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Ausstellung

Rebellen lassen sich hier nicht nieder

„Geniale Dilletanten“ im Münchner Haus der Kunst: Die Schau scheitert mit dem Versuch, Punk und Wave der 1980er aufzuarbeiten.
Von Matthias Kampmann, MZ

Die dreiteilige „Sesselgruppe Kleid“ von Die Tödliche Doris, aus dem Jahr 1991: Damals waren Punk, Avantgarde, Neue Deutsche Welle oder der Mischung aus allem schon vorbei.
Die dreiteilige „Sesselgruppe Kleid“ von Die Tödliche Doris, aus dem Jahr 1991: Damals waren Punk, Avantgarde, Neue Deutsche Welle oder der Mischung aus allem schon vorbei. Foto: Kampmann

München.„Es fühlt sich falsch an“, meint Moritz R® von der Gruppe Der Plan. Er antwortet auf die Frage, wie man sich fühle, wenn die Arbeit, die erlebten Momente in der mitgeprägten Subkultur, nun im Museum zu sehen sind. „Geniale Dilletanten“ heißt die Ausstellung im Haus der Kunst. Geplant wurde sie als Wanderausstellung vom Goethe-Institut, wo sie von Minsk bis Montreal auf dieses besondere 1980er-Jahre-Phänomen jüngster deutscher Kulturgeschichte aufmerksam machen soll. In München rücken große Fotowände dem Betrachter aus die Pelle, und davor sieht man alte Würfelmonitore mit Videos und Performance-Mitschnitten von Gruppen wie Der Plan, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Die Tödliche Doris, Freiwillige Selbstkontrolle, Einstürzende Neubauten, Palais Schaumburg und Ornament und Verbrechen. Hätte man sich damit begnügt, okay.

Das Goethe-Prinzip funktioniert international, aber in der Münchner Station hat man überambitioniert einen Kranz aus Gemälden darum herum kuratiert hat, die von Leuten wie Jörg Immendorff, A. R. Penck oder Salomé stammen. Die haben jedoch nicht allzu viel mit den Musikern und Künstlern zu tun, die in der Ausstellung stellvertretend für Punk, Avantgarde, Neue Deutsche Welle oder der Mischung aus allem zu Wort kommen.

Die Tödliche Doris zwischen Mainstream-Malern

„Geniale Dilletanten“ in München: (von links) Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Frank Fenstermacher, Moritz R(R) (beide Der Plan), Robert und Ronald Lippok (Ornament und Verbrechen)
„Geniale Dilletanten“ in München: (von links) Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Frank Fenstermacher, Moritz R(R) (beide Der Plan), Robert und Ronald Lippok (Ornament und Verbrechen) Foto: Kampmann

Die Box „Chöre und Soli“ von Die Tödliche Doris, 1986, ist wunderbar anzusehen. Sie besteht aus verschiedenfarbigen Schallplatten, die man früher in Spielzeugpuppen fand, dazu ein Abspielgerät und ein Booklet.
Die Box „Chöre und Soli“ von Die Tödliche Doris, 1986, ist wunderbar anzusehen. Sie besteht aus verschiedenfarbigen Schallplatten, die man früher in Spielzeugpuppen fand, dazu ein Abspielgerät und ein Booklet. Foto: Kampmann

Moritz R®, bis heute Maler, ist mit seinem malerischen Werk gar nicht vertreten. Anderen geht es genauso. Martin Kippenberger, Betreiber des legendären Clubs SO36 in Berlin, und wenige andere Künstler rücken dieses Bild, das erkennbar aus der historischen wie intellektuellen Distanz gemalt wurde, auch nicht gerade. Solch ein Projekt geht man besser als Historiker, denn als Kunsthistoriker an. Die Quellen sind stark genug, und leider geht der tatsächlich sensationelle konzeptuelle Ansatz der Tödlichen Doris irgendwo im Öl-Odeur zwischen den Mainstream-Malern mit Ruchparfüm verloren. „Wir wollten die totale Freiheit und nicht von der Band leben müssen. Wir wollten das machen, was wir selbst hören wollten. Daher hatten wir immer Jobs“, skizziert Moritz R®. Da passen Modeerscheinungen von einst, Salomé etwa, einfach nicht.

Die Schau schafft es weder, die Relation zwischen Kunstsystem und alternativer Avantgardemusik zu untersuchen, noch nimmt sie sich die Zeit, um Szene und gemaltes „Umfeld“ durch direkt passende Artefakte greifbar und verständlich zu machen. Das Ausstellen scheint daher kein geeignetes Medium zu sein. Rüdiger Esch, Jürgen Teipel oder Simon Reynolds haben mit ihren Büchern das Mündliche ins Schriftliche überliefert. Sinnvoll wird das museale Zeigen erst dann, wenn Dinge vorhanden sind. Das Materielle, die Schallplattenfetische und Devotionalien, ist zweifelsohne ausstellbar. Daher ist die Box „Chöre und Soli“ der Tödlichen Doris so wunderbar anzusehen. Sie besteht aus verschiedenfarbigen Schallplatten, die man früher in Spielzeugpuppen fand, dazu ein Abspielgerät und ein Booklet. Oder die dreiteilige „Sesselgruppe Kleid“ von 1991, als der Zirkus schon längst vorbei war.

Gefühle in Gelée

Rauschgenerator von Robotron mit Kindermorsetaster; hergestellt und verwendet von Ornament und Verbrechen
Rauschgenerator von Robotron mit Kindermorsetaster; hergestellt und verwendet von Ornament und Verbrechen Foto: Kampmann

Natürlich ist es spannend, den Rausch-Generator der Band Ornament und Verbrechen aus Berlin-Ost zu sehen, auch deren Mopedauspuff-Saxophon. Man hätte es beim Kern, also dem Goethe-Material, bewenden lassen sollen. Wenn man mit Protagonisten wie Moritz R®, Wolfgang Müller oder Ronald und Robert Lippok spricht, sprudeln die Geschichten ohne Unterlass. Abbilden kann man die in einer Ausstellung kaum. Hört man zu, lebt er wieder, dieser rebellische Geist multidimensionaler Schöpferkraft. Doch der normale Gast hat diese Chance nicht. Emotionen in Gelée: Im Haus der Kunst kommen einem daher tatsächlich die falschen Gefühle.

„Geniale Dilletanten“

  • Die Ausstellung

    „Geniale Dilletanten“ im Münchner Haus der Kunst (Prinzregentenstraße 1) ist von Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr zu sehen sowie am Donnerstag 10 bis 22 Uhr geöffnet. Der Katalog kostet 30 Euro, zeigt aber nur das Minimum an Gemälden, die in der Ausstellung zu sehen sind.

  • Das Fazit

    Der Versuch, mit Gemälden einen visuellen Assoziationsrahmen um die Exponate zu ziehen, schlägt fehl, weil die Gemälde von Salomé, A. R. Penck, Elvira Bach und anderen mit der Szene nicht viel zu tun haben. Wer mehr über die „Waves“ der 80er erfahren will, liest besser die Bücher, in denen Zeitzeugen zu Wort kommen, etwa von Rüdiger Esch, Jürgen Teipel oder Simon Reynolds.

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