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Literatur

Sie lernte, „mit Tränen zu malen“

In 23 Briefen schildert Emma Reyes ungewöhnlich klarsichtig eine erbärmliche Kindheit zwischen Hunger und Nonnen.
Von Michael Scheiner

Emma Reyes: Sie lebte in Lateinamerika, in Paris, Washington und Rom. Die Malerin starb 2003 in Bordeaux. Foto: Olga Lucía Jordan/Bastei Lübbe

Regensburg.Künstler, mehr noch Künstlerinnen aus Lateinamerika haben es schwer, in Europa Fuß zu fassen. Bis auf wenige Ikonen wie Fernando Botero, Frida Kahlo und Diego Rivera findet iberoamerikanische Kunst nur sporadisch Eingang in Museen, Galerien und ins kollektive Gedächtnis.

Von der kolumbianischen Künstlerin Emma Reyes dürften hierzulande nur wenige gehört haben. Dabei war die 2003 in Bordeaux gestorbene Künstlerin, die lange in Frankreich gelebt hat, geradezu ein Magnet für Intellektuelle aus aller Welt. Von Alberto Moravia bis Pier Paolo Pasolini, Lola Alvarez Bravo und Kahlo zählte sie zahlreiche Künstler zu ihren Freunden.

Bekannt wurde die Autodidaktin, die „mit Tränen, nicht mit Öl malt“, wie der befreundete Kulturwissenschaftler Germán Arciniegas über ihre Malerei schrieb, erst seit 2012. Da erschien in ihrer Geburtsstadt Bogotá das „Buch der Emma Reyes“ in einer Miniauflage. Es ging fast sofort durch die Decke. Eine Auflage nach der anderen folgte. Das Buch wurde zum besten Buch des Jahres gewählt und in mehrere Sprachen übersetzt.

Leben in einem kahlen Verschlag

In 23 Briefen, die Reyes ihrem Freund Arciniegas zwischen 1969 und 1997 geschrieben hatte, erzählt sie von den Jahren ihrer Kindheit bis zum Alter von 17 oder 18 Jahren. Eine Veröffentlichung zu Lebzeiten hatte sie untersagt, nachdem Gabriel Garcia Marquez nach der Lektüre einiger Briefe für eine Publikation plädiert hatte. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod durften die Aufzeichnungen veröffentlicht werden.

„Wir haben einen schatz gefunden“

  • Das Buch:

    „Emma Reyes – Eine Kindheit in 23 Briefen“ ist 2017 im Eichborn Verlag Köln erschienen: ISBN 978-3-8479-0032-0, 240 Seiten, 22 Euro. Aus dem Spanischen übersetzt hat es von Thomas Brovot.

  • Die Kritiken:

    Gabriel García Márquez war begeistert von dem Werk. „Ein Meisterwerk von großer literarischer Bedeutung“, urteilte „El Tiempo“, „Wir haben einen Schatz gefunden“, jubelte „El Mundo“.

Emma Reyes schildert, wie sie ab einem Alter von etwa fünf Jahren mit ihrer Schwester und einem Jungen namens „Floh“ in einem fensterlosen Verschlag zunächst in einem ärmlichen Viertel aufwächst. Die Kinder versorgt eine „Senora Maria“ – vermutlich ihre Mutter, aber das bleibt offen. Tagsüber eingeschlossen, gibt es in dem Verschlag kein Licht, kein fließendes Wasser, nur Hunger und Kälte. Den vollen Nachttopf muss sie jeden Tag zur entfernten Müllkippe tragen. Der Junge verschwindet, die Senora zieht mit den Mädchen in eine andere Stadt und lässt die Schwestern einfach zurück, als sie die Arbeit wieder verliert.

Fernando Botero ist einer der wenigen klumbianischen Künstler, die international ERfolg haben. Foto: Alfredo Aldai/EFE/dpa

Es folgen Jahre in einem strengen katholischen Kloster, wo das Leben für die Waisenmädchen aus Arbeiten und Beten, gelegentlichen Schlägen und Demütigungen besteht. Reyes schildert das alles derart plastisch und mit einer ungemein lakonischen, ganz unsentimentalen Sprache, dass man manchmal meint, neben ihr zu stehen.

Ihre Neugier verliert sie nie

Das absolute Redeverbot, während die Kinder zehn Stunden lang Stickereien für liturgische Gewänder fertigen müssen, das erbärmliche Essen und die Zwangsmaßnahmen sind wiederum so weit von eigenen Kindheitserlebnissen entfernt, dass das Buch oft wie eine Erzählung von Charles Dickens wirkt. Man mag es manchmal gar nicht als erlebtes Zeugnis ansehen, so schrecklich fantastisch erscheinen diese Schilderungen emotionaler Abgründe und moralischen Elends.

Emma verliert aber nie den Mut und eine erhabene Neugier aufs Leben. Immer entdeckt sie irgendetwas Schönes – die Geste einer Nonne, ein selbst erdachtes Spiel, Zuneigung, etwas mehr Essen als sonst.

Erst nach Jahren gelingt es Emma, dem sklavenartigen Leben im Kloster zu entfliehen. Lesen und schreiben hat sie nie richtig gelernt. Nach einer Odyssee durch Lateinamerika gelangt sie nach Argentinien. In Buenos Aires beginnt sie zu malen und andere Kulturtechniken zu erlernen. Später erstellt sie im Auftrag der Unesco Alphabetisierungsfibeln für Lateinamerika, arbeitet als Chaufferin einer italienischen Marquese und heiratete in Paris, wo sie sich niederlässt. An das Versprochen, das ihre Schwester Helena ihr abgenommen hat , hält sie sich ein Leben lang: „Wenn du etwas von der Senora Maria sagst, schlage ich dich.“

Emma Reyes hat ein sehr klarsichtiges Buch geschrieben, lebhaft erinnert und voller Poesie. Es zeugt von einer selbstbewussten Frau, die sich nie unterkriegen ließ.

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