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Kunst

Sehnsucht nach Schönheit und Sanftheit

Das Frankfurter Liebieghaus reanimiert die meist missverstandene Epoche des Rokoko und beleuchtet sie frei von Kitsch.
Von Matthias Kampmann, MZ

„Der drohende Amor“ hat für die Frankfurter Schau zum ersten Mal überhaupt das Rijksmuseum verlassen.
„Der drohende Amor“ hat für die Frankfurter Schau zum ersten Mal überhaupt das Rijksmuseum verlassen. Foto: Rijksmuseum Amsterdam

Frankfurt.Am Vorabend der französischen Revolution und der Aufklärung dämmert es: Nach der harten Entgegensetzung von Hell zu Dunkel im Barock wird es nun heller. Allerdings nur für den Adel. Wenn man sich mit dem Rokoko beschäftigt, sollten Gleichheitsgedanken also erst einmal draußen bleiben.

Die Frankfurter Liebieghaus Skulpturensammlung widmet der vor allem französischen Kunst des 18. Jahrhunderts eine Ausstellung. „Gefährliche Liebschaften – Die Kunst des französischen Rokoko“ heißt die Schau, die ihrem Titel voll und ganz gerecht wird – aber nur vor einer negativen Folie. Denn Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos (1741-1803), der den berühmten Briefroman selben Titels schrieb, verachtete eigentlich all das, wofür der Rokoko stand. Und er führte, meint Kuratorin Maraike Bückling, mit seinem Klischee alle nachfolgenden Generationen in die Irre.

Nicolas Lancrets „Der Vogelkäfig“ (Les Amours du Bocage), um 1735
Nicolas Lancrets „Der Vogelkäfig“ (Les Amours du Bocage), um 1735 Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Laclos‘ Roman knüpft an die Tragödien vorangegangener Zeiten an. Tod, Untergang, Gewalt, Depression – das sind die Kategorien, in denen er sein literarisches Intrigennetz spinnt. Diese Gefahr scheint jedoch beinahe sämtlichen Protagonisten aus der mehr als ordentlich besetzten Ausstellung abzugehen. Der Schwerpunkt liegt auf amourösen Momenten, seien es eine Musikstunde oder ein Schäferstelldichein. Und gezeigt werden nicht nur Bildwerke, sondern zudem Porzellane, Fächer, Kostüme, Möbel, Malerei oder Grafik – Zeugnisse auch einer Kultur handwerklicher Exzellenz. Die knapp 90 Exponate beschränken sich zumeist aufs kleine Format.

Ein prickelnder „Schlummer“

Es gibt zentrale Künstlerfiguren, um die sich zweifelsohne die Schau rankt: François Boucher (1703-1770) etwa. Sein Werk ist nicht nur in originalen Gemälden, sondern auch in der beliebten intimen Reproduktionsgrafik präsent. Wundervoll prickelnd ist Nicolas Dauphin de Beauvais‘ (1687-1763) „Der unterbrochene Schlummer“ (1756). Bouchers Vorbild datiert in das Jahr 1750. Auf einer Schrägen liegt eine junge, hübsche Frau, ganz aus Licht, mit geschlossenen Lidern. Hinter einem Baum links versteckt sich ein junger Bursche, der mit einem Grashalm die Nasenspitze der Schönen kitzelt. Zuschauer sind Schafe und ein Hütehund. Natürlich lässt man sogleich die Übersetzermaschine an und denkt an Treue, und wenn man den Vogelbauer im Baum oben sieht, scheint alles klar zu sein: Hütet euch, das Glück zu zweit ist fragil und mit der Preisgabe der Freiheit verbunden.

Ein leicht bedrohlicher Liebesgott

Diese Kodierung bleibt, ob es sich um ein „Verzogenes Kind“ oder das „Gelehrige Hündchen“ handelt. Die ovalen Leinwände malte Boucher 1740. Heute sind sie in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zuhause. Ja, es gibt auch Anzüglichkeiten. Aber man stolpert doch stets über diese Doppeldeutigkeiten, die in der Ausstellung nie so explizit wie in ausgewählten Prachtstücken etwa aus der Alten Pinakothek sind. Selbst wenn die Münchner Staatsgemäldesammlungen schwergewichtige Stücke für sich behalten hat, beispielsweise das höchst erotisierte „Mädchen mit dem Hund“, das Jean-Honoré Fragonard 1770 malte, gibt es dennoch eine ganze Menge Kostbarkeiten. „Die Wippe“ aus der Madrider Thyssen-Bornemisza-Kollektion entschädigt am Main.

Jean-Honoré Fragonards „Die Wippe (La Bascule)“, 1750–1755
Jean-Honoré Fragonards „Die Wippe (La Bascule)“, 1750–1755 Foto: Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Die offensichtlichste Champions-League-Arbeit ist vielleicht „Der drohende Amor“, eine 87 Zentimeter hohe Marmorstatue von Étienne-Maurice Falconet (1716-1791). Finger zupfen einen Pfeil aus dem Köcher. Die andere Hand befiehlt uns Zeugen zu schweigen. Lächelnd, doch tatsächlich ein wenig bedrohlich erscheint der Liebesgott. Ansonsten beherrscht gemäßigte Erotik die Schau. Man umarmt sich in stehender Motivkonstellation zur Flötenstunde: Der Lehrer steht hinter der Schülerin. Beide scheinen gleich alt zu sein. Er führt das Instrument und korrigiert die Haltung. Das sind Anlässe, die über das Musizieren über die Sanftheit und Kultiviertheit der Empfindungen zu fast schon handfesten Liebeleien führen, aber explizit ist hier nichts. Das passte auch nicht. Da ist ein buntes Porzellan von Johann Friedrich Lück (1727-1797), das sich auf ein Biskuitporzellan von René Gaillard (1717-1790) bezieht, der wiederum Boucher zitiert. So wandert dieses Motiv durch ganz Europa.

Sehnsucht nach Ursprünglichkeit

Überhaupt sind bisweilen schräge Dinge zu sehen, etwa eine Schale von Louis Boizot und François-Antoine Pfeiffer, der eine weibliche Brust nachbildet. Oder die vielen kleinen Kinder, die wie Erwachsene daherkommen. Eine Mode, die wiederum auf Boucher zurückgeht und Zeugnis von einer Ursprünglichkeitssehnsucht ablegt: Das Schöne ist niedlich und fein, schrieb Edmund Burke in seinem Traktat „Vorm Erhabenen und Schönen“.

Gefährliche Liebschaften

  • Die Ausstellung:

    Rund 80 Werke aus dem 18. Jahrhundert belegen, dass das Rokoko nicht nur kitschig, sondern vor allem der Spiegel einer alternativen Lebensweise zum polarisierten und dynamischen Barock war. Die Ausstellung, die Maraike Bückling kuratiert hat, endet am 28. März 2016 und wird von einem ausführlichen Katalog (34,90 Euro) begleitet.

  • Das Schäferidyll:

    In der Zeit des Rokoko sehnte man sich nach dem Leben auf dem Land und nahm die Hirten und Schäfer zum Vorbild. Galanterien stehen nicht für die Dekadenz des Menschen, sondern spiegeln eher eine sanfte Form der Liebe und eine gemäßigte Empfindsamkeit.

  • Die Köpfe:

    Motive werden in verschiedenen Techniken über Ländergrenzen transportiert, und die mythologischen Szenen spielen nicht mehr in der Antike, sondern in der unmittelbaren Gegenwart. Wichtigste Künstler waren Jean-Honoré Fragonard, Francçois Boucher, Étienne-Maurice Falconet, Jean-Baptiste Pigalle, die zum Teil mit hochkarätigen Werken zu erleben sind.

Der gemeinsame Zug aller Werke ist tatsächlich die Sehnsucht nach gemäßigter Sanftheit, am besten noch unter freiem Himmel. Der Adel verehrte Schäfer und Hirten, weil sie der gestalteten Natur so nahe waren und das Ideal eines einfachen Lebens lebten – scheinbar. Diese liebliche, helle Atmosphäre stiftet das Liebieghaus-Team durch teilweise bildhafte Inszenierungen, ohne Gefährdung durch Kitsch. Bereits der erste Raum ist in hellem Gelb gehalten. Die Grafiktapete formt den Innenraum eines Rokokoschlosses nach. Man sieht die riesigen Fenster, die Kerzenhalter, die Spiegel, und man kann sich leicht imaginieren, dass die Herrschaften hier im Hellen ihren Vergnügen nachgehen konnten. Etwa beim Dessert, wenn die exzellenten Biskuitporzellane von Falconet aus Sèvres die Tafel zierten. Da gibt’s dann Bussis, und dem Herzen, Kosen und Necken ist kein Ende. Was also, wenn wir unsere laute Zeit ein wenig dämpfen? Wenn wir ein veredeltes Maß an Sanftheit walten ließen? Das würde vielleicht Druck herausnehmen, der uns Tag für Tag polarisiert. Die Herrschaften haben abgedankt, aber die Lehre bleibt.

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