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Kunst

„Schichtungen“ ordnen die Geschichte neu

Der Neue Kunstverein zeigt eine interessante Werkschau der gebürtigen Regensburgerin Veronika Schneider.
Von Gabriele Mayer, MZ

  • Installation aus Resten des Installateurgeschäfts: Mit einer Säule aus Waschbeckenscherben greift Veronika Schneider die Geschichte des Hauses auf, in dem sie ausstellt. Foto: Sendtner
  • Veronika Schneider mit dem Kunstvereins-Vorsitzenden Reiner R. Schmidt Foto: Wolfram Schmidt

Regensburg.Veronika Schneider ist in Regensburg aufgewachsen, heute lebt sie in Dresden. Ihre Akademie-Ausbildung in Halle war dem Bildhauerischen gewidmet. In ihrer künstlerischen Arbeit experimentiert sie mit unterschiedlichen Materialien und Medien. In der kleinen Werkschau im Neuen Kunstverein am Schwanenplatz sind zum Beispiel Objekte, Papier-Collagen und Fotos von Raum-Installationen zu sehen.

Alle drei Werkgruppen hat die Künstlerin unter dem Begriff „Schichtung“ zusammengefasst. Worum handelt es sich? Bei den dokumentierenden Fotos ist jeweils die genaue Bezeichnung des Ortes angegeben, an dem die jeweilige Installation zu sehen war. Diese Information ist nicht nebensächlich, sondern von entscheidender Bedeutung. Zum Beispiel: „Hab & Gut. Schichtung in der ehem. bayerisch-königlichen Hufschmiedeschule, Regensburg, 2008. Hinterlassenschaften von Hausbesetzern“. Fotograf: Herbert Stolz. Oder: „Stütze. Schichtung im Österreicher Stadel, Regensburg, 2013. Landholz, Rollen. Fotografin: Anna Lena Radlmeier“. Die Künstlerin setzt sich mit Geschichte auseinander, und zwar an den Orten, an denen sie passiert ist. Und ihre eigene Arbeit vor Ort ist natürlich Teil dieser Orts-Geschichte, die sich schichtet.

Mehr als Dokumentation

Wie schon der Filmemacher Alexander Kluge in seinem konkreten Umgang mit Geschichte, so versucht auch Veronika Schneider ganz konkret die Vorkommnisse einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Raum, der vielleicht schon vor dieser Phase bestanden hat, „auszugraben“ und in einen neuen, konkreten Zusammenhang zu bringen – sie nicht nur zu dokumentieren, sondern eben zu schichten und so in eine Ordnung zu setzen.

Bei Veronika Schneider heißt ordnen: Die Dinge, die Spuren und Reminiszenzen nach ihrer Sichtung und Sammlung einem ganz individuellen Ordnungsplan folgend aufeinanderzustapeln, einzupassen, zu fügen, so gut es geht, und zwar in Form einer ästhetischen Gestaltung. Neu-Ordnung, Um-Ordnung also, wie das bei jeder Geschichtsschreibung der Fall ist. Die Räume, in denen sie diese Installationen zeigte, waren zu diesem Zeitpunkt öffentlich zugänglich – nun gibt es die Fotos der Werke zu sehen.

Geschichtete Haus-Historie

Kunst ist bei vielen jungen Künstlern mittlerweile auch Konzeptkunst, zumindest anteilsmäßig. Sie machen nicht nur ein Bild, ein Video, ein Objekt, sondern sie benutzen diese als Mittel, um damit in einem größeren Zusammenhang zu agieren, der nicht sichtbar ist, den man als Betrachter kennen oder in Erfahrung bringen muss. Konzeptkunst ist eine Form der Erkundung der Wirklichkeit und der Auseinandersetzung damit. Nicht mit den Mitteln der Wissenschaft oder der politisch-sozialen Aufklärung bzw. Handlung, sondern mit sehr individuellen künstlerischen Mitteln.

Mitten im Ausstellungsraum steht eine Bodenskulptur, die aus weißen Waschbecken-Scherben aufgeschichtet ist. Der Hintergrund: In den jetzigen Räumen des Neuen Kunstvereins war über viele Jahre eine Installationsfirma. Nun gibt es diese einstmals tragende „Säule“ des Hauses nicht mehr. Die anmutige Säule aus Waschbecken-Scherben reicht denn auch nicht bis zur Decke, sondern ist gekappt, aber immerhin ist sie im künstlerischen Objekt als Verweis und greifbare Erinnerung vorhanden – wenn auch das Ursprüngliche durch rekonstruierende Erinnerungsarbeit niemals erreicht werden kann.

Veränderungen im Pixel-Bereich

Rekonstruktion ist zwar ein Anteil der Vergangenheit, der ins gegenwärtige Leben hineinreicht, doch sie ist eben konstruierend, ordnend, selektiv. Den dritten Teil der Ausstellung bilden beispielhaft kleine Collagen. Die Künstlerin hat jeweils ein Foto aus illustrierten Magazinen zuerst mit einem Locher in kleine, runde Pixel zerlegt und das Ursprüngliche dann mit diesen Pixeln wieder zusammengesetzt. Mit dem Effekt, dass das ursprüngliche Bild-Motiv zwar teilweise zu sehen ist, teilweise aber schemenhaft und surreal verändert wirkt, weil die Pixel sich nicht nahtlos wieder zusammenfügen, sondern Fugen, Überlappungen, Unklarheiten, Schwachstellen und eigenständige Muster erzeugen: eine Arbeit aus einem Nebenbereich von Schichtungen.

Sie demonstriert auf interessante Weise, dass die Art, wie man mit Gegebenem medial verarbeitend umgeht, zu Veränderungen der Anmutung und der Bedeutung führt. Umschichtungen, das ist das Los der Wirklichkeit, in der medial dominierten, schnelllebigen Welt mehr denn je. Dies macht die interessante Ausstellung mitten im historischen Regensburg deutlich, dessen architektonische Vergangenheit zwar neu hergerichtet und scheinbar sichtbar ist, trotzdem aber auch nur eine Schicht von vielen darstellt.

Veronika Schneider: „Schichtung 2005-2015“ ist bis 11. Juli im Neuen Kunstverein Regensburg, Schwanenplatz 4, zu sehen; Do.-Fr. 16-19 Uhr, Sa. 12-15 Uhr.

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