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Kultur
Montag, 20. August 2018 30° 2

Theater

Reißende Fingernägel auf dem Gummiboden

Mit „Das Beil“ stellt die studentische Gruppe Projekt IV in reduzierter Weise die Auswirkungen einer Vergewaltigung dar.
Von Michael Scheiner

Intensive Darstellung: Sofia Seidl (links) und Diana Brunninger Foto: Scheiner
Intensive Darstellung: Sofia Seidl (links) und Diana Brunninger Foto: Scheiner

Regensburg.Regensburg. „Ich bin… ein Ding“, stößt eine heraus, „… ein Körperding“, die Andere. „Man braucht einen zweiten Körper…“, seufzt wieder die Erste, „für das Schöne, Offene, einen (Körper) mit vielen Seiten“. Die zwei kalkweiß geschminkten Schauspielerinnen, die sich auf der Bühne im Uni Theater verbal die Bälle zuwerfen, tragen ihre Verletzungen offen zur Schau.

Schlimmere Verwüstungen

Sie verkörpern die „Kon-Sequenzen sexueller Gewalt“, wie der Untertitel zum Stück „Das Beil“ des Theatermachers und Autors Thomas A. Jahnke lautet. Konsequenzen, die innen noch schlimmere Verwüstungen angerichtet haben, als weiße und rote Theaterschminke erkennen lässt.

„Ich… kaputt“, klagt deshalb die Erste weiter, „… bin ohne Tiefe, ohne Innen, Ober…fläche, nur Projektion.“ Noch drastischer formuliert es die in weiße Unterwäsche gekleidete Frau: „Ich schneide mir die Vagina heraus!“

„Das Beil“ ist weder klassisches Schauspiel, noch hat es eine stringente Handlung. Eher ein textlich basiertes Gerüst, in welchem die Auftretenden kurz eine Position einnehmen, deklamieren und wieder abtreten. Konsequenterweise hat Jahnke das dürftige Bühnengeschehen in 13 teils sehr kurze Sequenzen aufgeteilt, bei denen „das Ereignis“, wie es die Schauspielerinnen umschreiben, die Vergewaltigung einer Frau auf einer studentischen Party, sich über verschiedene Textstränge herauskristallisiert.

„Ewiges Geheimnis“

Da ist Kakon (Th. Jahnke), der im schwarzen T-Shirt und Jackett sachlich über die „Frau als ewiges Geheimnis“ räsoniert, das man(n) „lesen lernen muss“. Leidenschaftslos rasselt er die hartnäckigsten und dämlichsten Plattitüden über Frauen und den Umgang mit ihnen herunter, während vier schwarz gekleidete Maskierte demonstrieren, wie man eine Frau festhält, um sie gegen ihren Willen zu besitzen.

Man ahnt es schon während der etwas nervös anmutenden Uraufführung, die Männertexte sind aus Foren von Pick-Up-Artisten (PUA) abgekupfert und bühnentauglich verdichtet. Im Anschluss an die Vorstellung bestätigt Jahnke diese Vermutung bei einem Gespräch mit Zuschauern. PUAs sind Männer, die sich mit psychologischen Tricks und kalkulierten Strategien Vertrauen und Zuneigung von Frauen erschleichen, um mit ihnen ins Bett zu steigen.

Der Verteidigungsrede der Mutter (Judith Schneider) für ihren als Täter angeklagten Sohn liegt ebenfalls ein realer Fall zugrunde. Wie in der insistierenden Befragung durch eine Beamtin bagatellisiert sie die Schuld des Vergewaltigers und versucht dem Opfer eine Mitschuld anzulasten. Es sind Erfahrungen, wie sie betroffene Frauen und Mädchen bis heute im realen Leben machen (müssen), auch wenn in vielen Polizeistationen nun eigens geschulte Beamtinnen arbeiten, die gelernt haben, wie mit traumatisierten Vergewaltigungsopfern umgegangen werden kann. Falsch verstandene Tätersolidarität dagegen ist vermutlich, auch wenn es dazu keine Statistiken gibt, nach wie vor durchaus verbreitet.

Notizen

  • „Das Beil

    – Kon-Sequenzen Sexueller Gewalt“ von Thomas A. Jahnke ist noch an diesem Dienstag und Mittwoch (jeweils 20 Uhr) zu sehen.

  • „Projekt 4

    “ bringt unter der Leitung von Thomas A. Jahnke selbstgeschriebene Stücke auf die Uni-Bühne.

Was bei Elternteilen noch irgendwie verständlich ist, hinterlässt bei öffentlichen Bekundungen nur noch bestürzende Ratlosigkeit. Wie bei den Anhängerinnen Donald Trumps, welche die im Wahlkampf geäußerten sexistischen Machtfantasien des US-Präsidenten mit geifernder Bösartigkeit verteidigt haben.

Ein Beil, das Kakon in einen Puppentorso schlägt und die – psychologisch oft auftretende – Spaltung einer vergewaltigten Frau versinnbildlicht, kann erst spät wieder herausgezogen werden. Damit beginnt der lange Heilungsprozess. Die sich äußerlich und innerlich tief gespalten fühlende Frau kann sich langsam – im Schlussdialog – ihren verstörenden Erfahrungen stellen und sich wieder nach und nach dem Leben zuwenden.

Etwas plakative Darstellung

Das Stück ist eine etwas plakative Darstellung des Wesens und der Auswirkungen einer Vergewaltigung. Durch die Textlastigkeit und das reduzierte Spiel sowie eine teils verkünstelte Sprache verpufft die Chance emotionaler Betroffenheit. Auch kurze Einblendungen aggressiv-lauter Metal-Musik bleiben eher im abstrakt-gedanklichen Bereich hängen, wie diese einzuordnen sei. Noch am ehesten geeignet, einen kalten Schauer zu erzeugen, waren Momente, als die verletzten Frauen (Diana Brunninger, Sofia Seidl) am Boden lagen und mit den Fingernägeln über das Gummi kratzten und rissen, während die Mutter mit säuselnder Anbiederung den Sohn über den grünen Klee lobte und verteidigte.

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