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Kultur
Sonntag, 27. Mai 2018 29° 2

Ausstellung

Spiel mit der Alltagswelt

Die Städtische Galerie im Leeren Beutel Regensburg schickt Besucher in zwei extrem unterschiedliche Welten.
von Gabriele Mayer

„Bei Muttern“: Rayk Amelang malte das Bild 2017 nach einer Fotografie. Foto: Stefan Effenhauser/Stadt Regensburg

Regensburg.Zu den Aufgaben der Städtischen Galerie Regensburg gehört es, namhafte örtliche Künstlerinnen und Künstler mit ihrem Werk vorzustellen. In der diesjährigen Ausstellung der Reihe „Position R“ geht es um Christina Kirchinger und Rayk Amelang. Beide erhielten 2016 den Regensburger Kulturförderpreis, beide sind zwar noch nicht lang in der regionalen Kunstszene präsent, allerdings mit sehr eigenständigen Positionen, die sich deutlich voneinander unterscheiden, sich aber in dieser Doppel-Schau auf anregende Weise ergänzen.

Das strenge Schwarzweiß der Radierungen und Aquatintas bei Christina Kirchingers Raum-Darstellungen wird durch die figürliche Comic-Buntheit der Werke von Rayk Amelang aufgelockert, die neben den abstrahierenden, filigranen Arbeiten seiner Kollegin an Tiefenwirkung gewinnt.

Raffinierte Kontraste

Zu den Bildern kommen Skizzenbücher und Tusche-Vorzeichnungen von Kirchinger hinzu, sowie Comics, Fotos und Playmobil-Figuren, die für Amelang Anregung und Vorlage waren. Und man erkennt plötzlich deutlicher, was beim Prozess des Erzeugens von Kunst eigentlich geschieht. Studierende der Kunsterziehung verfassten zudem kleine Werkbeschreibungen als Wandtext und ihr Interview mit beiden Künstlern bildet den Text des Ausstellungskatalogs.

Gut wäre es gewesen, den Besuchern auch einige Hinweise zu der heute kaum mehr vertrauten, aber von Christina Kirchinger souverän gehandhabten Technik der Radierung und speziell der Aquatinta zu geben, zusammen mit einer kunsthistorischen Verortung. Kunst auf der Höhe der Zeit eignet sich zwar üblicherweise die aktuellen Medien und Materialien an, und das ist gut so. Aber die Kenntnis alter Techniken und Fertigkeiten sollte man nicht leichtfertig vergessen oder außer Acht lassen, weil sie den Reichtum der Kunst ausmachen und jede Technik und Fertigkeit etwas leistet, was die anderen nicht leisten.

Zwei Kulturförderpreisträger

  • Die Künstler:

    Rayk Amelang wurde 1977 in Dessau geboren; er lebt in Regensburg. Der Künstler wurde unter anderem mit dem Kulturförderpreis der Stadt Regensburg 2016 ausgezeichnet. Christina Kirchinger wurde 1987 in Straubing geboren; sie lebt in Regensburg. Sie erhielt ebenfalls 2016 den Kulturförderpreis der Stadt.

  • Die Ausstellung:

    „Position R7“ in der Städtischen Galerie Regensburg im Leeren Beutel ist bis zum 8. April zu sehen.

  • Die Ausstellung entstand in Kooperation von Dr. Reiner Meyer, Leiter der Städtischen Galerie, mit Studierenden des Lehrstuhls für Kunsterziehung, Bildende Kunst und Ästhetische Erziehung der Uni Regensburg.

Die Radierung hatte ihre Hoch-Zeit in der Renaissance. In dieser Zeit kam auch die geometrische Perspektivität in der Kunst zur Hochform, als es darum ging, wie man unsere räumliche Sicht der äußeren Wirklichkeit möglichst täuschend ähnlich in der Fläche des Bildes transformiert. Und das ist auch der Ausgangspunkt bei den Grafiken von Christina Kirchinger.

Lesen Sie mehr über Christina Kirchinger: Das Unheimliche in der Bildfläche

Kirchingers Bilder handeln von genau dieser Räumlichkeit. Und die Technik Radierung benutzt sie dabei mit beeindruckender Wirkung. Auch bei ihr dreht es sich um die perspektivische Konstruktion in der Bildfläche, aber zugleich geht es um die Störung und Auflösung dieser räumlichen Illusion, und um die Effekte dieser Gegenläufigkeit. Da verengt sich eine Linie nicht geometrisch, sondern fällt ins Leere, da fehlen die Kanten, da wird für den Betrachter der Bildraum plötzlich in seiner Flächigkeit deutlich, oder dunkle Hintergründe ufern aus und helle Flächen heben sich als Hohlräume ab.

Christina Kirchinger und Rayk Amelang bestreiten die aktuelle Werkschau in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel. Foto: Stefan Effenhauser/Stadt Regensburg

Was ist da noch Innen, was Außen, was Gegenstand, was reine Form? Allein durch die raffinierte Art, wie hier Kontraste, Linien und Flecken gesetzt sind, entstehen surreale und unheimliche Szenerien. Und die Künstlerin steigert deren Intensität durch die Flächenätzung, die Aquatinta, die Schattierungen, Schatten und Tiefenwirkung ermöglicht. Diese Ausstrahlung von Ruhe und Unberührbarkeit, Nuanciertheit und abgründig wirkender Schönheit käme mit einer Tusch-Zeichnung nie zustande.

Eine der Arbeiten von Christina Kirchinger: Die Künstlerin geht souverän mit der Technik von Radierung und Aquatinta um. Foto: Stefan Effenhauser/Stadt Regensburg

Rayk Amelang taucht mit seinen ölübermalten Computerausdrucken von Comicbildern und Fotos den Pinsel in unsere Gegenwart. Aber er übermalt nicht einfach, er arrangiert feinst austariert Konturen, Schatten, Farben und Größenverhältnisse neu, und vor allem reißt er sämtliche Figuren des Comicfiguren-Arsenals zuerst auseinander und setzt die disparaten Elemente zu neuartigen Figuren zusammen:

Lesen sie mehr über Rayk Amelang: Surfen in den Welten der Comics

Ein kleines Wesen bekommt Riesenschuhe, ein halbes Puppengesicht trifft auf ein halbes „wirkliches“ Gesicht, und Embleme und Zeichen wechseln die Bedeutung. Die Ausgangsfiguren sehen wir als kleine Plastikpuppen in Vitrinen.

Wer die entsprechenden Comichefte und Geschichten kennt, wird Amelangs Bilder anders sehen. Aber sie haben auch unabhängig davon ihren besonderen Reiz, denn Amelang spielt ganz generell mit der Alltagswelt, die wir alle unbewusst aufnehmen. Das, was auf uns einströmt und was sich verwirrt in uns, erhält bei ihm neuen Sinn oder Widersinn und Hintersinn, der nicht auf einen Nenner oder eine Botschaft zu bringen ist.

Versatzstücke aus Erinnerungen

Es geht bei Amelang im Kern um unsere labile, im Fluss befindliche Selbstdefinition und jeweilige Individualität, die sich vielleicht aus der Konfrontation und Identifikation mit allerlei (Medien-)Versatzstücken, aus Erinnerungen, aus Fremdem und Angeeignetem speist und daraus, wie dies alles in uns kombiniert ist. Amelang achtet bei seinen Arbeiten in erster Linie auf die Interessantheit der Bildkomposition, auf Stimmigkeit und Spannung der Farben und Formen. Das erfordert viel Übung und Erfahrung.

Auch in den Interviews wird deutlich: Kunst ist harte Arbeit, fortwährende bewusste Auseinandersetzung, aber sie ist auch Lebenselixier. Kunst ist ein Zum-Ausdruck-bringen der Individualität, oder anders gesagt: wie wir alles, was durch uns hindurchgeht und was uns betrifft und verwandelt, zu einem eigenständigen, neuen, ästhetisch gültigen Ausdruck bringen.

Die künstlerische Arbeit bei Kirchinger und Amelang dreht sich folglich immer auch um Freiheit. Die Freiheit der Kunst sollte man, anders als es derzeit hierzulande Mode ist, nicht aufs Spiel setzen, sie ist ein über Jahrhunderte hart errungenes, unverzichtbares Gut.

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