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Konzert

Sam Cooke wäre ganz sicher Fan gewesen

Steven Van Zandt alias Little Steven gab im „Airport“ eine Lehrstunde in Sachen amerikanische Musikgeschichte.
Von Andreas Kletzin, MZ

Einfach gut: Little Steven       Foto: Kletzin
Einfach gut: Little Steven Foto: Kletzin

Regensburg.Für sage und schreibe 15 Musiker ist die Bühne eigentlich eine Spur zu klein. So dauert es, bis jeder an seinem Platz ist - was Gitarrist Marc Ribler Zeit gibt, schon mal den Funk-Groove des Openers „Soulfire“ vorzulegen. Dann kommt er endlich breit grinsend die Treppe heruntergeschlichen, und hätte er nicht seine Fender Strat vor dem Bauch, man könnte ihn in seinem orientalisch anmutenden Aufzug glatt für einen marokkanischen Teppichhändler halten, der sich verlaufen hat.

Aber Little Steven alias Steven Van Zandt will im „Airport“ keine Berber verklopfen, sondern sein rund 600 Köpfe zählendes Auditorium mit den besten Tagen der amerikanischen Musikgeschichte vertraut machen. Die melodieverliebten Fünfziger und Sechziger werden in den nächsten knapp zweieinhalb Stunden reichlich zu Ehren kommen, die Soulkönige Marvin Gaye und James Brown ebenso. Und auch der Reggae wird nicht ausgespart werden.

Eine unerklärliche Eindringlichkeit

Ein Stilbruch? Nein, ein Credo. Denn der heute 66-Jährige hat schon immer alle erdenklichen Sounds aufgesaugt und sie auf subtile Weise zu etwas Neuem, Eigenem verknetet. Das Resultat ist stets dasselbe: Jeder Little-Steven-Song mutet an wie ein frisch aufpolierter Oldie, den man schon tausendfach gehört zu haben glaubt und dem trotzdem eine unerklärliche Eindringlichkeit anhaftet.

„I Don’t Want To Go Home“ ist so einer, eine Paradenummer für Van Zandts Kumpel Johnny Lyon alias Southside Johnny und seine Band, die Asbury Jukes. Wie erwartet hebt sich der Meister diese Perle für die Zugabe auf, was nicht weiter stört, hat er doch mit „Soulfire“ ein fantastisches neues Album mit Best-of-Charakter am Start, das seine 14 Soul-Jünger live mit Schmackes umsetzen. Dynamik? Aber gern! Feeling? Bitte reichlich!

Eine ellenlange Setlist

Van Zandt ist unbestritten der Chef im Ring, lässt seiner mehrheitlich farbigen Truppe aber jede Menge Spielraum, um sich auf unaufdringliche Art und Weise zu profilieren. Der Teleprompter liefert dazu nicht nur den Text, sondern auch gleich noch die Akkorde und das Arrangement mit. Anders wäre die ellenlange Setlist wohl auch kaum fehlerfrei zu stemmen.

Das federnde „Love On The Wrong Side Of Town“, geschrieben von Steve und seinem Boss Bruce Springsteen, wird nach nur 20 Minuten zu einem ersten Höhepunkt des Abends. Ein Sympathico ist der Bandanaträger äußerlich zwar nicht unbedingt und der größte Sänger vor dem Herrn auch nicht, aber in ihm steckt mehr. Ein eloquenter Geschichtenerzähler zum Beispiel, der – und da kommt der Schauspieler in ihm durch – amüsiert gestikulierend um Gags nicht verlegen ist. Wer hätte schon ahnen können, dass „the true meaning of Heavy Metal“ nichts anderes ist als das energische Beklopfen einer Kuhglocke - und schon lassen die Disciples of Soul mit „I Saw The Light“ einen weiteren Song-Megadampfer vom Stapel. Das fünfköpfige Gebläse macht ordentlich Wind, die drei Background-Mädels winden sich lasziv vor ihren Mikros, es regiert der alles dominierende Rhythmus.

Nicht nur der Blues ist sein Business

Aber längst nicht nur der Blues ist Little Stevens Business, wie ein Songtitel glauben lassen könnte – es geht auch ganz anders. „The City Weeps Tonight“ will er verstanden wissen als Hommage an den Doo Wop der späten Fünfziger und frühen Sechziger, und in der Tat: Die vom Chef heraufbeschworene „magical vibration“ durch die Kraft der Stimmen, sie wird spürbar. Mit „Standing In The Line Of Fire“ wird selbst dem Afroamerikaner Gary Anderson alias Gary U. S. Bonds Tribut gezollt, einem hierzulande nahezu unbekannten Rock’n’Roll- und R&B-Sänger, dem Van Zandt und Springsteen in den Achtzigern zumindest in seiner Heimat Amerika zu einem ordentlichen Karriereschub hatten verhelfen können.

Dass die Band am Vortag noch im 2000 Kilometer entfernten Finnland gespielt hatte – man merkt es ihr nicht an. Im Gegenteil, jetzt kommt sie erst so richtig in Fahrt. Und das überträgt sich, selbst bislang eher behäbig mitwippende Mittfünfziger stellen ihr Weißbierglas nun kurzerhand beiseite, geben jede Zurückhaltung auf und schalten mitklatschend in den Party-Modus um.

Mehr Druck hätte nicht geschadet

Und dann, nach gut zwei Stunden, endlich „I Don’t Want To Go Home“. Die Version der Disciples of Soul hat zwar nicht den zwingenden Schmiss der Jukes-Fassung, aber ungleich mehr Groove. Schade nur, dass der Mann am Mischpult dem exquisit trommelnden Charley Drayton kein volles Pfund gönnt und die Lautstärkeregler auch sonst fast schon zu moderat bedient – ein bisschen mehr Druck hätte dem Abend nicht geschadet (aber die Leute vermutlich überhaupt nicht mehr nach Hause gehen lassen).

Doch nach 140 Minuten und der fulminanten letzten Zugabe „Out Of The Darkness“ geht immer noch was – wenn auch nur noch am Merchandise-Stand, wo man für okaye 20 Euro ein Little-Steven-T-Shirt erstehen kann. Sofort werden die Tourdaten auf der Rückseite gescannt. „Übermorgen spielen sie in Italien“, sagt ein euphorischer Weißbartträger zu seiner Frau. „Wie wär’s? Hätte doch was.“ Stimmt. Alles richtig gemacht, Stevie. Beide Daumen hoch. Und alle Likes dieser Welt.

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