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Sanfte Klänge von Curtis Stigers

„Gentleman“ heißt das neue Album des Sängers und Saxophonisten. „Gentle“ klingen auch die meisten der Titel darauf.
Von Anna Heidenreich

Fans von früher kannten den Sänger und Saxophonisten Curtis Stigers mit langen Haaren. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Fans von früher kannten den Sänger und Saxophonisten Curtis Stigers mit langen Haaren. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Boise.Curtis Stigers schaffte es Anfang der 90er auf die ganz große Bühne. Seinen schmusigen Debüt-Hit „I Wonder Why“ werden viele auch jetzt noch an den ersten Klängen erkennen – oder spätestens beim Refrain. Nun hat der Sänger aus Idaho wieder ein neues Album veröffentlicht.

„Gentleman“ klingt mal melancholisch, mal zuversichtlich. Das Album ist größtenteils ein sanftes Potpourri von Klavier- und Trompetenklängen und samtigem Gesang. Mit dem Mix aus Jazz und Pop hat sich der 54-Jährige Großes vorgenommen: In Zeiten von #MeToo, in denen die Rolle des Mannes grundsätzlich auf dem Prüfstand steht, will er eine Antwort auf die Frage geben, was einen modernen Gentleman ausmacht.

„Gentleman“ von Curtis Stigers ist bei Umi Jazz Germany (Universal Music) erschienen.
„Gentleman“ von Curtis Stigers ist bei Umi Jazz Germany (Universal Music) erschienen.

Tatsächlich wirken die Texte mancher Titel auf den ersten Blick wie banale Romantik. Es geht um Abschied, Treue oder Erinnerungen an eine Beziehung. Und trotzdem schafft es das Gesamtpaket, zu erklären, was den zeitgemäßen „Gentleman“ ausmacht. In dem gleichnamigen Song rechnet Stigers mit dem alten Bild des Mannes ab: dem des gutgekleideten Schönlings, der glaubt, sein Aussehen wiege sein skrupelloses Handeln auf – wie er im Lied ironisch erzählt. Stattdessen kommt es für ihn darauf an, Mut zu beweisen, wenn es darauf ankommt.

„Gentleman“ von Curtis Stigers

  • Mitwirkende

    sind neben Curtis Stigers der Pianist und Organist Larry Goldings, Bassist David Piltch, Schlagzeuger Austin Beede, Trompeter John „Scrapper“ Sneider und Schlagzeuger Doug Yowell.

  • Gentleman

    ist seit 10. April digital erhältlich; CD und LP erscheinen am 1. Mai (ab circa 18 Euro).

Auch in Sachen Liebe. Und so finden auch die hoffnungslos romantischen Titel ihren berechtigten Platz auf dem Album: In Balladen wie „She knows“ oder „Remember“ spricht der Sänger von der Macht, die Frauen haben und auf Männer ausüben. Alte Vorrechte des Mannes, patriarchalische Strukturen, gelten da nicht.

Neben Gesellschaftskritik hat der Künstler in einige Titel eingewebt, was ihn persönlich bewegt. Stigers 19-jährige Tochter geht jetzt aufs College, der Vater schrieb deshalb „Learning To Let You Go“, ein Stück über das Loslassen und Verlassenwerden. „A Lifetime Together“ ist sozusagen das Eheversprechen an seine zweite Frau, die er vor einem guten Jahr geheiratet hat.

„Ich habe unter dieser Präsidentschaft genauso viel gelitten wie jeder andere.“

Curtis Stigers, Sänger/Saxophonist aus den USA

Stigers war schon während der Präsidentschaft von George W. Bush bekannt dafür, sich auch politisch zu positionieren. Das tut er auf Twitter, aber auch auf der neuen Platte. Der Titel „Here We Go Again“ sticht schon klanglich heraus: Das Schlagzeug rückt in den Vordergrund, die Trompete schnarrt dazwischen, und Stigers schleift mit rauer Stimme die Töne an. Der 54-Jährige kritisiert mit dem Song den Mangel an Vorbildern im öffentlichen Leben, seine Wut gilt vor allem Präsident Donald Trump: „Ich habe unter dieser Präsidentschaft genauso viel gelitten wie jeder andere“, sagt er. „Deshalb habe ich versucht, darüber zu sprechen, wie man als Mann in diesem Zeitalter einen würdevollen Platz einnehmen kann, anstatt zu lügen und zu stehlen und eine ganze Nation zu betrügen.“

Die elf Titel haben im Digitalen kürzlich spontan Zuwachs bekommen: die Ballade „Shut-Ins“ über ein Paar, das sich ins Private zurückzieht. Angesichts der Corona-Krise ist diese Idee hochaktuell und laut Stigers „eine Anleitung, wie man klug und gesund durch die Pandemie kommen kann“.

Die Platte passt gut zu einem Glas Wein auf dem Sofa. Dass „Gentleman“ brennende Themen behandelt, drängt sich nicht auf. Aber wer mag, hört auch zwischen den Zeilen zu.

Und so hört sich das Stück „Gentleman“ an:

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