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„Schieß den Sternen in den Bauch“

Marica Bodrozic zeigt sich in Regensburg als standfester Mensch – auch im Verhältnis zum Vater, der ihr eine Waffe gab.
Von Claudia Böckel, MZ

Die Schriftstellerin Marica Bodrozic: In Regensburg las sie aus ihrem Buch „Mein weißer Frieden“.
Die Schriftstellerin Marica Bodrozic: In Regensburg las sie aus ihrem Buch „Mein weißer Frieden“. Foto: dpa

Regensburg.„Ich denke nicht mehr so oft an die Tränen des Laurentius“, sagt Marica Bodrozic und fügt augenzwinkernd an, das sei ja wohl ein guter erster Satz für ein Buch. Der Märtyrer Laurentius, so erklärte der Vater seiner Tochter, schicke jeden 13. August seine Tränen als Sternschnuppen wieder auf die Erde, um an seinen Tod im Jahr 258 zu erinnern. Und: Man solle sich was wünschen. Aber zum Wünschen hatte das Kind zu viele Fragen.

Marica Bodrozic, 1973 in Dalmatien geboren, kam mit zehn Jahren nach Hessen, nicht nur in ein neues Land, sondern auch in eine neue Sprache. In ihrem Buch „Mein weißer Frieden“ (Luchterhand, 2014) begibt sie sich auf eine autobiografische Spurensuche, auf Reisen durch Bosnien und Dalmatien, auf die Erkundung der Nachkriegsgesellschaft in den Balkanländern. In der Buchhandlung Dombrowsy las sie die ersten Kapitel aus ihrem Buch, die gleich zwei große Erschütterungen in der Beziehung zum Vater darstellen. Zuerst erklärt er ihr die Perseiden und das Kreuz des Südens, dann lässt er sie auf die Sterne schießen. „Schieß den Sternen in den Bauch“, sagt er an einem Heiligabend zu dem Kind und gibt ihm damit eine Ahnung dessen, was Krieg sein könnte und wie er entsteht. Jahre später bittet er die Tochter, das Bild des faschistischen Führers Ante Pavelic von Hessen nach Dalmatien zu schmuggeln, ohne auf die Gefahren hinzuweisen.

Sie will sich als Mensch mit ihrer Sprache der Welt stellen

Marica Bodrozics Ich im Buch ist auch das wirkliche Ich der Schriftstellerin. Ein standfestes Ich ist das, ein Ich, das sich nicht versteckt, dazu ein vielschichtiges Ich. Die poetische Dimension der Sprache bestimme ihr eigenes Leben, sagt sie. Sie wolle sich als Mensch mit ihrer Sprache der Welt stellen.

Lesungen bei Dombrowsky: hier mehr.

Mehrere Jahre hat sie an diesem sehr persönlichen Buch gearbeitet, sich auf eine Reise begeben zu den Menschen ihrer ersten Lebenswelt und auch zu den Menschen, die sie gelesen hat, zu Hannah Arendt („ohne sie könnte ich nicht leben“), zu Danilo Kiš („unbedingt lesen, das ist ein wunderbarer, unbestechlicher Autor“), zu Marina Zwetajewa und zu Nabokov. „Wir werden beschriftet von den Menschen unseres Lebens. Oft sind das vor allem die Eltern, bei mir nicht.“ Die Autorin wollte eigentlich diese sehr persönliche Ebene weglassen, kam aber zu dem Schluss, dass „Die Anderen“ nur eine Fiktion seien. Sie nimmt eine Innen- und Außenposition ein, kennt das Gefühl des Am-Rande-Stehens, das aber auch bedeutet, dass man lieben könne. „Ich kenne das Gefühl nicht, zu jemandem zu gehören“, sagt sie.

Als sie 18 Jahre alt ist, sorgen sich ihre Klassenkameradinnen um die beste Jeans-Marke, um die Karte zum nächsten Rockkonzert. In Marica Bodrozics Welt bricht zu dieser Zeit der Krieg aus. Menschen verlieren alles, was sie hatten, Söhne, Häuser. Noch heute, 20 Jahre nach dem Krieg, ist die Gesellschaft zerrissen. Diesen Spuren geht die Autorin nach, in starker, poetischer, lyrischer Sprache. „Ich will mich als Mensch mit meiner Sprache der Welt stellen“, sagt sie und, mit Blick auf die neuesten Entwicklungen in der Politik: „Niemand, der frei ist, ist klein. Darauf kommt es an.“

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