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Porträt

Sie ist das Gesicht der Kurzfilmwoche

Zum zehnten Mal leitet Insa Wiese das Regensburger Festival. Die Frau aus Ostfriesland ist eine Netzwerkerin mit Humor.
Von Katharina Kellner

  • „Herzlich, lustig, entspannt, wohl informiert“: So erlebte die Filmemacherin Monika Treut Insa Wiese, die hier das Festival 2018 eröffnet. Foto: Sabine Franzl
  • Insa Wiese, hier mit MZ-Autor Michael Scheiner, ist gerne für einen Spaß zu haben. Foto: Scheiner
  • Insa Wiese im Gespräch mit der Hamburger Filmemacherin Monika Treut, die 2018 bei der Kurzfilmwoche ihre Werkschau zeigte. Foto: Sabine Franzl

Regensburg. Gerade will der Moderator den Abend eröffnen, da wird er jäh unterbrochen. Zwei wilde Weibsbilder in knallgelben Amazonenmasken stürmen mit lautem Geschrei die Bühne. Sie stehlen dem armen Mann die Show. Eine der „Amazonen“ boxt sogar nach ihm, bis er klein beigibt. Es ist der Abend der Preisverleihung vor einem Jahr. Der „Überfall“, den Insa Wiese und eine Kollegin inszenieren, verweist auf den Schwerpunkt des Festivals 2018: „Starke Frauen“. Wiese verbindet damit zweierlei: Sie bringt ihr Anliegen an das Publikum, auf die geringe Zahl von Regisseurinnen in der Filmbranche aufmerksam zu machen. Und sie geht das ernste Thema augenzwinkernd an. Der steife Auftritt liegt ihr nicht, sie hat den Schalk im Nacken.

Als „starke Frau“ muss Wiese sich nicht verkleiden. Sie ist eine. Ihre Stärke ist ihr zugewandtes Wesen. Mit ihrem ungekünstelten, offenen Auftreten hat die Ostfriesin in den vergangenen zehn Jahren der Kurzfilmwoche viele Türen geöffnet. Wer zur jährlichen Festivaleröffnung oder Preisverleihung kommt, kann die Netzwerkerin dort in Aktion erleben: Sie schüttelt Hände, umarmt und herzt ihre Gäste. Bei ihr fühlt sich jeder Gast willkommen, ganz gleich, ob er Hirschhornknöpfe trägt oder Hipsterbart. Auftakt und Ende der Kurzfilmwoche haben jedes Jahr den Charakter von Familienfesten. Wer neu dazukommt, fühlt sich wohl. Das bestätigt die Hamburger Filmemacherin Monika Treut, die 2018 in Regensburg ihre Werkschau zeigte. Weil es geschneit hatte, war ihre Anreise mit der Bahn chaotisch verlaufen. In einer Mail an die Mittelbayerische schreibt Treut, sie wollte schon entmutigt nach Hamburg zurück fahren: „Aber nicht mit Insa Wiese. Sie organisierte mir blitzschnell einen Alternativ-Fahrplan und ließ einen Abholservice nach Nürnberg kommen, sodass ich zwar knapp, aber pünktlich zur Vorstellung meiner Kurzfilme im Regensburg auflief. Dort empfing sie mich so herzlich, lustig, entspannt und wohl informiert, dass ich mich unmittelbar zu Hause fühlte. Immer gerne wieder wäre man Gast von Insa Wiese.“

Regensburg hat auf sie gewartet

Es ist wohl dieses Talent, Menschen für sich zu gewinnen, das Wiese zur Kurzfilmwoche gebracht hat. 2009, sie arbeitete gerade als Gästebetreuerin beim Hamburger Kurzfilmfestival, kam sie ins Gespräch mit einer Delegation vom Regensburger Arbeitskreis Film. In dem Trägerverein der Kurzfilmwoche gab es zu dieser Zeit heftige Querelen, das Festival war gefährdet. Die Verantwortlichen suchten für dessen Leitung eine unparteiische Integrationsfigur, die sich aufs Repräsentieren verstand. Wiese bewarb sich, wie sie erzählt, nach anfänglichen Selbstzweifeln. Als sie nach Regensburg kam, war sie nicht sicher, ob sie länger als ein Jahr bleiben sollte. Doch die Stadt hatte auf sie gewartet: Wiese lernte schnell, dass sie hier als das Gesicht der Kurzfilmwoche wahrgenommen wurde. Launig schildert sie, wie ihr die Verantwortung schlagartig bewusst wurde: Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt beim städtischen Empfang für die Kulturschaffenden kam der damalige OB Hans Schaidinger auf sie zu und rief ihr ein freudiges „Ah, Sie sind also Frau Wiese!“ entgegen.

Wiese nahm die neue Rolle schnell an. In der Stadt fühlte sie sich von Anfang an wohl. In der ersten Wohngemeinschaft, in der sie um ein Zimmer anfragte, fanden die Bewohner es ziemlich cool, dass die Leiterin der Kurzfilmwoche einziehen wollte. Ein paar Jahre später verliebte sich die Frau aus dem hohen Norden, deren Muttersprache nicht Hochdeutsch, sondern Platt ist, in einen Mann aus dem Bayerwald, aus Zwiesel. Mittlerweile haben die beiden zwei Kinder. Jette (5) und Jonte (3) helfen nun ihrer Mama bei der Auswahl von Filmen für das Kinderprogramm der Kurzfilmwoche.

„Immer gerne wieder wäre man Gast von Insa Wiese.“

Filmemacherin Monika Treut

Wer über Insa Wiese schreibt, der muss ihr für bayerische Verhältnisse atemberaubendes Sprechtempo erwähnen. Dr. Michael Fleig, Medienwissenschaftler und langjähriger Kollege von Wiese bei der Kurzfilmwoche, hat dazu eine eigene Theorie: Wiese stecke jedes Jahr viel Zeit und Energie in die Sponsorensuche, um den künstlerischen Anspruch des Festivals zu garantieren, schreibt er per Mail: „Eigentlich wäre das schon ein Job für sich alleine. Wie sie es hinbekommt, auch noch tausende von Kurzfilmen für das Programm zu sichten und den Festivalablauf zu organisieren, ist mir auch nach jahrelangem Dabeisein ein beeindruckendes Mysterium. Dieses anspruchsvolle Zeitmanagement mag ein Grund für ihr charakteristisches Sprechtempo sein.“ Beeindruckt zeigt Fleig sich auch von Wieses Leistung zu Beginn ihrer Laufbahn als Festivalchefin: „Gerade erst aus Norddeutschland nach Regensburg gezogen und verhältnismäßig jung für eine Aufgabe solcher Ausmaße, hat sie das Festival, das 2009 einmal aussetzen und dann neu aufgestellt werden musste, wiederbelebt und es weiterhin als feste Größe in der Region und der internationalen Kurzfilmszene etabliert.“

Nun leitet Wiese das Festival zum zehnten Mal (mittlerweile zusammen mit Philipp Weber) und hat es vor allem durch zwei Dinge geprägt: Zum einen kooperiert die Kurzfilmwoche fleißig mit mit lokalen Institutionen wie dem Kunstverein Graz, der Kirchenmusikhochschule, dem Architekturkreis oder aktuell der Akademie für Gestaltung und der deutsch-japanischen Gesellschaft. In solchen Kooperationen zeigt sich Wieses Lust, über den Tellerrand des eigenen Genres zu schauen und Neues in sich aufzusaugen.

Das Festival, ihr „drittes Baby“

Zweitens packen Wiese und ihr Team gerne kontroverse gesellschaftspolitische Themen an. Mit den Schwerpunkten ist die Kurzfilmwoche oft am Puls der Zeit: Die „starken Frauen“ trafen zeitlich genau auf die Debatte um #Metoo.

2013, die Kurzfilmwoche wurde damals 18 Jahre alt, also „erwachsen“, setzte Wiese sich ein gewagtes Thema in den Kopf: „Porneaux“ war der Titel des Schwerpunkts – die Schreibweise verwies auf den kritischen Blick des Festivals auf Pornos. Es war die zwiespältige Haltung der Gesellschaft zur Pornographie, mit der sich Wiese künstlerisch auseinandersetzen wollte: Die Tabuisierung einerseits, die ständigen Referenzen in Werbung und Popkultur andererseits. Mit diesem Thema stieß sie auf wenig Begeisterung bei Sponsoren und im Arbeitskreis Film. Doch sie setzte sich durch und die Besucher kamen zahlreich. „Es muss ein Thema sein, das etwas in mir auslöst und das mehrere Perspektiven zulässt“, sagt Wiese über die Wahl der Schwerpunkte. Weitere Themen, die sie mit ihrem Team beackert hat, waren Kommunikation, Rebellion oder Stadt. Aktuell hat es ihr der Komplex „Selbstoptimierung“ angetan - jüngst hat sie bei sich einen Hang dazu entdeckt und festgestellt, dass sie damit nicht alleine ist.

Ihre eigene Einstellung zum Festival hat sich mit den Jahren verändert: „In meiner Anfangszeit war mein Anspruch gering, ich musste ein untergehendes Schiff am Sinken hindern. Doch jetzt sind wir vom Inhalt her vergleichbar mit großen Festivals in Hamburg oder Dresden. Je länger ich das Festival mache, desto stärker identifiziere ich mich. Die Kurzfilmwoche ist mein drittes Baby.“

Hier lesen Sie ein Interview mit dem japanischen Experimentalfilmemacher Takashi Makino, der am Sonntag, 17. März, seine Werkschau in Regensburg zeigt.

Was Zuschauer bei der aktuellen Ausgabe der Kurzfilmwoche erwartet, lesen Sie hier.

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