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Streifzug

So jung ist das Jazzweekend

Um den Nachwuchs müssen sich die Jazzer nicht sorgen, zeigt ein Streifzug durchs Jazzweekend in Regensburg am Freitagabend.
Von Susanne Wiedamann

Das Convenience Trio mit Pianist Maxim Burtsev, Bassist Jakob Jäger und Schlagzeuger Quirin Birzer (v. l.) , war im Amore, Vino & Amici“ zu hören. Foto: Vogl / altrofoto.de
Das Convenience Trio mit Pianist Maxim Burtsev, Bassist Jakob Jäger und Schlagzeuger Quirin Birzer (v. l.) , war im Amore, Vino & Amici“ zu hören. Foto: Vogl / altrofoto.de

Regensburg.Die erste Gruppe am Freitagabend ist blutjung: Das Münchner Convenience Trio – die Jungs sind zwischen 15 und 16 Jahre alt – spielt mit dem Regensburger Nachwuchstalent Etienne Wittich (14) im „Amore, Vino & Amici“. Wer nicht gleich hinsieht, hört swingenden Modern Jazz mit feinen kleinen Soli, wie ihn eine gute Amateurband eben bringt. Wer dann die Jungs sieht, staunt Bauklötze. Da sitzen diese Teenager und jazzen, was das Zeug hält.

Pianist Maxim Burtsev, Bassist Jakob Jäger und Schlagzeuger Quirin Birzer erhielten im Juni 2017 als jüngste Teilnehmer einen Bundespreis bei „Jugend jazzt“. Etienne Wittich passt zu diesen Vollblutmusikern wie die Faust aufs Auge: Er moderiert locker und charmant wie ein Großer und spielt dabei so lässig und vortrefflich Gitarre, dass sein Lehrer Helmut Nieberle extrem stolz auf ihn sein kann. Als Quartett agieren sie wie die Profis. Ein Lächeln, ein Nicken – die Kommunikation der Musiker steht. Gekonnt werfen sie sich musikalisch die Bälle zu, nimmt der singende Bass den Bogen auf, den Pianist Burtsev gekonnt gespannt hat. Birzers Schlagzeug streichelt dazu mit zarten Besen den Takt. Und Wittich singt und zupft gleichzeitig die Saiten seiner Gitarre – und lacht. Eine unglaublich positive Ausstrahlung hat dieses Ensemble. Schöne Versionen bekannter Songs gibt es hier zu hören, von „Nica’s Dream“ bis zum hervorragend dargebrachten „Perdido“. Da könnte man ewig zuhören! Und weiß: Um die Zukunft des Jazz muss einem nicht bange sein.

Hier sehen Sie Bilder vom zweiten Abend des Jazzweekends:

Jazz-Fans trotzen dem grauen Wetter

Die Weichen stellen

Das unterstreichen ein paar Meter weiter im Thon-Dittmer-Hof die jungen Erwachsenen der internationalen Formation „Coastline Paradox 5“ aus Leipzig. Der Burghausener Trompeter und Flügelhornspieler Richard Köster hat für sein Quintett viel vertracktes Zeug komponiert, wild bewegte Klanggeschichten, die unvorhersehbare Haken schlagen. Gemeinsam mit dem Tenorsaxofonisten Damian Dalla Torre aus Italien, Schlagzeuger Valentin Duit und Bassist Marc Mezgolits aus Österreich und Pianist Felix Römer bürsten sie die Musik gegen alle Hörgewohnheiten des Publikums.

Coastline Paradox 5 ließ mit viel Experimentierfreude im Thon-Dittmer-Hof die Ohren der Zuhörer klingeln. Foto: Vogl / altrofoto.de
Coastline Paradox 5 ließ mit viel Experimentierfreude im Thon-Dittmer-Hof die Ohren der Zuhörer klingeln. Foto: Vogl / altrofoto.de

Ihre Stücke heißen „Bar? Okay!“, „Die Weiche“ oder „Die Ratte“ und was dann an die Ohren der Zuhörer gelangt, klingt manchmal nur experimentell und provokativ und ist manchmal gut fassbar wie Musikbegleitung zu einem Stummfilm, in dem man den Zug auf die fehlgeschaltete Weiche zufahren sieht und die Musiker Klangbilder dazugeben vom Schnauben der Dampflok, dem Knarzen der Bremsen auf den Gleisen, vom Verschieben der Weiche und dem kratzenden Wiederanlaufen der Räder. Faszinierend ist dies allemal, wenn auch viele dieser Geschichten voller Brüche sind und nicht immer dramaturgisch plausibel konzipiert. Das Publikum im Thon-Dittmer-Hof aber feiert jedes Stück der „Coastline Paradox 5“ mit viel Applaus.

Die Spielorte beim Jazzweekend im Überblick:

Kochtiegel Bismarckplatz

Tradition hat schon die Eröffnung des Jazzweekends in der Altstadt am Freitagabend am Bismarckplatz durch das Landes-Jugendjazzorchester Bayern (LJJB), diesmal verstärkt durch die Big Band des Weilheimer Gymnasiums und die Jazz Juniors Big Band des LJJB. Jazz eine Männerdomäne? Die Weilheimer Gymnasiastinnen belehren Kritiker eines Besseren. Hier swingt ein guter Anteil junger Mädchen vor allem an Blasinstrumenten in der Formation, die hörbar zu Recht bei „Jugend jazzt“ als hervorragend bewertet wurde.

Die jungen Musiker der Big Band des Weilheimer Gymnasiums – darunter zahlreiche Mädchen – stellten am Bismarckplatz ihr Können unter Beweis. Foto: Vogl / altrofoto.de
Die jungen Musiker der Big Band des Weilheimer Gymnasiums – darunter zahlreiche Mädchen – stellten am Bismarckplatz ihr Können unter Beweis. Foto: Vogl / altrofoto.de

Die Konzert-Formation des Landes-Jugendjazzorchesters unter Harald Rüschenbaum bringt in der zweiten Konzerthälfte den Laden mit ausgefeilten Arrangements, wie Karsten Gorzels „Birdland“, grandioser Musikalität und überbordender Power so richtig zum Kochen. Und hier gelingt auch, was viele andere an diesem Wochenende vergeblich versuchen: die aktive Einbeziehung des Publikums.

Hier sehen Sie ein Video vom Samstag:

Entspannte Atmosphäre beim Jazzweekend

Showtalent Harald Rüschenbaum lässt den Zuschauern bei „Ulla in Africa“ keine Wahl, lässt sie mit verteilten Rollen klatschen und singen und dirigiert das Publikum geschickt in den sicheren Hafen des Finales, bis zum frenetischen Applaus. Da tobt die Jazzfamilie am Platz. Und irgendwie stimmt es sehr froh, dass hier der Nachwuchs nicht nur durch seine Technik und Perfektion überzeugt, sondern von ihm Lebensfreude und Begeisterungsfähigkeit für den Jazz unmittelbar auf das Publikum überspringt.

Anita Dotzauer, Sängerin der Band „Mademoiselle Manouche & her swinging Reinhardts“, unterhielt die Zuhörer im Goldenen Faß aufs Beste. Foto: Vogl / altrofoto.de
Anita Dotzauer, Sängerin der Band „Mademoiselle Manouche & her swinging Reinhardts“, unterhielt die Zuhörer im Goldenen Faß aufs Beste. Foto: Vogl / altrofoto.de

Überraschend viel Jungvolk gibt es bei „Mademoiselle Manouche & her swinging Reinhardts“ aus Regensburg im Konzert im Hof des Goldenen Faß’. Sängerin Anita Dotzauer, die Gitarristen Stefan Althammer und Gerd Plechinger sowie Bassist Andreas Gerl machen fröhlichen, melodischen und tanzbaren Gute-Laune-Gypsy-Swing. Und Swing jeglicher Couleur steht ja neuerdings bei den jungen Leuten wieder hoch im Kurs. Doch auch Zuhörer ohne Tanzambitionen kamen bei dieser sympathischen, vor vier Jahren gegründeten Formation auf ihre Kosten. Gerne ließ man sich mit Stücken à la Django Reinhardt auf die Reise nach Frankreich mitnehmen und vermeinte all das wahrzunehmen: den Duft nach Lavendel, das Zirpen der Grillen, feinste Gitarrenmusik, eine charmante Stimme und einen Mond, genau wie an diesem Abend über Regensburg.

Das Programm des Jazzweekends im Überblick. Mit Hilfe der Suche können Sie die Ereignisse nach einzelnen Veranstaltungsorten oder Künstlern filtern:

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