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Regensburg.

„Schöne Aussicht“: Die Nackte mit dem Riesentuch

Guiseppe Donnaloia, Ute Raddatz und Barbara Spannagel im Kunstkabinett

Giuseppe Donnaloia, Barbara Spannagel und Ute Raddatz (v.l.) vor und hinter ihren Kunstwerken Foto: altrofoto.de

Von Uta von Maydell, MZ

Ein kleiner Junge mit Wuschelkopf zieht am Schwanz einer Truthenne, neben ihm ein winziges Mädchen und dahinter aufgereiht eine Gruppe Erwachsener, beobachtend... Mittlerweile bekommt er langsam eine hohe Stirn und hält seine Erinnerungen auf der Leinwand fest: Der Deutsch-Italiener Guiseppe Donnaloia. Gemeinsam mit seiner Malerkollegin Ute Raddatz und der Bildhauerin Barbara Spannagel zeigt er unter dem Stichwort „Schöne Aussicht“ neuere Arbeiten im Kunstkabinett. Ein Freund des Hauses, der Berliner Kunsthistoriker Michael Schultz, kennt die Drei von seinen Kursen „Künstler als Beruf“ an der Akademie Bad Reichenhall und hat ihnen eine Schiene nach Regensburg gelegt. Sie sind sämtlich etwas über 40, sozusagen auf halbem Wege also – und der Weg scheint gut.

Ganz wörtlich zu nehmen ist „Schöne Aussicht“ bei den jetzt gezeigten Berg-Bildern von Ute Raddatz. Ihr Hauptmotiv ist das Matterhorn – bis zur Ermüdung zumindest von Postkarten bekannt. Aber in ihren zum Teil monumentalen „Ansichten“ werden andere, neue Empfindungen evoziert. Entfernt an Puzzles erinnern die strengen Strukturen, an das Aufbrechen der Erde vor Urzeiten, an das Entstehen von majestätischen Kulissen. Grate, Diagonalen, Abbrüche, Flächen bilden „Skulpturen“ sonderbar bewegter Starre, die kein Leben zulässt – unter gleichmütigem Himmel. Bei üppigem Farbauftrag bleibt Raddatz in der Tongebung fast asketisch; ungeheuer die Sogwirkung von „Fliehkraft“, einer gewaltigen Eisfläche. Mit Landschaftsmalerei hat all das nichts zu schaffen, geht an die Substanz.

Seltsam vergraute Fotos

Wirklich fassbare Skulpturen stellt Barbara Spannagel in den Raum mit ihren Bronzen und Steinfiguren. Sie befasst sich auch mit sakraler Kunst und der Darstellung von Tieren, aber jetzt zeigt sie Menschen, zumeist in angespannter Pose: Blank poliert und überhöht naturalistisch ein verzückter Aeros oder in Korrespondenz „Abgehoben“, eine grazile Nackte mit bläulich überhauchtem Riesentuch. Andere Figuren – „Loslassen“ oder „Der erste Schritt“ gemahnen vage an die überdehnten Gliedmaßen von Giacomettis Geschöpfen. Viel Spannung hier, genau wie bei „Zwiespalt I und II“ aus Marmor oder Granit gemeißelt und nobel geglättet.

Was die Bildhauerin mit Körpersprache schafft, erreicht der Maler Donnaloia durch Überlagerung von Erinnerungen. Beim ersten flüchtigen Hinschauen erfährt man seine Tableaus als seltsam vergraute Fotos. Die Figuren auf dem heiteren Selbstbildnis mit Pute sind altmodisch gekleidet, wie Zeitzeugen in alten Alben eben. Tatsächlich hat er eine Geschichte dazu parat. Aber seine Motive – sie existieren nur als Idee oder im Gedächtnis – erfahren durch seine Kunst eine doppelte Entrückung: Dargestellt wird, wie irgendetwas hätte gewesen sein können. Keine Antworten auf ein Wann oder Warum; Farbe ist nur am Bildrand gestattet, als Pseudo-Rahmen für Pseudo-Fotos. Ansonsten delikate Grautöne mit viel Licht und Schatten – und schöne Aussicht, auf’s Meer etwa, auch hier.

Bis 31. August im Kunstkabinett, Untere Bachgasse 7. Di. mit Fr. 11 bis 18 Uhr, Sa. 10 bis 14 Uhr u.n.V. Tel. (0941) 578 56. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

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