MyMz

Porträt

Schlöndorff ist der Literaturverfilmer

Volker Schlöndorff wagte sich an die großen Stoffe. Er hat Filmgeschichte geschrieben – und macht auch mit 80 einfach weiter.
Von Helmut Hein

Er ist einer der bedeutendsten deutschen Regisseure: Volker Schlöndorff feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. Foto: Kay Nietfeld/dpa
Er ist einer der bedeutendsten deutschen Regisseure: Volker Schlöndorff feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Regensburg.Helene Weigel war entsetzt. Und dann, der Abspann im Fernsehen lief noch, wurde sie zornig. „Baal“, dieses anarchisch-kraftprotzerische Frühwerk ihres verstorbenen Mannes hatte sie noch nie gemocht. Aber was Volker Schlöndorff aus dem vitalistischen Bekenntnis Brechts gemacht hatte, war ihr schlicht zuwider; vor allem der blutjunge Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle des Menschen- und Frauenfressers. Die Witwe schritt zur Tat: Nie mehr, schwor sie, sollte dieser „Baal“ öffentlich zu sehen sein. Der Bannspruch hielt immerhin viereinhalb Jahrzehnte. Erst 2013 kam es zu einer Annäherung zwischen den Rechteinhabern des Stücks und der Fassbinder-Foundation.

Weitere wichtige Arbeiten waren „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Fälschung“ und „Homo Faber“. Seine Verfilmung von „Baal“ mit Rainer Werner Fassbinder (Foto: Volker Schloendorff/Weltkino Filmverleih/dpa) konnte man erst nach mehr als 40 Jahren in den Kinos sehen. Foto: Volker Schloendorff/Weltkino Filmverleih/dpa
Weitere wichtige Arbeiten waren „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Fälschung“ und „Homo Faber“. Seine Verfilmung von „Baal“ mit Rainer Werner Fassbinder (Foto: Volker Schloendorff/Weltkino Filmverleih/dpa) konnte man erst nach mehr als 40 Jahren in den Kinos sehen. Foto: Volker Schloendorff/Weltkino Filmverleih/dpa

Seit 2014 kann man den Film, der längst zu einem Mythos geworden war, wieder sehen, „remastered“. Und, hat man etwas verpasst? Darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein. Man kann auch Helene Weigel verstehen. Ein bekannter deutscher Filmkritiker nannte diesen „Baal“ ein „Meisterwerk“ aus der „Pubertät“ des neuen deutschen Films. Dieses Urteil ist so doppeldeutig, dass man sich ihm problemlos anschließen kann.

Mit Musil fing er an

„Baal“ war nicht die einzige Niederlage Schlöndorffs. Auch sein Versuch, Ende der 1960er Jahre mit seinem „Michael Kohlhaas“ in Amerika Fuß zu fassen, scheiterte krachend Und die „Geschichte der Dienerin“, gut zwei Jahrzehnte später entstanden, war in seiner Lesart einfach nur erbärmlich. Die kurze Aufzählung zeigt schon, was Schlöndorffs Spezialität war und bis auf den heutigen Tag ist: die Literaturverfilmung. Das ist ein heikles Genre, aber Schlöndorff kam in den meisten Fällen ganz gut zurecht. Vielleicht, weil er in Frankreich – wo er auch zur Schule gegangen war und Jura studiert hatte – eine solide Ausbildung bei den Besten der Besten genossen hatte.

Volker Schlöndorff arbeitete lange in Hollywood und lebt inzwischen wieder in Berlin. 1992 heiratete er Angelika Gruber, die 2018 verstarb. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Volker Schlöndorff arbeitete lange in Hollywood und lebt inzwischen wieder in Berlin. 1992 heiratete er Angelika Gruber, die 2018 verstarb. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Er war Louis Malles Assistent bei dessen legendärer „Zazie“, hospitierte später bei Melville und Resnais. Sein fulminantes Debüt war „Der junge Törless“. Er verwandelte Robert Musils klaustrophobisch-sadistischen Internatsroman aus den letzten Tagen von Habsburg in ein beklemmendes Sittenbild in Schwarzweiß, das im intimen Modell schon andeutet, was Menschen Menschen antun können.

„Ich bin Handwerker, weil mir das Wort ,Künstler‘ verdächtig ist.“

Volker Schlöndorff, Regisseur

Papas Kino wurde für tot erklärt, aber an seinen Themen arbeitete man sich durchaus lustvoll ab. In den 1950er Jahren hatten all die Förster vom Silberwald der Verdrängung der Schuld gedient, jetzt zeigten die Söhne die „Wahrheit“ hinter den Klischees des Heimatfilms. Und Schlöndorff war dabei: Bei „Der plötzliche Reichtum der armen Leuter von Kombach“ als Regisseur, beim „Mathias Kneißl“ immerhin als Darsteller.

Max Frisch ist ihm am nächsten

War Schlöndorff ein politischer Regisseur? Höchstens in dem Sinn, dass jeder, der sich nicht den Sprachregelungen seiner Zeit fügt, rasch zur persona non grasta werden kann. Das geschah Schlöndorff mit „Die verlorenen Ehre der Katharina Blum“, die ihn und den Autor der Vorlage, Heinrich Böll, zum Opfer einer Hexenjagd machten, die sie in ihren Werken doch gerade erst präzise beschrieben und analysiert hatten. Wer Mitte der 1970er Jahre zum „Sympathisanten“ der RAF erklärt wurde, war erledigt, ob die Vorwürfe nun zutrafen oder nicht. Buch und Film wurden freilich, allen Nachstellungen vor allem der „Bild“-Zeitung zum Trotz, zu einem Riesenerfolg, auch international. Und Schlöndorff hatte ein Thema gefunden, das ihn nicht so rasch losließ: die Schwierigkeiten bei der Darstellung der Wirklichkeit, vor allem, wenn starke Interessen ins Spiel kommen, und die Verdrehung der Realität durch die Medien, die der „Geschichte“ schon mal die Fakten opfern. Der schwerkranke Nicolas Born hatte mit „Die Fälschung“ einen der besten Nachkriegsromane geschrieben. Schlöndorff hatte diese Geschichte von professioneller und privater Lüge und (Selbst-)Betrug mitten in den Beiruter Bürgerkriegs-Ruinen verfilmt, mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla. Sehr sehenswert.

Volker Schlöndorff wurde 1939 in Wiesbaden geboren. Für die Verfilmung von Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ erhielt er viele Preise – darunter 1980 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Foto: United Artist
Volker Schlöndorff wurde 1939 in Wiesbaden geboren. Für die Verfilmung von Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ erhielt er viele Preise – darunter 1980 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Foto: United Artist

Seinen größten Erfolg – Goldene Palme in Cannes, Auslands-Oscar – hatte Schlöndorff aber schon zwei Jahre zuvor mit der „Blechtrommel“. Wieder, zum soundsovielten Mal, ging es um die brüchige, oft katastrophische deutsche Geschichte und auch um eine kritische Wiederaneignung der verlorenen Heimat. Hier um das Danzig des Günter Grass, ein paar Jahre zuvor, in der Verfilmung von Marguerite Yorcenars „Der Fangschuss“, um das „deutsche“ Baltikum in den Jahren nach dem Erstern Weltkrieg.

Proust war riskant

Das riskanteste Projekt, das Schlöndorff je in Angriff nahm, war 1984 seine Proust-Verfilmung („Eine Liebe von Swann“). Viele erklärten ihm geduldig, dass man einen Roman, in dem alles Innenwelt und äußerst ausdifferenzierte Sprache ist, nicht so einfach in Bilder und Handlung übersetzen kann. Schlöndorff ließ sich nicht beirren – und er konnte sich in gewisser Weise auf Proust selbst berufen. Der nannte ja die vertrauten Dinge und Interieurs „ein Depot der Psyche“. Wer und was wir sind, spiegelt sich auch in unserem Ambiente. War Schlöndorff bei dem Versuch, die alte Alexander Kluge-Devise „Du musst den Schwierigkeitsgrad erhöhen“ in die Tat umzusetzen, erfolgreich? Es wurde jedenfalls nicht so schlimm, wie man befürchten musste. Nur eine Entscheidung erschließt sich bis heute nicht: Er ließ Hans Werner Henze eine strenge, sperrige Filmmusik verfassen, während doch Proust selbst erklärt hatte, welcher „Sound“ das Innerste seiner Prosa bildet: César Francks berauschend-spätromantische A-Dur Sonate, vor allem das Thema des ersten Satzes, das Sehnsucht pur ist.

Wenn man fragt, welcher Autor denn dem Literaturverfilmer Schlöndorff am nächsten sei, muss die Antwort vermutlich heißen: Max Frisch. Schon 1991 hatte sein „Homo Faber“ den Tücken der Täuschung eine neue Variante hinzugefügt. 2017 gelang ihm dann mit „Rückkehr nach Montauk“ der schönste Film seiner Karriere; vielleicht schon fast zu schön. Zwei Dinge, sagt der Protagonist am Ende seines Lebens, muss man bitter bereuen: die Dinge, die man getan und die Dinge, die man nicht getan hat. Zieht er aus dieser Einsicht Konsequenzen? Nein, er macht einfach so weiter wie gewohnt. Am Sonntag wird Volker Schlöndorff 80.

Weitere Kulturnachrichten gibt es hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht