MyMz

Malerei

Seien Sie vorsichtig mit dem Spind!

Was täuschend echt aussieht, ist nur gemalt: Stefan Bircheneders beeindruckende neue Ausstellung bei ArtAffair in Regensburg
Von Helmut Hein, MZ

Die Spinde schauen massiv und vielbenutzt aus – von wegen! „Alles gemalt“, sagt Stefan Bircheneder. Foto: Jasmin Lehmer
Die Spinde schauen massiv und vielbenutzt aus – von wegen! „Alles gemalt“, sagt Stefan Bircheneder. Foto: Jasmin Lehmer

Regensburg.Bei Stefan Bircheneder von einem Altmeister-Gen zu sprechen, ist nicht ganz zutreffend. Denn seine tatsächlich verblüffenden Fähigkeiten gingen ihm ja erst im Verlauf einer harten 20-jährigen Vor-Schule gewissermaßen in Fleisch und Blut über. Bircheneder war lange Jahre Kirchenmaler und -restaurator. Während er Hand anlegte bei den Alten Meistern, begann er zu verstehen, wie sie arbeiteten. Außerdem war er eine Art Freizeit-Beltracchi: Er kopierte, aber nicht zu betrügerischen Zwecken, sondern aus reiner Freude am Lernen heraus.

Und jetzt? Ist Erntezeit. Die zweite Welt, die er erschafft, wirkt täuschend echt. Wenn er Weintrauben malte, würden die Vögel sicher danach picken, wie es in einer berühmten Fabel heißt. Doch ist Bircheneder ersichtlich überhaupt nicht glücklich, wenn man ihn in die Schublade der Trompe l’oeil-Maler zu stecken versucht. Er hält das für ein vergiftetes Kompliment. Da, befürchtet er zumindest, ist der Verdacht nicht fern, es handle sich nicht um einen Künstler, sondern um einen virtuosen Kunsthandwerker.

Stefan Birchenender vor einem seiner Werke bei ArtAffair Foto:Jasmin Lehmer
Stefan Birchenender vor einem seiner Werke bei ArtAffair Foto:Jasmin Lehmer

Bircheneder aber ist, daran kann nicht der mindeste Zweifel bestehen, ein Künstler; wenn auch ein lustvoll täuschender. So mancher, der zerstreut und ohne Vorwissen eine Galerie mit seinen Arbeiten betritt, meint, er sei in eine Fotoausstellung geraten. Wieder zuckt Bircheneder leicht zusammen: Ein Foto-Realist möchte er auch nicht sein. Was aber ist denn eigentlich der Unterschied zwischen einem Foto und einem Bild von Bircheneder? Wenn man davon absieht, dass der Fotograf nur kurz auf den Auslöser drücken muss, während Bircheneder schon einmal zwei Monate im Atelier steht, bis er „fertig“ ist? Vielleicht, dass die Welt, die man hier zu sehen bekommt, einen langen Weg zurückgelegt hat – nicht nur durch das Auge, sondern auch durch Hirn und Seele des Künstlers. Man hat nicht ein simples Abbild vor sich, sondern eine komplexe Schöpfung. Und obwohl Bircheneder ein fanatischer Tüftler perfekter Oberflächen ist, haben seine Bilder „Tiefe“. Das heißt: Sie künden nicht nur von einem Augenblick, der für alle Zeit festgehalten wird, sondern erzählen eine Geschichte.

Dinge jenseits ihrer Verfallszeit

Für die Tiefenschärfe seiner Arbeiten spielt die „longue durée“ eine entscheidende Rolle, also einerseits die lange, langsame Herstellungszeit und andererseits die Tatsache, dass Bircheneder mit Vorliebe Dinge und Räume jenseits ihrer Verfallszeit zeigt.

Seit Jahren schon beschäftigt er sich mit einer Groß-Serie über aufgelassene, allmählich verfallende Fabrikhallen und Büroräume: die Arbeitswelt von gestern, die der „Grund“ unseres heutigen Reichtums, aber vielleicht auch fortwirkender Entfremdung und Verstörung ist. Dabei ist Bircheneder, auch wenn es manchmal vielleicht den Anschein hat, kein fantastischer, sondern ein recherchierender Maler. Er schaut sich das genau an, was dann unter seinen Händen neu entsteht. Seine Vorliebe gilt der Ex-DDR, weil dort, immer noch, mehr Verfall, mehr Patina präsent ist als im Westen.

Lesen Sie auch: „Glänzende Ansichten von der Welt“

Bei der aktuellen ArtAffair-Ausstellung liegt der Schwerpunkt auf privaten, intimen, dem Blick üblicherweise entzogenen Räumen. Das können Rückzugsorte („Männerumkleide“) oder reservierte Räume („Nur für Personal“) sein, oder eben Reservate für die Hierarchen, die keinen Zugang gewähren („Chefetage“). Man lernt die Ordnung besser kennen, wenn sie vom Chaos schon versehrt ist. Und auch malerisch bietet der Verfall größere Möglichkeiten.

Eine Besucherin bei der Vernissage vor einem der Gemälde bei ArtAffair Foto: Jasmin Lehmer
Eine Besucherin bei der Vernissage vor einem der Gemälde bei ArtAffair Foto: Jasmin Lehmer

Lustvoll malt Bircheneder etwa abgerissene Tapeten – was sofort neue Farbtöne ins Spiel bringt – oder die Dreckspuren auf dem einst so feinen, „sauberen“ Ledersessel. Diese Insignie der Herrschaft wird sichtbarer und auch ein wenig lächerlich, weil das Zimmer ansonsten schon leergeräumt ist. Bei „Nur für Personal“ ist der Raum beklemmend eng, der Fußboden grob. Was aber nicht so recht passen will, sind die einst edlen Stühle und Sessel, die jetzt dicht an dicht gestapelt wirken, und der faltenwurfreiche Wandbehang in der Ecke, der vielleicht etwas verdecken soll; man weiß nur nicht was. Nichts ist so geheimnisvoll wie die Oberfläche; vor allem, wenn sie leicht ver-rückt ist, wenn nicht mehr alles so recht zu passen scheint.

Je nach Zeitaufwand

  • Die Ausstellung:

    „Nur für Personal“ ist bis 21. Oktober bei ArtAffair (Neue-Waag-Gasse) zu sehen.

  • Die Preise:

    Neuerdings berechnen Künstler den Preis ihrer Arbeiten auch nach den Quadratzentimetern, die sie einnehmen. Macht Bircheneder das auch, nur dass er eben nicht den Raum, sondern den Zeitaufwand in Anschlag bringt? Bircheneder nickt auf die Frage bedächtig und sagt: „Sie werden lachen: Ja!“. So kostet etwa das Großformat „Knusperflocke“ bei ArtAffair 22 500 Euro. Künstler und Galerist versichern unisono, das sei äußerst preiswert.

Noch täuschender als die Bilder, die an der Wand hängen, sind die Objekte, etwa die Spinde. Man meint, es hier mit massivem Material zu tun zu haben, das im Lauf der Zeit mit Aufklebern versehen wurde, die nicht immer zusammenpassen und gerade dadurch eine ganz eigene Geschichte erzählen. Aber dann bemerkt man plötzlich, dass diese Aufkleber gemalt sind, so fein, so sorgfältig noch in ihrer Rissigkeit, dass man es kaum fassen kann. Und dann sagt der Künstler auch noch: „Alles ist gemalt!“

Vernissagenbesucher vor einem der dreidimensionalen Spinde von Stefan Bircheneder Foto: Jasmin Lehmer
Vernissagenbesucher vor einem der dreidimensionalen Spinde von Stefan Bircheneder Foto: Jasmin Lehmer

Mit einem Mal erweist sich das, was eben noch aus festem, wenn auch leicht rostigem Eisen zu bestehen schien, als Arrangement von Leinwänden. Und wenn dann Bircheneder, mit dem Titel eines Objekts, von „Privatsphäre“ spricht, müsste man endgültig misstrauisch werden. Natürlich ist auch hier alles gemalt. Hinzu kommt aber bei diesen übermannsgroßen Kuben noch, dass alle vier Seiten aus mit Schlössern versehenen Türen bestehen, die in denselben kleinen Innenraum führen. Von wegen Privatsphäre!

Hier geht es zur Kultur


Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht