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Klassik

Seelenschmerz, mit Wucht interpretiert

Scharf akzentuiert und fast flüsternd interpretiert: Die Chorphilharmonie Regensburg führte Dvoráks „Stabat mater“ auf.
Von Gerhard Dietel, MZ

Horst Frohn, Leiter der Chorphilharmonie Regensburg
Horst Frohn, Leiter der Chorphilharmonie Regensburg Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Ein tiefes Fis erklingt, wiederholt sich und wandert durch die Oktavlagen und Orchesterinstrumente. Es ist, als zögere die Musik, in Gang zu kommen angesichts der schrecklichen Szene, die sie zu schildern hat: Maria, die Mutter, steht voll Schmerzen am Fuße des Kreuzes, an dem ihr Sohn Jesus hingerichtet wird. Nur zögernd lösen sich in Antonin Dvoráks Vertonung der mittelalterlichen „Stabat mater“-Dichtung aus dem nahezu gestaltlosen Anfang die ersten chromatisch absteigenden Leidensmotive und verdichten sich sinfonisch, bevor der Chor wie zagend und von stockenden Pausen durchsetzt beginnt, das ungeheuerliche Geschehen in Worte zu fassen.

Vom ersten Augenblick an schlägt Dvoráks als zehnteiliges Oratorium angelegte Stabat-Mater-Musik die Zuhörer in der Regensburger Kirche Herz Jesu in ihren Bann. Dass während der folgenden anderthalb Stunden die Intensität der Interpretation nie nachlässt, dafür sorgen alle an der Aufführung Beteiligten: die Sängerinnen und Sänger sowie das Orchester der Regensburger Chorphilharmonie, deren Kräfte Horst Frohn als Dirigent umsichtig koordiniert, und ebenso die vier Vokalsolisten: Gesche Geier (Sopran), Vera Egerova (Mezzosopran), Yinjia Gong (Tenor) und Jongmin Yoon (Bass), die sich allesamt ebenso beherzt wie uneitel in den Dienst der Aussage des Werks stellen.

Frenetisch herausgeschleuderte Rufe

Horst Frohn gibt Dvoráks Partitur scharfes Relief und schlägt als Gegengewicht zu den vielen langsamen, schwer schreitenden Entfaltungen dort, wo der Komponist ein „con moto“ notiert, eher zügige Tempi an. Das Schmerzliche des „Stabat mater“ manifestiert sich in scharfen Akzenten der Streicher, in frenetisch herausgeschleuderten „Fac“-Rufen im Vokalpart und aufwühlenden Crescendi. Bis zu Klangballungen im dreifachen Fortissimo steigert sich die Wucht des Orchesterklangs, der selbst im großen Kirchenraum von Herz Jesu die Akustik an die Grenze des Aufnahmefähigen bringt. Man kann mutmaßen, dass Dvorák hier nicht nur das Kreuzigungsgeschehen meint, sondern zugleich seinen privaten Seelenschmerz angesichts des Todes der eigenen Kinder in Töne gefasst hat. Doch fehlt es auch nicht an Linderung. Die Holzbläser spenden in hellen Farben Trost, die Chorstimmen formen, etwa im „Virgo virginum praeclara“ ganz sanfte A Cappella-Harmonien und ein ums andere Mal nimmt Dvoráks Musik den Charakter eines beruhigenden Wiegenlieds an.

Lesen Sie mehr über die Chorphilharmonie Regensburg: hier

So zögernd, wie dieses „Stabat mater“ in Gang kommt, so schwer fällt es ihm, sich zu verabschieden. Das letzte bestätigende „Amen“ wird nicht nur breit ausgesungen, sondern nochmals in allen Stimmungslagen der gesamten Partitur beleuchtet: kraftvoll und ekstatisch angestimmt, in ein vielstimmiges „Paradisi Gloria“ entfaltet, dann aber für einige Takte nachdenklich ins nahezu flüsternde Piano zurückgebogen, bevor letzte, nach oben entschwebende Streicherlinien beinahe schon eine Auferstehung, ja eine Himmelfahrt symbolisieren.

Sehen Sie hier ein Video der Chorphilharmonie Regensburg.

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