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Kurzfilmwoche

Das Ungewöhnliche im Blick

Regisseurin Monika Treut spricht über Skandale, Vielfalt im deutschen Film und jene Themen, die unbeachtet bleiben.
Von Katharina Kellner

Monika Treut freut sich, wenn Menschen sich durch ihre Filme bestärkt fühlen – wie kürzlich Frauenrechtlerinnen in der Türkei.Foto: Ana Grillo
Monika Treut freut sich, wenn Menschen sich durch ihre Filme bestärkt fühlen – wie kürzlich Frauenrechtlerinnen in der Türkei.Foto: Ana Grillo

Regensburg.Sie machen seit über 30 Jahren Filme in einer von Männern dominierten Branche. Wie erleben Sie die Bedingungen?

Ich empfinde eine große Veränderung. Vor über 30 Jahren waren die Regisseurinnen absolut in der Minderheit. Wir sind alle in eine Schublade gepackt worden. Damals hieß es: Frauen machen Frauenfilme. Wie waren sozusagen in einem eigenen Genre eingesperrt. Es gab in Deutschland in den 70er Jahren nur eine Handvoll von Regisseurinnen. Sie waren Randfiguren des Neuen Deutschen Films. Heute sind Regisseurinnen noch immer in der Minderheit. Doch die Sicht auf ihre Arbeit hat sich sehr positiv verändert.

Was liegt bis heute im Argen?

Die deutsche Filmförderung wird ja überwiegend über Steuergelder finanziert. Frauen bekommen im Schnitt 13 Prozent. Das bringt die jüngere Generation auf. An den Filmhochschulen liegt das Verhältnis zwischen Frauen und Männern bei 50:50. Sehr gut ausgebildete Frauen bekommen vielleicht ihren Abschlussfilm noch hin. Im Anschluss arbeiten sie aber in anderen Berufen. Dieses Missverhältnis gerät jetzt mehr und mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Das ist sehr positiv, denn als ich anfing, gab es gar kein Bewusstsein darüber. Da waren wir die großen Ausnahmen, die Exoten.

Ihr erster Spielfilm provozierte heftig. Es geht es um Sado-Masochismus und eine Domina.

„Verführung: Die grausame Frau“, die ich 1985 zusammen mit meiner Partnerin Elfi Mikesch inszeniert und produziert habe, hat schon vor dem Filmstart einen Skandal ausgelöst: Damals war die Filmförderung des Bundes im Innenministerium angesiedelt. Der damalige Innenminister, Friedrich Zimmermann von der CSU, entschied mit seinem Stab über die Anträge. Da ist schon unser Drehbuch durchgefallen. Allerdings waren Achternbusch und andere auch betroffen. Wir konnten den Film dann mit weniger Geld über die Länderfilmförderung machen. Der Skandal hat ihn weiterbegleitet, weil er mehrere Tabus brach: Lesbische Beziehungen und eine Domina, die über ihre Untertanen herrscht. Bei der Berlinale haben deutsche Kritiker alles Mögliche bemängelt – von der Ästhetik des Films bis hin zu einer angeblich unsäglichen Geschlechterposition.

Und die internationale Kritik?

Das Interesse aus dem Ausland rettete den Film. Wir bekamen viele Einladungen zu internationalen Festivals: nach Montréal, Toronto, San Francisco, New York. Ich war ein halbes Jahr mit dem Film unterwegs und lernte, wie kulturelle Unterschiede dazu beitragen, wie Filme wahrgenommen werden. Wenn nur die Reaktion aus Deutschland gekommen wäre, hätte ich mich vielleicht gar nicht mehr getraut, weiter Filme zu machen. Wir hatten hier fast mehr schlechte Kritiken als Zuschauer. In den USA galt der Film dagegen als interessantes Werk der Popkultur.

Warum sind Sie 1989 für drei Jahre nach New York gegangen?

Das kam durch die Reaktionen zum zweiten Film, „Die Jungfrauenmaschine“. Der hatte Premiere in Toronto, dem größten nordamerikanischen Festival. Er eröffnete da die Reihe „Contemporary Cinema“ und ist auf großen Zuspruch gestoßen. Mehrere amerikanische Verleiher interessierten sich für den Film – ich konnte mir den Besten aussuchen. Die deutsche Premiere war 1988 in Hof. Der damalige Leiter Heinz Badewitz hat den Film auf den prominentesten Termin gesetzt. Ich habe noch versucht, ihn zu warnen, weil ich Unheil ahnte. Ganze Reihen von empörten Filmprofis sind aufgestanden, haben die Türen zugeschlagen. Am Ende saß nur noch ein Drittel des Publikums im Kino. Der deutsche Verleih sprang ab. Weil gute Kritiken aus den USA kamen, habe ich mich entschlossen, eine Zeit lang dorthin zu gehen.

Von dort kam ja viel Zuspruch.

Der deutsche Film war ja damals im Ausland nicht sonderlich beliebt. Es gab Stimmen aus den USA, die sagten: Endlich kommt mal ein frischer, innovativer Film aus Deutschland.

In New York haben Sie Transsexualität als Thema entdeckt. Wie?

Ich war mit Annie Sprinkle befreundet. Sie ist ehemaliges Call-Girl und hat in Porno-Filmen gespielt. Sie hat sich weiterentwickelt zur Performancekünstlerin, heute schreibt sie Bücher und macht Filme. Sie hatte damals einen Salon in New York, den sie einmal im Monat für Transmänner geöffnet hat – also biologische Frauen, die sich durch Operationen und Testosteron in die Männlichkeit entwickeln. Das Phänomen der Transfrauen, biologische Männer, die zu Frauen werden, war in den 80er Jahren viel bekannter. Aber umgekehrt war es noch relativ neu.

Wie haben Sie das Treffen mit den Transmännern erlebt?

Das hat mich sehr beeindruckt. Ich wusste ja, da ist kein biologischer Mann, auch wenn es anders aussah: Die Transmänner hatten Bartwuchs, waren muskulös und versuchten, männlich aufzutreten, weil sie das ja auch den Gutachtern gegenüber brauchten, um die weitere Transgeschlechtlichkeit umzusetzen. Das hat mich interessiert. Eine alte Freundin, Anita aus San Francisco, hieß mittlerweile Max. Ich habe angeboten, einen Kurzfilm über seinen Veränderungsprozess zu machen. Das wurde der Film „Max“, der bei der Kurzfilmwoche zu sehen ist. Es war eines der ersten Porträts über die Frau-zum-Mann-Transsexuellen, auch in den USA. Max bekam daraufhin sehr viele Anfragen nach Rat und Hilfe, der Film hat also einiges bewirkt.

Dann drehten Sie „Gendernauts“, in dem Sie das Phänomen der Transsexualität erforschen.

Als ich eine Zeit lang in San Francisco war, fragte mich eine Gruppe von Transsexuellen, ob ich nicht ein Porträt über sie machen könnte. Sie fanden mein Porträt über Max positiv und verständnisvoll. Damals war das Problem in den USA, dass Transmänner auf eine sehr unwürdige Art durch die Talkshows gezogen wurden. Sie ärgerten sich sehr darüber und wollten auch mal eine andere Sichtweise haben.

Über „Max“ haben wir gesprochen. Sagen Sie uns noch etwas zu den drei anderen Filmen, die Sie in Regensburg zeigen?

Die vier Kurzfilme habe ich unter dem Programmtitel „Female Misbehaviour“ zusammengefasst. Sie passen gut zusammen, weil sie vier Tabus der Frauenbewegung thematisieren. „Bondage“ von 1983 ist experimentell. Es geht um lesbischen Sado-Masochismus, was in den 80er Jahren total verpönt war. Die lesbische Sexualität sollte ja weich und friedlich sein. „Annie“ von 1989 thematisiert eine der ersten Performances der besagten Annie Sprinkle. Und es gibt ein Kurzporträt der „antifeministischen Feministin“ Camille Paglia von 1992, einer amerikanischen Akademikerin, die damals für Furore gesorgt hat, weil sie mit Hilfe von Schocktaktiken heilige Kühe der Frauenbewegung angriff. Sie ist sehr narzisstisch und hat in den USA viel Hass hervorgerufen. Damit ist sie ein interessantes kulturelles Phänomen.

Ihr Programm charakterisieren Sie als „Underground“. Sind Ihre Themen das heute noch?

Einiges ist im Mainstream angekommen. Themen wie Transsexualität sind nichts für Blockbuster, ragen aber ins Arthouse-Kino hinein. Mich hat immer das Außergewöhnliche interessiert, die kritischen Punkte einer Gesellschaft Welche Themen fallen runter? Da geht es um die Randbereiche, an denen sich die Qualität einer Gesellschaft zeigt. Mit ungewöhnlichen Projekten bekommt man kleine Krumen an Filmförderung ab. Und ich habe das Glück, dass meine Filme international auf Festivals ganz gut laufen.

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