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Kultur
Samstag, 21. April 2018 28° 2

Finale

Starke Geschichten im Regionalfenster

Mit der Preisverleihung endete die Kurzfilmwoche. Filme mit aktuellen gesellschaftlichen Themen machten das Rennen.
Von Katharina Kellner

Die Gewinner der beiden Mittelbayerische-Regionalfensterpreise: Regisseur Marcus Siebler (stehend, 4. von links) wurde mit seinem Team für den Film „Spielen“ ausgezeichnet. Moritz Kirchner (Kamera, 2. von rechts) und Schauspieler Hans Schröck (rechts) nahmen den Preis für den Film „Nachbar“ ohne den erkrankten Regisseur Jannik Wittmann entgegen. Foto: Kellner

Regensburg.Lautes Geschrei auf der Bühne, plötzlich tauchen zwei Frauen mit knallgelben Amazonenmasken auf – und eine von ihnen boxt nach Moderator Christian Sailer. Der gibt schnell auf: „Stopp, Insa. Du bist einfach eine zu starke Frau“. Mit dieser kleinen Performance knüpfte das Festivalteam um Insa Wiese am Mittwochabend im Regensburger Ostentor-Kino zum Ende der 24. Kurzfilmwoche spielerisch an den Themenschwerpunkt der diesjährigen Ausgabe an: „Starke Frauen“.

Bei der Preisverleihung wurden dann starke Filme von Frauen wie Männern ausgezeichnet. Im Regionalfenster hatte das Mittelbayerische Medienhaus zwei Preise gestiftet, dotiert mit jeweils 500 Euro. Einer ging an die Filmemacher Jannik Wittmann (18 Jahre) und Moritz Kirchner (17 Jahre) vom Regensburger Albrecht-Altdorfer-Gymnasium mit ihrem Team von „AAG Pictures“. Die Jury aus Christiane Heibach, Timo Lauber und Josef Lommer überzeugten Wittmann und Kirchner mit „hoher Professionalität“, „vielsagender Bildsprache und einem intelligenten Einsatz wiederkehrender Motive“ – und die überzeugende Leistung der Laiendarsteller. Im Film „Nachbar“ geht es um Alfred (Hans Schröck). Dem vereinsamten Witwer passt es nicht, dass nebenan eine Familie von Geflüchteten eingezogen ist. Als deren Kinder seinen Kaktus von der Terrasse kicken, ist bei ihm „schluss mit lustig“. Das sagt er den Nachbarn ins Gesicht – für Alfred ein willkommener Anlass, endlich mal richtig zu schimpfen. Doch später stellt sich heraus, dass die Hauptfigur das Herz doch am rechten Fleck hat.

Der zweite Preis im Regionalfenster ging an Marcus Siebler und die Filmgruppe „dramfilm.com“ für „Spielen“. Die Gruppe aus Schrobenhausen dreht seit Jahren nichtkommerzielle Filme. „Wir sind alle Laien, machen unsere Kurzspielfilme aber mit großer Hingabe und Ernsthaftigkeit“, sagte Regisseur Siebler im MZ-Gespräch.

Ein Regisseur sahnt zweifach ab

Die Preise im Überblick

  • Mittelbayerische-Regionalfenster-Preise

    (jeweils 500 Euro): Jannik Wittmann und Marcus Siebler

  • Kurzfilmpreis der Stadt

    Regensburg, (Jury der Jungen, 1000 Euro): „Ondes Noires“ von Ismaël Joffroy Chandoutis

  • Publikums-Preis,

    gestiftet von der „Kinokneipe“ (333 Euro): „Timecode“ von Regisseur Juanjo Giménez

  • Preis des FilmFernsehFonds

    (FFF) Bayern (1500 Euro): „Aufarbeiten“ von Denise Riedmayr

  • Candis-Preis

    der Ferdinand Schmack junior GmbH (1500 Euro): „Manivelle – Last Days of the Man of Tomorrow“ von Fadi Baki

  • Max-Bresele-Gedächtnispreis

    vom Kartenhaus-Kollektiv im Deutschen Wettbewerb (500 Euro): „Tiefenschärfe“ von Mareike Bernien und Alex Gerbaulet

  • Kurzfilmpreis des BR

    für den besten Film im Internationalen Wettbewerb (5000 Euro): „Ondes Noires“ von Ismaël Joffroy Chandoutis

In „Spielen“ treffen sich zwei Paare zum Fußball-Schauen. Doch als das Gespräch auf Geflüchtete kommt, tun sich zwischen den alten Freunden Gräben auf. „Es geht darum, dass man mehr zuhören sollte, als sich gegenseitig zu prügeln“, sagte Siebler. Die Jury lobte die Dramaturgie des Films als „abgründig“. Sie lasse „viel Raum für Interpretationen, ohne beliebig zu wirken, was an der durchdachten Bildästhetik und der überzeugenden Leistung der Laienschauspieler liegt.“

Großer Gewinner des Abends war „Ondes Noires“ von Regisseur Ismaël Joffroy Chandoutis aus Frankreich, der im Internationalen Wettbewerb lief. Der Film gewann zwei Kurzfilmpreise, den des Bayerischen Rundfunks und der Stadt Regensburg. Er spielt zwischen den Grenzen von Dokumentar-, Spiel- und Experimentalfilm und erzählt von Menschen, die gegen Elektromagnetik intolerant sind, und in einer hochgradig vernetzten Gesellschaft leben. Die Internationale Jury aus Lisa Birke, Noémi Kahn und Jennifer Reeder lobte, der Film nehme „den Zuschauer gefangen und zieht ihn in formal meisterhafte, gut konstruierte und visuell eindrucksvolle Bilder hinein“. Ardit Biba, Lisa Liepelt, Kristina Neumüller und Samuel Vogl wählten den Film als „Jury der Jungen“, die den Kurzfilmpreis der Stadt Regensburg vergibt. Ihnen gefiel die „Kombination aus dokumentativen und erzählerisch-freien Elementen“.

Der in diesem Jahr erstmals vergebene Candis-Preis für den besten Film im Deutschen Wettbewerb ging an Fadi Baki für den Film „Manivelle – Last Days of the Man of Tomorrow“, der von einem Riesenroboter erzählt. Dessen Höhen und Tiefen spiegeln die Geschichte seines Heimatlandes Libanon wider. Manivelle galt in den fünfziger Jahren als Wunderwesen seiner Zeit. Heute ist er rostig und in Vergessenheit geraten. „Dieser kühne Film schreibt ein Kapitel der Weltgeschichte um und erfindet einen einzigartigen und fantasievollen Zeitzeugen. Man könnte dieses wundervolle Heldenepos einen postkolonialen Geniestreich nennen. Wir nennen es ganz einfach: Kino“, zeigten sich die Juroren Bernd Brehmer, Patrick Wellinski und Jutta Wille begeistert.

Ein Film über die Tatorte des NSU

Den Max-Bresele-Gedächtnispreis für einen politisch relevanten Film im Deutschen Wettbewerb gewann „Tiefenschärfe“ von Mareike Bernien und Alex Gerbaulet. Der Film untersucht Orte in Nürnberg, an denen der sogenannte NSU Mord- und Bombenanschläge verübt hat. Die Juroren Bernd Brehmer, Patrick Wellinski, Jutta Wille schrieben, „es entstehe ein Reflexionsraum, in dem das massive Staatsversagen, die mediale Vorverurteilung der Opfer genauso seinen Platz finden wie die Hilflosigkeit der Hinterbliebenen“.

Was die Atmosphäre einer Stadt ausmacht, erkunde der Film „Clanker Man“ „auf überraschende und ironische Art und Weise“, schrieben Willi Dorner, Moritz Holfelder und Peter Riepl, die ihren Favoriten für den Architekturfilmpreis wählten. Regisseur Ben Steiner „erweitert in ,Clanker Man‘ unsere Wahrnehmung des städtischen Raums und hinterfragt filmisch raffiniert die Klischees von Stadt“.

Den Förderpreis des FilmFernsehFonds Bayern gewann „Aufarbeiten“ von Denise Riedmayr. Darin geht es um die Nachwirkungen der Flutkatastrophe von Simbach am Inn. Die Jury aus Ingo Fliess, Katharina Köster und Florian Kummert lobte, die Regisseurin lasse „ihren Bildern und Tönen und uns Zuschauern den Raum, das Ausmaß dieser Katastrophe zu erschließen“.

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