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Sinfonie der Superlative zum Auto-Geburtstag

In Mannheim wurde vor 125 Jahren das erste Automobil gebaut. Zu Ehren von Carl Benz intonierten 80 Autos eine Hymne auf die moderne Mobilität.
Von Harald Raab, MZ

Gespannt sitzen die Zuschauer am Samstagabend auf dem Mannheimer Friedrichsplatz bei der Aufführung „autosymphonic“. Foto: dpa

MANNHEIM. . Als den Klang der neuen Zeit hat Carl Benz in der Neujahrsnacht 1879 die ersten zuverlässigen Lebenszeichen seines endlich ohne Stottern tuckernden Motors bezeichnet. Auto, Motoren, Technik: das war Musik in den Ohren des Technikfreaks und Erfinders. Keine Frage, er wäre mit den 20000 Mannheimern und Mannheimerinnen begeistert gewesen. Zum 125. Geburtstag des im Jahr 1886 als Reichspatent bestätigten „Benz Patent-Motorwagen“ inszenierte die Stadt Mannheim am Samstag die Welturaufführung der eigens für dieses Jubiläum komponierten „autosymphonic“ des in Europa renommierten zypriotischen Musikneuerers Marios Joannou Elia.

80 Automobile als „Musikinstrumente“, das SWR Sinfonieorchester Baden Baden und Freiburg mit seinem Perkussions-Oktett, das SWR Vokalensemble Stuttgart, der Kinderchor der Staatsoper Stuttgart, die Popakademie Baden-Württemberg und nicht zuletzt die Popband „Söhne Mannheims“ fanden sich auf dem 65 000 Quadratmeter großen Friedrichsplatz der Stadt zu einem einzigartigen Klangkörper zusammen.

Multimedial überformt mit einer Video- und Laserschow des Fotografen und Videokünstlers Horst Hamann wurde aus dem gelungenen Vorhaben in der Open-Air-Arena ein Fest für alle Sinne, als Abschluss und absoluter Höhepunkt des Automobilsommers im Autoland Baden-Württemberg. Hamann hat schon Videoclips mit Elton John, Janet Jackson und den Scorpions kreiert. Er arbeitet mit dem Kult-Regisseur Albert Masles in New York an innovativen Filmprojekten.

Von Thunderbird bis Porsche

Der Nachbau des ersten Benz-Automobils, ein 230 PS starker Ford Thunderbird, ein Trabi, ein Lanz-Bulldog, ein Goggomobil, neben einem Rolls Royce Silver Cloud, der Messerschmitt Kabinenroller Tiger neben einem Jagurar Wildcad und einem Dion Bouton, Baujahr 1906, einem Masarati Gran Turismo, und einem Citroën 2CV. Dazu ein Prosche 356 und und und: Wer zählt die Typen und die Pferdestärken. Im ganzen Platzrund war diese Musterschau der weltweiten Automobilgeschichte aufgebaut. 800 verschiedene Klangnuancen konnten sie erzeugen. Percussion pur mit allem, was Blech Motor, Hupen und Autoelektronik hergeben.

Aufheulende Motoren, helle Glockentöne auf edlen Auspuffrohren erzeugt, quietschende Hydraulik, klappernde Tankdeckel, Surren der Fensterkurbeln, sattes Plumpsen zuklappender Autotüren, selbst die piepsenden Töne der Parkdistanzkontrolle und was sonst noch ein Auto an Geräuschen erzeugen kann: der Komponist Elia hat erstaunliche Klangsphären aus den alten Kisten, Schnauferln und Staatskarossen herausgeholt. Nichts weniger als die Schöpfungsgeschichte des Automobils wird in acht Akten plus Overtüre nachgezeichnet – phantasievoll narrativ und abstrakt. Die Geburt des Automobils als Sinnbild und Idol einer menschlich-technischen Genese und dazu ein Ausblick auf die Zukunft der Mobilität.

Natürlich alles im 4/4-Takt

Jagende Rhythmen wie bei Khachaturians Kompositionen oder der Carmina Burana. Auch Strawinskys „Le sacre du printemps“ kamen einem in den Sinn und dann wieder große Filmmusiken wie die Soundtracks bei „Krieg und Frieden“ oder „Vom Winde verweht“. Die großen Orchester- und Chorpartien gingen mit dem Klangrepertoire der Autos mal eine kongeniale Einheit ein, mal konkurrieren sie miteinander. Der Dialog zwischen dem Klassischen des Orchesters und dem Technoiden der Autoklänge funktionierte perfekt. Natürlich alles im 4/4-Takt – als Hommage an den Viertaktmotor, mit dem die Benz-Wagen zum Erfolg gefahren sind.

Der experimentierfreudige Dirigent Johannes Harneit hatte für die Gewährleistung dynamischer Stringenz im weiten Rund Hilfsdirigenten eingesetzt, um die Koordination über einige hundert Meter auf zehn Spielflächen sicherzustellen. Mit den Laser- und Videoeffekten auf den Jugendstilfassaden der umgebenden Häuserfronten und dazu einem Wasserspiel in der Mitte und dem mächtigen Mannheimer Wasserturm gegenüber der zentralen Bühne war es ein wahrhaft barockes Fest der großen Emotionen, ein Rausch aus Klängen, Licht und malerischen und grafischen Farbelementen. Polymedialität als Konzept. Event-Ästhetik einmal ohne triviale Klischees und bloße Effekthascherei.

Die „Söhne Mannheims“ waren nicht nur als Sänger und Rapper in der „autosymphonic“ mit von der Partie. Als originale Mannheimer Popgruppe, heizten sie dem Publikum im Vorprogramm ein. Ihr bekannter Mix aus Pop-Balladen, Rock und Rap, romantisch und moralisch obendrein, wieder einmal auf den „Barrikaden von Eden“ für Liebe, Toleranz und Multikulti. „Dass es besser wird, als es vorher war“, das ist ihre Botschaft. Sie hatten auch ein eigenes Geburtstagslied für das Automobil mitgebracht: „Mein erstes Wort war Auto . . .“ Ihr Programm ist stets auch eine Hymne auf Mannheim, wo sie in Wohnküchen und Garagen ihre Karriere begonnen haben.

„autosymphonic“, gemanagt von „m:con – Vision into Conventions“, ein einmaliges Groß-Ereignis? Keineswegs. Im Gespräch sind Aufführungen auf dem Roten Platz in Moskau, aber auch in Peking und in Paris. Allerdings, so betont Marios Joannou Elia, werde dann das Konzept auf die kulturellen und örtlichen Gegebenheiten abgestimmt sein.

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