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Kino

SatAn am Dach und ein Arm in der Tiefkühltruhe

Die Komödie „Was weg is, is weg“ feierte Premiere im Garbo. Das Publikum war von Mathias Kellner und Maximilian Brückner hingerissen.
Von Florian Sendtner, MZ

  • Mathias Kellner und Maximilian Brückner bei der Premiere im Regensburger Garbo-Kino Foto: altrofoto.de
  • Mathias Kellner, bekannt als Singer-Songwriter, spielte den Paul und steuerte auch etwas zum Soundtrack bei. Foto: Senator

Regensburg. „Lieber Arm ab als arm dran.“ Der rabenschwarze Kalauer ist uralt. Aber wer Zeitung liest, weiß: Das gibt es heute noch, dass die Geldnot jemanden dazu bringt, sich durch Selbstverstümmelung via Versicherungssumme zu sanieren. Kann man aus diesem Stoff, aus diesem allseits totgeschwiegenen Bodensatz der blanken Verzweiflung, eine Komödie machen? Zumal, wenn man nicht Polt heißt? Christian Lerch kriegt dieses Kunststück halbwegs hin: „Was weg is, is weg“ ist eine rasant-sarkastische Roadmovie-Schnitzeljagd nach einem abhandengekommenen Arm, irgendwo am Ende der Welt im tiefsten oberbayerischen Dialektdschungel. Das Regensburger Garbo war bei der Premiere ausverkauft, gerade der ungebremste Dialekt begeisterte das Publikum. Außerhalb Bayerns, vielleicht schon in Franken, hätte der Film nur mit Untertiteln eine Chance.

Ein Hauch österreichischer Humor

Drei ungleiche Brüder treten gegeneinander an, und zwei davon sind auch noch im richtigen Leben Brüder: Florian und Maximilian Brückner, die als Ökofreak Lukas und Versicherungsgangster Hansi die Extreme markieren, die an einem komischen Tag des Jahres 1986 aufeinanderprallen. Der dritte ist der geistig behinderte dicke Paul (Mathias Kellner, der auch beim Soundtrack mitmischt), der die nötigen Komplikationen beisteuert und sich im Übrigen wahlweise als Jesus oder Mühlhiasl vom Dienst betätigt: „Wenn Teufels Name auf den Dächern steht, von Ost der Tod herüberweht“ – es ist die Zeit, wo man sich eine Satellitenantenne ans Haus montieren lässt, auf der „SatAn“ geschrieben steht, und in Tschernobyl explodiert ein Atomkraftwerk. Vor allem aber weht in Christian Lerchs Regiedebüt ein leichter Wind von Süden, so ein Hauch von österreichisch-schwarzem Humor. Leider nur so ein Lüfterl, so eine Ahnung von Wolf Haas und Wolfgang Murnberger, von Ulrich Seidl und Josef Hader, aber man darf das bayerische Kinopublikum ja auch nicht verschrecken. Als preisgekrönter Drehbuch-Coautor von Rosi Rosenmüller weiß Lerch, dass man dem Affen zwischendurch Zucker geben muss: Da stehen der Lukas und die Luisa, nachdem sich die gröbsten Verwicklungen aufgelöst haben, versonnen am Innstausee. Und der Lukas sagt zur Luisa – zuerst nichts. Und dann: „Gehma hoam?“

Drehbuch mit Geburtsfehler

Nur gut, dass es im Kino keine Werbeunterbrechungen gibt, denn die Stelle hätte sich unweigerlich der BR für einen kleinen Teaser reserviert: „Wo andere Heimatfilme aufhören, fängt’s bei uns erst an: ‚Dahoam is dahoam‘!“ Am Innstausee schrammt Lerch nur mit knapper Müh und Not an der Heimatschnulze vorbei. Aber das ist schon ein Geburtsfehler des Drehbuchs: Wieso um alles in der Welt müssen drei Brüder, die sich auseinanderentwickelt haben, wieder zusammenfinden? Fein sein, beinander bleiben? In welchem Jahrhundert leben wir gerade noch mal?

Und wenn die Mutter (Johanna Bittenbinder) den abgesägten Arm in der Tiefkühltruhe versenkt, gleichzeitig eine kleinere Tüte herausholt und zu ihrem Mann (Heinz-Josef Braun) hinüberschreit: „Mogst a Wammerl heit?“ – dann fühlt sich das Publikum so kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säue. In der Beziehung hat Christian Lerch seine Zuschauer so gut im Griff wie Mephisto seine Studenten in Auerbachs Keller. Aber macht nix. Bittenbinder und Braun als Bauernehepaar sind eine Schau. Kein Wort zuviel. Die beiden sind auch im richtigen Leben miteinander verheiratet. Allein ihretwegen ist es der Film schon wert.

Als Gäste im Garbo sind es aber Mathias Kellner und Maximilian Brückner, von denen das Publikum nach der Vorstellung hingerissen ist. Die beiden werden mit Fragen bestürmt: Ja, 28 Tage lang haben sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gedreht, und nein, die Mutter ist, nachdem sie rückwärts nach Altötting gegangen ist, heimzu dann schon wieder vorwärtsgegangen.

Und ein Zuschauer hat daheim die gleiche kleine Kaffeemaschine stehen, wie sie der Hansi in seinem aufgespoilerten roten BMW griffbereit hat. Der Kaffeemaschinenbesitzer rennt auf der Stelle los, er wohnt am Ostentor, und ist in zehn Minuten wieder da, mit der Kaffeemaschine in der Hand, um sie von den beiden Hauptdarstellern signieren zu lassen. Derweil hat jemand gefragt: Warum schon wieder eine bayerische Komödie? Maximilian Brückner beantwortet sie kurz und schmerzlos: „Mei, wenn’s guat is, passt’s. Auf Biegen und Brechen a bayerischer Film, des waar nix!“

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