MyMz

Ausstellung

Solidarisch gegen den Mainstream

Die Künstler der Münchner Secession erlauben einen Blick auf ausgewählte Meisterwerke, zu sehen im Cordonhaus in Cham.
VON Matthias Kampmann, MZ

  • Michael von Cube beäugt mit den distanzierten Augen eines Nordlichts das Leben der Bajuwaren: wie hier in dem Aquarell „Land“ Fotos: Kampmann
  • Ein Gemälde von Ludwig Arnold, ohne Titel, aus dem Jahr 2015: Das Cordonhaus stellt historische und aktuelle Arbeiten von Künstlern der Münchner Secession gegenüber. Foto: Kampmann

Cham.Es war einmal… Ja klar, aber das ist nicht die Sache der Münchner Secession. Die gibt es nämlich bis heute. Diese älteste Künstlervereinigung, die sich schon im lateinisch orientierten Namen vom Mainstream abspaltete, gab Muster ab für alle anderen Autonomiebestrebten, sei es in Wien oder Darmstadt. Die Städtische Galerie im Cordonhaus in Cham widmet sich jetzt in einer Art Doppelausstellung unter dem Titel „Tradition und Gegenwart“ dem Gestern und Heute dieser bedeutsamen Institution, die 1892 antrat, um ihren Mitgliedern Ausstellungen zu bieten, die ihnen die Akademien und der angestammte Betrieb verwehrten.

Von Gabriele Münter (1877-1963) stammt dieses Damenbildnis. Das Ölgemälde, Dauerleihgabe der Münchner Secession ans Lenbachhaus München, ist aktuell in Cham zu sehen.
Von Gabriele Münter (1877-1963) stammt dieses Damenbildnis. Das Ölgemälde, Dauerleihgabe der Münchner Secession ans Lenbachhaus München, ist aktuell in Cham zu sehen. Foto: Kampmann

Bis heute existiert die Gruppe in reger Lebendigkeit. Damals formierten Größen wie Lovis Corinth oder Franz von Stuck den Verein und verhalfen ihm zu seiner Vorbildfunktion. Das Besondere: Immer schon hat der Verein die Werke seiner Mitglieder gesammelt, aber bisweilen auch im Kunstmarkt geschnuppert. Und so kam eine durchaus ansehnliche Kollektion zustande.

In Cham sind 18 Gemälde und Grafiken aus der Sammlung zu sehen, darunter Erwerbungen wie das „Damenbildnis“ von Gabriele Münter, das heute als Dauerleihgabe im Lenbachhaus in München verwahrt wird. Streng schaut das Antlitz der ordentlich frisierten, spitznasigen Frau in den Dreißigern aus dem Bild. Vor einem gelben Hintergrund ist die Dunkelblonde mit dem typisch expressiven lockeren Pinselstrich wiedergegeben. Anders zeigt sich da ein recht verrücktes Gemälde des Schweizers Albert von Keller. Leider undatiert, sieht man in dem Kabinettstück „Die glückliche Schwester“: eine aufgebahrte Nonne, deren Präsenz real und greifbar ist – ganz im Gegensatz zu den noch lebenden und trauernden Schwestern, die mit ihren großen Hauben wie Erscheinungen aus dem grauen Hintergrund hervortreten. Das lehrt einen das Gruseln.

Die Kabinettstücke dominieren

Albert von Keller (1844-1920): „Die glückliche Schwester“: Eine aufgebahrte Nonne, um sie die noch lebenden und trauernden Schwestern.
Albert von Keller (1844-1920): „Die glückliche Schwester“: Eine aufgebahrte Nonne, um sie die noch lebenden und trauernden Schwestern. Foto: Kampmann

Begeistern kann aus diesen historischen Arbeiten natürlich auch die Atelierstudie von Fritz von Uhde, mit dem man derartig lässig-spontan dahinfließende Expressionen gar nicht verbindet, aber es handelt sich schließlich auch um einen Studienkarton. Überhaupt dominiert das Kabinettstück in der Ausstellung. Was nicht weiter wundert – Direktorin Anjalie Chaubal erklärt die Umstände: „Manche Werke mussten in speziellen Klimakisten transportiert werden. Damit sind Kosten verbunden.“ Und je größer ein Gemälde, desto höher der Aufwand. Was aber auch zur Folge hat, dass in Cham Werke zu sehen sind, die normalerweise in den Untiefen der Depots ein Dasein im Ungesehenen fristen.

Den zweiten Part der Schau gestalten die lebenden Akteure der Secession. Mit von der Partie sind alt gediente Künstler wie Reiner Zimnik (Jahrgang 1930), dessen Gouache „Ju 52 im Walde“ aus dem Jahr 2000 verstört. Leicht gebirgig ist eine Landschaft mit sehr hochliegendem Horizont im Dunst eines Tages zu sehen, dessen Stunde nicht abzuleiten ist. Den größten Teil des Bilds nimmt eine anscheinend gerodete Fläche ein, die wie eine Zunge halbrund in einen dichten Tannenwald hineinleckt. Beinahe auf der Bildmittelsenkrechten und knapp unter der -waagrechten sieht man die Ju 52, diesen Inbegriff des fliegenden Wehrmachtstruppentransporters. Hat er vielleicht die Schneise geschlagen? Jedenfalls ist es eine ziemlich absurd anmutende Situation.

Ehrwürdig und quicklebendig

Von Michael von Cube: „Land 8“, ein Aquarell auf Papier.
Von Michael von Cube: „Land 8“, ein Aquarell auf Papier. Foto: Kampmann

Man sollte sich nicht irritieren lassen: Die Ausstellung besitzt so viele Facetten, dass die einzelnen Werke meist so gar nichts miteinander gemein haben. Was ja nicht weiter verwundert, denn im Unterschied zu Künstlergruppen, die sich vielleicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammenfanden, um einen Stil durchzusetzen, sind hier Individuen versammelt, die aus gut drei Generationen stammen. Daher gibt es rein innerbildliche Auseinandersetzungen mit Farbe ebenso wie das Karikaturhafte eines Michael von Cube, der mit den distanzierten Augen eines Nordlichts das Leben der Bajuwaren beäugt.

Jedenfalls zeigt die Schau, dass die Münchner Secession nicht nur ein historisches Phänomen ist, sondern bis in die Gegenwart reicht. Und angesichts steter Verknappung der Mittel für Kultur bei gleichzeitiger Überdrehung des Markts mit Benefit für einige wenige Positionen scheint ein von Künstlern betriebener Verein auf der Basis der Solidarität wahrscheinlich als einer der wenigen gangbaren Wege, um bei der Sache bleiben zu können: der Kunst.

Münchner Secession in Cham

  • Die Ausstellung

    Die Städtische Galerie im Cordonhaus Cham zeigt bis 10. Januar Werke der „Münchner Secession“. Die zweigeteilte Ausstellung zeigt 18 historische Arbeiten (etwa Gabriele Münters Damenbildnis, Foto: Kampmann) und knapp 50 Werke von zeitgenössischen Künstlern, die belegen, wie lebendig diese erste deutsche Künstlervereinigung nach über 100 Jahren bis heute ist.

  • Die Werke

    Die Schau präsentiert sowohl figürliche als auch ungegenständliche Positionen, Malerei, Grafik, Bildhauerei und selbst digitale Collagen. Ein Katalog (10 Euro) dokumentiert die Ausstellung. Im Cordonhaus ist auch die historische Aufarbeitung aus dem Jahr 2007 (20 Euro) erhältlich.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht