, das Spiel mit verschiedenen Bewusstseinszuständen, ein altes Menschheitsthema ist.

Freilich leben wir nicht mehr in heiligen Hainen der alten Griechen und Germanen und auch nicht unter Amazons-Indianern. Dort gehörten psychodelische Mixturen zu übersinnlichen, von Schamanen und Priesterinnen geleiteten Ritualen. Den Göttern wollte man nahe sein, dem eigenen, ziemlich tristen Alltag entfliehen, sich in einer neuen, halluzinierten Sphäre wenigstens für begrenzte Zeit tummeln. In streng bewachten Initiationsfestivitäten wurden Jünglinge auch mittels Drogen in die Verantwortung von Männern geführt.

In einer Welt des Zwangs zur Selbstoptimierung und des Glücks als machbarem Lebensplan bekommt heute der alte psychedelische Trip einen neuen Glanz. Frappierend auch, dass derlei Sein wie Gott ganz wunderbar Händchen hält mit dem Wahn und der Hybris des schönen, neuen, sich omnipotent wähnenden Computer-Kosmos’.

Lieber die Finger davon lassen

Von der psychedelischen Therapie bis zur psychedelischen Kriegsführung, vom gesetzlichen Kampf gegen die Windmühlen der Sucht (Betäubungsmittelgesetz) bis zum sich immer schneller drehenden Karussell neuer Designerdrogen: das ganze weite, schillernde Feld der Psychodelika in Geschichte und Gegenwart wird von den Autoren beackert. Allerdings kommen zwei nicht zu vernachlässigenden Aspekte etwas zu kurz: das Leid der Drogenabhängigen, das in Suchtkliniken zu besichtigen ist, und die ernstzunehmenden Unbekannten so mancher Nebenwirkungen von psychedelischen Chemie-Cocktails. Dass Alkohol, gefolgt von Heroin, das gefährlichste aller Rauschmittel ist, darf den Blick nicht für die Probleme verstellen, die das Spiel mit psychodelischen Mitteln mit sich bringen kann, für Einzelne und für die Gesellschaft.

Jedoch endet die detaillierte Abhandlung mit einem dicken Ausrufezeichen, mit dem klaren Appell, doch besser die Finger vom psychedelischen Rausch just for fun zu lassen. Als Kronzeugen werden zwei profunde Kenner indigener Kulturen, Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling, zitiert: „In den bestehenden Verhältnissen muss man viele Hindernisse nehmen, um psychedelische Erfahrungen machen zu können. Aber es ist gut, dass diejenigen, die das wollen, sich ihren eigenen Weg dahin bahnen müssen. Und das sind dann immer noch zu viele. Denn oft ist es so, dass diese Erfahrungen für diejenigen, die sie am meisten suchen, gar nicht gut sind. Wer den Kopf sowieso schon in den Wolken hat, wird von einer psychedelischen Erfahrung nur schrecklich verwirrt. Man muss für so etwas mit beiden Beinen im Kartoffelacker stehen.“

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