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Kultur
Sonntag, 15. Juli 2018 30° 4

Theater

So zähmte Brandauer sein Publikum

Der große Charismatiker Klaus Maria Brandauer feierte zahllose Triumphe auf der Bühne und in Hollywood. Jetzt wird er 75.
Von Helmut Hein

  • Klaus Maria Brandauers letzter großer Auftritt im Wiener Burgtheater war 2013/2014 die Rolle des „König Lear“, in die er in der Spielzeit 2018/2019 wieder schlüpfen wird. Fotos: EPA/HANS KLAUS TECHT/dpa
  • Preis für sein Lebenswerk: Brandauer im Jahr 2014 bei der Nestroy-Gala in der Wiener Stadthalle Foto: Georg Hochmuth/APA/dpa

Regensburg. Regensburg. Was hält Klaus Maria Brandauer von der Metoo-Debatte? Wenig, um es vorsichtig auszudrücken. Kürzlich sagte er in einem Interview, er sei seit sechzig Jahren Schauspieler und seit fünfzig Jahren an der Wiener Burg, also dem in mancherlei Hinsicht immer noch größten Theater im deutschsprachigen Bereich, und er persönlich habe noch nie derlei mitbekommen. Hätte sich sexueller Missbrauch vor seinen Augen abgespielt, in welcher Form auch immer, er wäre sofort eingeschritten. Das könne er garantieren.

Nun hat zwar Brandauer, wie das in der Kunst nicht unüblich ist, ein wenig übertrieben – er ist erst 55 Jahre Schauspieler und seit gut 45 Jahren an der Burg – aber natürlich hat sein Wort Gewicht. Immerhin war Mathias Hartmann einmal „sein“ Intendant – und er hat nichts mitbekommen. Tyrannei, meint er nur, sei kein ästhetisch produktives Verfahren. In einer Atmosphäre der Angst gedeihe nichts, die gemeinsame Arbeit am Theater brauche „Liebe“ – wohlgemerkt nicht die, die im MeToo-Kontext beklagt wird – und Vertrauen.

Voller Ironie und Erotik

Brandauer war von Anfang an einer der wenigen großen Charismatiker, der auf der Bühne wie im Film bezauberte, ja verführte. In der Post-68 er-Zeit, die bekanntlich auch frauenbewegt war, wurde Brandauer für seine Rolle in Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ von den emanzipiertesten Studentinnen förmlich angehimmelt. So also konnte das Verhältnis der Geschlechter auch ausschauen: respektvoll und doch voller Ironie und Erotik, im Bann des Charmes und doch eines permanentes Kampfs.

Wer der Auffassung ist, Brandauer sei ein Schauspieler in bester kakanischer Tradition, gewissermaßen der natürliche Platzhirsch der Burg, den müsste irritieren, dass Brandauer zu den ganz wenigen europäischen Schauspielern gehört, die auch in Hollywood hochgeschätzt und vielfach ausgezeichnet wurden. Für seine Trilogie über die Spätzeit Österreich-Ungarns, die wüst-bodenlose Weimarer Republik und die (Früh-)Zeit des Faschismus, wurde er jeweils für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert, für „Mephisto“ (1981) erhielt er sogar die Auszeichnung. Er? Nun, Regie hatte der Ungar Istvan Szabó, also auch ein Alt-Kakanier, geführt, aber erst Brandauer gab der Epoche der großen äußeren und inneren Erschütterungen das Gesicht.

Die Verfilmung von Klaus Manns lange verbotenem Schlüsselroman „Mephisto“ zeigt, wie sich der „Staatsrat“ Hendrik Höfgen alias Gustaf Gründgens, einst Manns bester Freund, immer tiefer verstrickt. Wer könnte diese unheilvolle Melange aus purem Kunstwillen, Ehrgeiz und Geltungssicht in all ihren Facetten besser darstellen als Brandauer? Dass der Faschismus bestens gedeiht, wenn sich die Illusionsbereitschaft des Publikums mit dem ungeniert Verbrecherischen „großer“ Männer paart, das zeigte „Hanussen“ wie zuvor schon Fritz Langs „Mabuse“ und später „Mario und der Zauberer“ (1994), noch eine Mann-Verfilmung, diesmal eine hellsichtige Novelle des Vaters Thomas, in der Brandauer nicht nur die Hauptrolle spielte, sondern auch Regie führte. Was leicht Gefahr läuft, in bequeme Denunziation zu münden, wird durch Brandauers Kunst zu quälender Erkenntnis, die zeigt, dass die Verführbarkeit zur condition humaine gehört, jederzeit und überall.

Einmal hat Brandauer sogar explizit für seine schauspielerische Leistung den Golden Globe erhalten und wurde für den Oscar noiminiert: für seine Rolle des Barons Bror Blixen-Finecke im herzenbrechenden Sehnsuchts-Epos „Jenseits von Afrika“, das einen vielleicht allzu verklärten Blick auf die Kolonialgeschichte wirft. Dass Brandauer stets zu den mitdenkenden und deshalb natürlich auch politisch bewussten Schauspielern zählte, zeigt sich besonders an seinen „eigenen“ Filmen, also in denen, bei denen er auch Regie führte. „Mario und der Zauberer“ ist so blendend wie das Geschehen, von dem er handelt und doch eine aufklärerische Warnung. Thomas Mann hätte sich vermutlich über eine solche Verfilmung gefreut. Noch härter ist vielleicht sein Film „Georg Elser – Einer aus Deutschland“, der die Geschichte dieses oft vergessenen frühen Hitler-Attentäters erzählt.

Er schultert die großen Texte

Spätwerk heißt immer Risiko, auch bei Brandauer: Größe und Absturz liegen da oft nah beieinander. Das gilt vor allem für seine Kooperation mit Peter Stein, der einst das deutsche Theater revolutionierte und dann im Alter ein grantelnder Kulturkonservativer mit maßlosen Ansprüchen wurde. Werktreue nennt sich das dann. Keine Zeile darf wegfallen, auch wenn das Publikum leiden muss. So dürfte man „Wallenstein“ und „König Lear“ noch nie gesehen haben und vielleicht auch nie mehr sehen. Peter Stein ist unerbittlich und Brandauer schultert mit fast schon masochistischer Lust die großen Texte und lässt sich auf die Bilder vom Weltuntergang (der Seele) ein.

Das Düstere, das sich der Einsicht in die Zerbrechlichkeit der Existenz verdankt, gehörte immer schon zu Brandauer. Jetzt, im Alter, zeigt es sich noch deutlicher. Mitleidlos müsste der sein, der Kleists „Zerbrochenen Krug“ einfach nur für eine Komödie hielte und dabei vergäße, wie tiefschwarz alles eingefärbt ist, was der scheiternde Dorfrichter tut und was ihm dann, gerechterweise würden manche sicher sagen, auch widerfährt.

Wem die Geschichte dieses mehrfachen „Vergehens“ noch nicht schwarz genug ist, der sollte sich zumuten, wie ausweglos Brandauer Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ (2011) verkörpert. Und wie er Becketts „Das letzte Band“ als ganz privates Endspiel anlegt. Zum Alterswerk gehört aber auch der Triumph ausgedehnter Gastspiele selbst bei diesem spröden Stoff: Paris! Moskau! Lissabon! Und als Krönung natürlich die Burg (2013)..

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