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Kabarett

Sind wir nicht alle ein bisschen Wolpertinger?

Ein bayerischer Heimatabend der anderen Art. Das famose Trio Gaisa, Geyer & Kreuzer begeistert im Statt-Theater.
Von Matthias Waha, MZ

Eberhard Geyer, Bernhard Kreuzer und Ursula Gaisa erklären, warum der moderne Mensch ein Wolpertinger-Wesen ist.Foto: Bavarian Giants

Regensburg. Kennen Sie den bayerischen Folklore-Yeti? Er entsteht, wenn man alle Tiere des heimischen Forstes, die man, je nach Schonzeiten, bekommen kann, zerstückelt und dann nach eigenem kreativen Gusto wieder zusammensetzt. Das könnte dann zum Beispiel ein Hase mit Geweih und Entenflügeln werden. Aber der Wolpertinger widersetzt sich einer genauen Artbestimmung, er ist „von allem a bissl“. Das bringt ihn gleichzeitig in große Nähe zum modernen Menschen. Des Bayern liebstes Fabelwesen als Basismetapher, das kann auch nur Gaisa, Geyer & Kreuzer einfallen. Das musikalische Kabarett-Trio hat sein Programm „Bavarian Giants 2“ aktualisiert und im Statt-Theater wiederaufgenommen.

Die wunderbare Ursula Gaisa widmet sich der Wolpertinger-Frau, die gleichzeitig Kinder, Karriere und Küche unter einen Hut bringen muss. In einer sensationellen Umdichtung von Meredith Brooks Radio-Klassiker „I’m a bitch, I’m a lover“ (I’m a sinner, I’m a saint) kommt die Zerrissenheit der Rollen auch im Dialekt zum Ausdruck. Eberhard Geyer erinnert mit seiner betont langsamen Art und dem Dackelblick das ein oder andere Mal an Karl Valentin (sprich: Valentin wie Vater, nicht wie Vase). Ansonsten ist das Regensburger Kabarett-Urgestein kongeniale Klavierbegleitung, Chansonnier und Oma mit Blümchenschürze in einem. Der beste Sänger des Trios ist eindeutig Bernhard Kreuzer. Der Glatzkopf mit der unglaublich geschmeidigen Mimik schafft scheinbar mühelos den Spagat zwischen Max Raabe und Gstanzl-Interpret. Neben einem augenzwinkernden bayerischen Heimatabend zum Brüllen verdanken wir Gaisa, Geyer & Kreuzer übrigens auch die Neuentdeckung eines historischen Liedes. In den hintersten Ecken der Plattenstudios haben sie eine Anti-Version von Reinhard Fendrichs „Weilst a Herz host wia a Bergwerk“ ausgegraben. Passt wunderbar, sobald die anfängliche Verliebtheit ins Gegenteil ausschlägt: „Weilst a Herz host wia a Odlgruabn, verlass i di…“

Letztlich ist „Bavarian Giants 2“ auch ein Durchhalteprogramm in existenziell schwierigen Zeiten. Weil, so besingt es Geyer in einem Lied, das Gegenteil von Optimismus ist Harakiri. Bayerischer Humor ist Galgenhumor, was will man auch anderes machen. Das Rad nimmt sowieso seinen Lauf, da kann man es ihm auch gleich lassen, so die volkstümlich ironisierte Grundstimmung des Abends. Irgendwie muss man klarkommen in der Krise. Eine zweite beliebte Strategie der Bewohner der süddeutschen Hochebene ist das Tricksen. Dann isst man seinen Schweinsbraten eben bei Hiendl, wenn man sich ihn im Wirtshaus nicht mehr leisten kann. Oder man schickt die jungen Burschen zum Edelweißpflücken auf gefährliche Steige, damit man den Abgestürzten die Lebern herausschneiden und sie auf dem Organmarkt verscherbeln kann. Zum Schluss wartet auf die Lumpen zwar der Teufel, doch der empfängt sie mit einem Bier. Gaisa, Geyer & Kreuzers Blick in die bayerische Volksseele ist bissig, hintergründig und saukomisch. Hingehen!

Weitere Vorstellungen von 12. bis 14. August, jeweils um 20 Uhr im Regensburger Statt-Theater, Winklergasse 16; Karten-Tel. (0941) 533 02

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