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Rezension

Spurensuche in den Lieben eines Lebens

Monique Schwitter ist mit „Eins im Anderen“ ein zärtlicher, geschickt mit der Zeitabfolge spielender Roman gelungen.
Von Annett Stein, dpa

Monique Schwitter folgt in ihrem neuen Roman „Eins im Anderen“ ihren verflossenen Lieben.
Monique Schwitter folgt in ihrem neuen Roman „Eins im Anderen“ ihren verflossenen Lieben. Foto: Droschl Literaturverlag/dpa

Berlin.Wohl jeder hat schon einmal nach einem Verflossenem gegoogelt. Oft gehen Menschen gerade dann auf Spurensuche, wenn sie in einer Lebenskrise stecken. Monique Schwitter folgt einer solchen Reise in ihrem neuen Roman „Eins im Anderen“, der auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. In ihrem feinfühligen Buch sind Erinnerungen, Gedanken und Begegnungen sprachlich virtuos zu einem stimmigen Ganzen verwoben.

Ein später Freitagabend, die Kinder sind endlich im Bett, der Mann nebenan hat sich – „wie jeden Freitagabend, wenn er keinen Dienst hat“ – in seine Online-Welt zurückgezogen. Da googelt die Ich-Erzählerin spontan nach ihrer ersten Liebe. Auf das Ergebnis ist sie nicht gefasst: keine Fotos, keine Hinweise auf eine Familie, sondern die Nachricht über einen Sprung aus einem achten Stock vor mehr als vier Jahren. „Wie kann einen die Nachricht vom Tod eines Menschen so treffen, den man jahrelang nicht vermisst hat?“

Der Schock ist der Beginn einer Reise zu den Lieben ihres Lebens. Es ist eine geschriebene Reise: Die Ich-Erzählerin ist Autorin. Sie erinnert sich an einen Ausflug im Schnee mit Petrus, der im Rückblick schon damals seine Todessehnsucht ahnen ließ. Andreas, sein Bruder, nur für eine Nacht. Und dann Jakob, mit dem sie zwölfmal einen Herbst erlebte. „12 x Herbst könnte eine Gleichung für unsere Beziehung sein“, heißt es im Buch.

Erinnerungen an die zwölf Apostel

Zwölf ist auch die Zahl der Männer, die Teil der Liebeserinnerungen sind. Jakob, Johannes, Thomas, Nathanael, Tadeusz – die zwölf Apostel der Ich-Erzählerin bleiben Umrisse, skizziert in den Grundzügen, die sie ausmachen, aber ohne Einblick in ihr Wesen, ihre Gedanken und Gefühle. Im Fokus steht vielmehr, welche Mechanismen Beziehungen innewohnen. Was führt die junge Frau zum alten Mann? Warum quält man einen Menschen, den man doch liebt?

„Eins im Anderen“ ist kein lustiges Buch. Und doch muss man immer wieder lächeln.

„Ich inszenierte ihn. Ich forderte ihn heraus. Ich quälte ihn. Ich behandelte ihn wie ein Kind, das Kind, das ich nicht hatte“, schreibt die Ich-Erzählerin über Jakob, dessen Kind sie abtreiben lässt, dessen Kind nun 17 Jahre alt wäre. „Wie viele Lieben hat man?“, heißt es an anderer Stelle. Eines sei sicher: „Wie auch immer ich zähle, was auch immer ich erzähle, mein Mann sollte Letzter sein.“ Auf einem Zettel notiert sie: „Kein Mann nach meinem Mann Punkt.“

Doch felsenfest steht dieser Punkt nicht. Immer deutlicher wird mit jedem Kapitel: Der Blick zurück ist der Versuch, schreibend eine Liebe zu hinterfragen, die gerade zu zerbrechen droht. Denn ein echtes Miteinander ist diese Beziehung nicht mehr. „Er findet keine Erholung, er ist dauererschöpft; ganz selten fährt ein unsichtbarer Blitz in ihn und putscht ihn kurz auf, er tippt hastig auf die Tastatur seines Laptops ein, bis er wieder in die Kissen sinkt und mit dem Daumen auf der Fernbedienung herumdrückt.“

Die Familie stürzt ins Dunkel

Der Gedanke an eine andere Frau steht im Raum. Doch Philipp, der sich katzengleich bewegende Bühnentechniker und Vater ihrer zwei kleinen Söhne, stürzt die Familie in ein ganz anderes Dunkel. Ihr Versuch, das Leben schreibend zu bändigen, zu ordnen, vorzuführen, scheitere, schreibt die Erzählerin. „Das Leben spielt nicht mit. Es drängt herein in mein Buch und greift nach der Handlung.“

Es stimme nicht, dass nach dem ersten Schreck alles besser werde, erklärt sie später. „Das wahre, tiefe Grauen kam erst nach wenigen Wochen, dann aber mit solcher Wucht, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste, als mich tot zu stellen.“ Ein monatelanges Ringen beginnt: Lässt sich diese Schuld verzeihen? Lässt sie einen Neubeginn zu?

„Eins im Anderen“ ist kein lustiges Buch. Und doch muss man immer wieder lächeln. So ist es nun mal, das Leben, so schwierig, und so schön. Zärtlich geschrieben ist der Roman und aktuell in seinen Facetten, egal, ob es um Fernbeziehungen geht, teure Hamburger Wohnungen, den Kampf gegen Brustkrebs oder auch nur die Qual, für das ungeborene Kind mit dem Rauchen aufzuhören.

Viele Daseinsprobleme

Schwitter ist die Kunst gelungen, der Liebe angenehm unaufgeregt und doch intensiv nachzuspüren in all ihrer Alltäglichkeit, ihren Abgründen, ihren Chancen und magischen Kräften. Fast allerdings ist es schon zu viel, was an Daseinsproblemen aufgefahren wird: ein kläglich sterbender Bruder, ein ungeborenes Kind, ein alter Sado-Maso-Liebhaber und ein 17-Jähriger, der es fast wird, eine krebskranke Schwiegermutter und Sex im Park-Pissoir. Ein bisschen weniger Drama hätte dem gelungenen Ganzen vielleicht nicht geschadet.

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