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Stil-Mix

SebastiAns gestörter Gesang

Auf seinem grandiosen neuen Album „Thirst“ erweist sich SebastiAn als Meister vieler Genres und erlesener Kooperationen.
Von Helmut Hein

Der französische DJ und Elektronikproduzent SebastiAn Foto: Virginia Arcaro
Der französische DJ und Elektronikproduzent SebastiAn Foto: Virginia Arcaro

Paris.Am Anfang, bei den alten Griechen, war das Theater nur Chor, ein handelndes, reflektierendes und kommentierendes Kollektiv. Dann, seit Aischylos und mehr noch Sophokles, trat der Einzelne aus der Masse hervor. Das Subjekt tat sich mit seiner Selbstbehauptung freilich schwer. Die Geschichten, die es von allen anderen unterschieden und auszeichneten, endeten meist tragisch. Bei den frühesten Denkern und Dichtern war die Vereinzelung, die sie beschrieben, vielleicht sogar propagierten, per se schuldhaft. Und noch bei den neuesten Horrorfilmen wird der, der sich absondert, zum Opfer des absoluten Grauens. All das fällt einem fast zwangsläufig ein, wenn man SebastiAns neues Album „Thirst“ hört.

Das Album „Thirst“ von SebastiAn ist bei Ed Banger/ Because Music/ Caroline erschienen. MP3 kostet ca. 10 Euro, Vinyl ca. 27 Euro.
Das Album „Thirst“ von SebastiAn ist bei Ed Banger/ Because Music/ Caroline erschienen. MP3 kostet ca. 10 Euro, Vinyl ca. 27 Euro.

Auch da paaren sich Schönheit und Schrecken; auch da will sich die einzelne Stimme behaupten, tut sich damit aber schwer. Der Gesang, der gerade dabei ist, sich aufzuschwingen, wird vom Wüten der chaotischen Instrumenten-Masse systematisch gestört. Jeder Ansatz zu einer eigenen Ordnung der Dinge geht im verzerrten Chaos der vielen Stimmen, die sich nicht mehr unterscheiden lassen, unter.

Sein Projekt lebt nicht nur von Stil-Mischungen, sondern auch von lustvollen Kooperationen.

Wobei man beim wiederholten Hören von „Thirst“ eine faszinierende Erfahrung macht. Während man sich anfangs vom entschiedenen Durcheinander all dessen, was nicht zusammenpassen will, bedrängt fühlt, entstehen mit der Zeit immer klarere Strukturen. Wo zunächst nur Lärm war – SebastiAn nennt das, was er tut, gern „Strange Noise“ –, setzen sich mit der Zeit Melodien, Harmonien und vor allem Rhythmen durch. Es entsteht so etwas wie Pop- oder zumindest Disco-Feeling. „Thirst“ wird tanzbar und die betörenden Gefühls-Fragmente, die jäh aufblitzen, fügen sich zu Geschichten.

Sebastian Akchoté

  • Biografie:

    SebastiAn wurde als Sebastian Akchoté 1981 in Paris geboren. Dort und in Belgrad wuchs er auf. Gitarrist Noël Akchoté ist sein Bruder. Jazz und Hiphop prägten ihn. Mit 15 produzierte er bereits Musik.

  • Album:

    „Thirst“ ist bei Ed Banger/ Because Music/ Caroline erschienen; MP3 ca. 10, Vinyl ca. 27 Euro.

„Thirst“ ist erst das zweite Album des legendären DJs mit balkanischen Wurzeln. Acht Jahre sind seit seinem gefeierten Debüt „Total“ vergangen. Heißt das, dass SebastiAn faul ist? Im Gegenteil. Er arbeitet unablässig, fast schon manisch. Wenn man ihm glauben darf, dann schreibt er jeden Tag mindestens drei Songs. Aber er legt nicht so viel Wert auf den eigenen, für immer untrennbar mit seinem Namen verbundenen Ruhm. Lieber verschwindet er in der (halben) Anonymität. Als Autor und Produzent von Pop-, Soul- und Chansongrößen von Frank Ocean bis Charlotte Gainsbourg oder als Re-Mixer von Daft Punk.

SebastiAn holte sich viele weitere Musiker*innen ins Boot, angefangen bei Charlotte Gainsbourg, über die Brüder Ron und Russell Mael bis hin zu Mayer Hawthorne. Foto: Virginia Arcaro
SebastiAn holte sich viele weitere Musiker*innen ins Boot, angefangen bei Charlotte Gainsbourg, über die Brüder Ron und Russell Mael bis hin zu Mayer Hawthorne. Foto: Virginia Arcaro

Und er schätzt die Vielfalt. Heute würde man vielleicht von Heterogenität oder Diversität sprechen. Sein Projekt lebt übrigens nicht nur von Stil- und Genre-Mischungen, sondern auch von lustvollen Kooperationen; die nicht, wie heute üblich, virtuell quer durch die Kontinente verlaufen. Bei SebastiAn mailt man sich nicht Teile der eigenen Arbeit, die für die Ergänzung durch andere offen sind, er kommt mit den Künstlern noch wirklich, in der analogen Welt, zusammen. Und es sind viele verschiedene Kollegen, die da im Lauf der Zeit mit am Werk sind. Das macht das Album aufregend, weil jeder Song bzw. Track anders ist, gefärbt von der Individualität so unterschiedlicher „Subjekte“ wie der schon erwähnten Charlotte Gainsbourg bis zu den Brüdern Ron und Russell Mael, die einst der Post-Punk- und New-Wave-Ära ihren eigenen radikal-dadaistischen Sub-Sound verliehen.

Hier das Stück „Better Now (feat. Mayer Hawthorne)“ von SebastiAns neuem Album „Thirst“:

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