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Literatur

Sasa Stanisic erhält den Buchpreis

Für „Herkunft“ wird Stanišić mit dem Deutschen Buchpreis geehrt. Die Dankesrede nutzt er, um mit einem Autor abzurechnen.

Sasa Stanisics Roman „Herkunft“ gilt als das beste Buch des Jahres. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Sasa Stanisics Roman „Herkunft“ gilt als das beste Buch des Jahres. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Frankfurt.Sasa Stanisic erhält den mit 25 000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis 2019. Das gab die Jury am Montag in Frankfurt bekannt. Sein Roman „Herkunft“ gilt damit als das beste Buch des Jahres. Schon 2014 hatte der aus Bosnien stammende Autor mit „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen.

In seinem Roman erzählt der 1978 im jugoslawischen Visegrád geborene Autor von der Flucht vor dem Jugoslawien-Krieg, der seine Familie in die Welt verstreute. Er beschreibt das Ankommen in Deutschland – mit einem Mund voller Karies und einer Mischung aus Angst und Erwartung. „Das Einzige, was ich auf Deutsch sagen konnte, war Lothar Matthäus.“ Er erzählt von der Freude bei der Ankunft in Heidelberg, das zur ersten neuen Heimat wurde, „weil wir uns zum ersten Mal nach der Flucht sicher fühlten.“ Hier findet er die erste Liebe und entdeckt die deutsche Romantik: Hölderlin und Eichendorff.

Große Erzählkunst

Stanisic, der 2014 für „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, sammelt Erinnerungsfragmente und verbindet sie erzählerisch. Und weil Erinnerung nicht chronologisch abläuft, springt er zwischen Orten, Personen, Lebensphasen. Wie er das tut, ist große Erzählkunst.

„Herkunft“ erzählt, wie Erinnerungen zu Geschichten werden – und wie wir uns mit diesen Geschichten selbst erschaffen. In gewisser Weise geht es um den Kern des Daseins: Sein und Vergehen, „Glück und Tod“, wie er selbst schreibt.

Man lernt Stanisics Großeltern kennen – besonders jene demente Großmutter, die ihre Erinnerungen verliert, während Stanisic die seinen gerade aufschreibt. Und die sind eng mit einem Verlust verbunden. Als 1991 der Krieg ausbricht, kennt Stanisic das Wort „Genozid“ nur aus der Schule. Dort fiel es, wenn es um das Konzentrationslager Jasenovac ging. Jahrzehnte später ging es plötzlich um das Kosovo, um aktuelle Ereignisse, erinnert er sich.

Stanisic verzichtet auf die Schilderung von Gräuel

Stanisic braucht keine Zahlen, die das Leid beziffern, keine Schilderung von Gräuel. Wie der Krieg in das Private eindringt, Familien auseinanderreißt, Gesellschaften zerstört, zeigt der Autor zum Beispiel mit einer Auflistung scheinbar banaler Dinge: „Hier ist eine Liste von Dingen, die ich hatte.“

Und dann ist da die Erinnerung an den letzten Tanz der Eltern vor dem Krieg – oder daran, wie Roter Stern Belgrad 1991 den FC Bayern bezwang und später den Europapokal der Landesmeister im Fußball gewann: mit einer Mannschaft, in der quasi allen Gruppen des Vielvölkerstaats vertreten waren. „Der Jubel aus achtzigtausend Kehlen war ohrenbetäubend, war unheimlich. Heute könnte ich behaupten, darin hätten sich Wut entladen, Völkerhass, Existenzängste. Das stimmt aber nicht. All das würde sich später aus Waffen entladen. Das hier war nur eines: Jubel über ein wichtiges Tor.“ (dpa)

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