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Musical

Sie schockt nicht mehr, aber sie rockt

Klopapier und Reisregen: Die „Rocky Horror Show“ in Regensburg ist ein trashig-schrilles Vergnügen.
Von Thomas Göttinger, MZ

Es ist angerichtet: Frank’N’Furter (Randy Diamond) präsentiert seiner wüsten Partygesellschaft den säuberlich zerteilten Eddie (Markus Engelstädter). Fotos: Juliane Zitzlsperger

REGENSBURG.Schau an, es wird mit Gummi gepoppt! Regisseur Axel Stöcker und das Theater Regensburg haben am Mittwoch im Velodrom Verantwortung gezeigt und Kondome benutzt. So ganz wollten die zwar nicht zum triebhaften Frank’N’Furter passen, aber die Zeiten haben sich eben auch geändert, seit Richard O’Brians legendäres Trash-Musical „The Rocky Horror Show“ 1973 seine Uraufführung erlebt hat.

Von Aids konnte in den Siebzigern jedenfalls noch niemand etwas ahnen. Und schon gleich gar nicht war abzusehen, dass die Spießer von ehedem schon sehr bald im TV wie selbstverständlich über Oral-, Anal- oder was auch immer für einen Verkehr plaudern würden. Gut möglich allerdings, dass die Show schon damals als der im Grunde harmlose Spaß verstanden wurde, als den sie Stöcker nun in Regensburg inszeniert hat. Schrill, bunt, laut, ein bissel obszön, ein bissel geschmacklos, sehr strapsig, aber doch durchaus familienkompatibel kam das denn auch daher. Und recht billig.

Ein spielfreudiges Ensemble

Nun gehört „billig“ zum Konzept der „Rocky Horror Show“. O’Brians Hommage an die Horror-Science-Fiction-B-Movies der 1950er und 1960er Jahre schreit förmlich nach Low Budget. Andererseits aber scheinen die finanziellen Möglichkeiten an einem deutschen Stadttheater mittlerweile erheblich unter denen zu liegen, auf die selbst noch die obskurste Filmklitsche einst zurückgreifen konnte. Hoffen wir, dass das der Grund für die sterile, wenig stimmungsvolle Ausstattung war und nicht die Einfallslosigkeit von Bühnenbildner Hannes Neumeier. Die große, teilbare Showtreppe, unter der sich dann auch noch Frank’N’Furters Labor verbirgt, als Kernstück des Ganzen, ist definitiv nicht der Weisheit letzter Schluss und als Idee langsam ziemlich ausgelutscht. Mag ja sein, dass man sich ganz bewusst nicht auf den morbiden, spätviktorianischen Charme einlassen wollte, den etwa der Film in Anlehnung an die Produktionen der englischen „Hammer Studios“ verströmt, aber ein bisschen mehr hätte es doch sein dürfen.

Zum Glück hat ein überaus spielfreudiges Ensemble dieses Manko wieder wettgemacht. Allen voran überzeugten gerade die wahrscheinlich Jüngsten der Truppe, Julia Baukus und Cameron Becker nämlich, als verklemmt-braves, so bestens in jeden Ortsverband der Jungen Union passendes Pärchen Janet und Brad, sowie Daniel Tille, der bei der Premiere kurzfristig für den erkrankten Michael Heuberger als Erzähler eingesprungen war und sich herrlich trottelig durch die Show wurstelte.

Niemals ohne Klopapier und Reis

Markus Hamele als Dr. Furters Geschöpf Rocky dürfte sich als Traum für jeden Schwulenporno-Regisseur entpuppt haben, während ein gewohnt rockig-röhrender Markus Engelstädter als Eddie sowohl das Publikum, als auch die von Amy Share-Kissov choreografierten Transylvanians gehörig aufmischte. Vervollständigt wurde das Ensemble durch Gabriele Fischer, Johanna König und Mirko Greza als Magenta, Columbia und Dr. Everett Scott. Und natürlich durch Michael Berners abgedreht-bösen Riff Raff. Den Wichtigsten von allen freilich, seine Sexualität höchstselbst, den unvergleichlichen, einmaligen, geschlechtlich so flexiblen Frank’N’-Furter hätten wir jetzt beinahe vergessen. Ob es daran liegt, dass Randy Diamond in der Rolle zwar Statur bewies, virtuos zwischen Tucke und Dragqueen balancierte, inklusive Schmollmund und Augengeklimper – sich gleichzeitig aber jenes Abgründige, Diabolische, schlichtweg Böse, das auch zu der Rolle gehört, bei ihm so nicht zeigen wollte? Tja…

Am Schluss dann minutenlanger Applaus für die von der Piu-Piu-Band unter der Leitung von Gelsomino Rocco befeuerten Show. Zwischen den obligatorischen Klopapierbahnen und den Reisvorräten einer mittleren asiatischen Kleinstadt auf dem Boden reifte eine nachgerade banale Erkenntnis: Es muss nicht alles grandios sein, um mit der „Rocky Horror Show“ nach wie vor verdammt viel Spaß zu haben. „Let’s do the time warp again!“

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