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Musik

So aufregend kann die Stille sein

„Sounds like silence“: Dortmund zeigt eine spannende Ausstellung zum 60.Jahrestag von John Cages Komposition „4:33“.
Von Michael Scheiner, MZ

„Mapping the silence“, eine Videoinstallation von Bruce Naumann, für die er monatelang die nur vermeintliche Stille und Ödnis seines Ateliers in New Mexico per Infrarotkamera aufzeichnete. Foto: Dortmunder U

Dortmund. „4:33 – Ich kann‘s nicht mehr hören“. Die Aufschrift auf dem T-Shirt aus dem Museumsshop des Dortmunder U spielt vergnüglich mit dem Doppelsinn des aktuellen Ausstellungsprojekts des Hartware MedienKunstVereins (HMKV). „Sounds like silence“ beschäftigt sich im zentralen Gebäudeturm der ehemaligen Dortmunder Unionsbrauerei – daher das „U“ als Wahrzeichen und Name – mit dem bekanntesten Stück des amerikanischen Komponisten John Cage.

Uraufgeführt 1952, ist „4:33“, also vier Minuten und 33 Sekunden, eine Komposition ohne Musik. Der Interpret, meist ein Klavierspieler, öffnet zwar den Klavierdeckel und spielt dann nach der Partitur – nichts. Deshalb wird „4:33“ oft auch als stilles Stück bezeichnet. Das allerdings geht am Kern vorbei, denn Cage ging es um all die Geräusche und Klänge, die zu hören sind, wenn kein intendierter Sound, also Musik, zu hören ist. Das Erleben dessen, was sich akustisch in einem Konzertsaal abspielt, wenn der Künstler vorne pausiert, das Hüsteln und Scharren, verlegenes Kichern, das Schnaufen und Räuspern und der Verkehrslärm, der womöglich von außen hereindringt, bilden die eigentliche Aufführung.

Schau mit Unterhaltungswert

Der HMKV nahm den 100. Geburtstag des großen musikalisch-künstlerischen Neuerers und den 60. Jahrestag der Uraufführung der dreisätzigen Komposition zum Anlass für eine ausgesprochen spannende und durchaus auch unterhaltsame Gruppenausstellung. Auf zwei Etagen dreht sich alles um den zeitgeschichtlichen Entstehungszusammenhang, um diverse Aufführungen von Cages „Kunst ohne Werk“ und um aktuelle künstlerische und klangliche Beziehungen, die „4:33“ seit seiner Entstehung ausgelöst hat. Neben Originalpartituren, Videos und Kompositionen von Cage wie „Imaginary Landscape No. 4“, verweisen Arbeiten wie „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ von Heinrich Böll, der radikale Film „Geheul für de Sade“ des Mitbegründers der „Situationistischen Internationale“ Guy Debord und Yves Kleins „Symphonie monotone – Silence“ auf den historischen Kontext. In den 50er Jahren gab es bereits eine Empfänglichkeit für die Phänomene Schweigsamkeit und Lärm. Heute hat sich das Bedürfnis nach Stille – Schweigeseminare, Stille erleben – zu einer modischen Strömung ausgeweitet. Andererseits gibt es immer häufiger Warnungen seitens der Wissenschaft, dass unser Leben akustisch derart zugemüllt ist, dass Lärm und fehlende Ruhe oder Stille eines der größten gesundheitlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft bilden.

Der größte Teil der Ausstellung widmet sich zeitgenössischen Installationen und Arbeiten in verschiedenen Medien von Bruce Naumann bis zu den Einstürzenden Neubauten mit „Silence is sexy“. Ein subversives Vergnügen ist die Aktion der englischen Künstlergruppe „Cage against the Machine“. Die hat sich 2009 gebildet, um der Ödnis und Banalität von Songs der Kandidaten aus Castingshows etwas entgegen zu setzen. Mit einer Neuaufnahme von 4:33 schafften sie es immerhin auf Platz 21 der Charts.

Auch Harald Schmidt ist dabei

Gezeigt wird auch die vierhändige Version von 4:33, die der Entertainer Harald Schmidt zusammen mit Helge Schneider und Katrin Bauernfeind als Violinistin in seiner Show aufgeführt hat. Neben solchen populistischen Ausflügen gibt es Hintersinniges, wie Max Nauhaus’ „Silent Alarm Clock“, Fotografien von Christian Marclay und zahlreiche dokumentierte Aktionen von Künstlern weltweit. Korrespondierend und parallel zu „4:33“ wird vom Museum Ostwall im Dortmunder U „Fluxus – Kunst für alle!“ mit diversen Bezügen zu Cage gezeigt. Ein lohnender Ausflug ins Ruhrgebiet.

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