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Zeichner

Stefan Hahn setzt Regendorf ins Bild

Comics spielen oft in der Großstadt. Ein Kunst-Student erzählt in seiner Bildergeschichte von einem Sommertag auf dem Land.
Von Katharina Kellner

Stefan Hahn ist Comic-Zeichner und studiert an der Kunsthochschule in Kassel. In seinem ersten Comic-Buch erzählt er eine Geschichte von zwei Jungen, die auf der Insel im Regen am Ortsrand von Regendorf baden. Sie ist hinter ihm und im Buch zu sehen. Foto: Katharina Kellner
Stefan Hahn ist Comic-Zeichner und studiert an der Kunsthochschule in Kassel. In seinem ersten Comic-Buch erzählt er eine Geschichte von zwei Jungen, die auf der Insel im Regen am Ortsrand von Regendorf baden. Sie ist hinter ihm und im Buch zu sehen. Foto: Katharina Kellner

Regendorf.„Wir können Helden werden“, sagt der kleine Junge im Comic zu seinem großen Bruder und malt sich das im Kopf schon mal aus: Wie eine Menschenmenge ihn und seinen Bruder auf den Schultern durch die Gegend trägt, „Hipp Hipp Hurra“ ruft und vorneweg ein Banner schwingt, auf dem „Unsere Helden“ steht. Mit Ausrufezeichen.

Die beiden Brüder haben eine große Entdeckung gemacht – zumindest glauben sie das. Ihre Erlebnisse hat der Kunst-Student und Comic-Zeichner Stefan Hahn ins Bild gesetzt. In „Die Bombe“ erzählt er eine charmante Geschichte über einen Sommertag in Regendorf. Bemerkenswert an Hahns Bildergeschichte ist, dass er das Superheldentum vieler Comicgeschichten mit einem Augenzwinkern unterläuft. Seine Protagonisten wären zwar auch gerne heldenmutig – doch in Regendorf gibt es eben keine Hochhausschluchten, in die sie sich stürzen könnten wie „Batman“ das in der fiktiven Großstadt Gotham City tut.

Preisträger der Kurzfilmwoche

Überhaupt ist das Genre Comic seit Beginn seiner Verbreitung eng mit der Großstadt verknüpft - und mit ihrem hohen Tempo. Städte sind in vielen berühmten Bildergeschichten mehr als nur Kulisse – so wie London im „Jack-the-Ripper“-Comic „From Hell“.

Hahn erzählt dagegen sehr unaufgeregt von dem ihm wohlbekannten Kosmos zwischen Badeinsel und Eisdiele. Regendorf ist ein Gemeindeteil von Zeitlarn nördlich von Regensburg. Der Ort hat keinen eigenen Wikipedia-Eintrag – die Online-Enzyklopädie erwähnt nur das 1515 erbaute Schloss. Hahn ist hier mit seinem Bruder aufgewachsen. Und so hat der 22-Jährige mit spürbarer Hingabe für Details die Orte gezeichnet, die er seit der Kindheit kennt. Beim Leser springt der Funke schnell über, wenn Hahn mit augenzwinkerndem Humor von seinen beiden Möchtegern-Helden erzählt, die hoffen, im beschaulichen Regendorf ein großes Abenteuer zu erleben.

Hahn ist ein Kreativer, der nicht anders kann. Die Mittelbayerische hatte zuletzt im März über ihn berichtet: Er war einer der Preisträger der von der Mittelbayerischen gestifteten Regionalfenster-Preise bei der Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg. Gleich bei seiner ersten Teilnahme am Wettbewerb hatte er mit seinem Trickfilm „Sehnsucht“ die Jury überzeugt, die lobte: „Ein kluger und leiser Film, der die Geschichte eines Mannes erzählt, der seine Zeit isoliert und in Sehnsucht nach seiner Frau verlebt. (...) Das mutige Experiment dieser Stil-Collage ist gelungen.“ Hahns Hang zum Tüftler schlug hier voll durch: Er experimentierte in seinem Film mit Animationstechniken wie Lege-, Zeichen- und Puppentrick. Auch Geräusche und Kulissen hatte er selbst hergestellt – und natürlich die Puppe (aus Draht, Schaumstoff, Ton und Fimo) und alle Requisiten (Möbel Töpfe, Flaschen, Spaghetti).

Stefan Hahns Comic „Die Bombe“

  • Heldenträume:

    Stefan Hahn hat den beiden Jungs in seinem Comic keinen Namen gegeben. Sie stehen für viele kleine Jungen, die gerne Helden sein möchten. Bei Hahn werden sie das zuletzt tatsächlich – allerdings nicht wegen ihres Mutes, sondern, weil sie jemanden glücklich machen.

  • Geheimnis:

    Die Geschichte spielt an einem Sommertag in Regendorf bei Zeitlarn, wo der Zeichner Hahn aufgewachsen ist. Für die Jungen gibt es außer Eis essen und Baden nicht viel zu tun. Umso aufregender, wenn einer ein Geheimnis weiß. Das bringt die Fantasie der beiden in Fahrt.

  • Regendorf:

    Sein Elternhaus ist die Vorlage für das Haus der Oma im Comic, sagt Hahn. Dass die Fenster Ohren bekommen, sobald jemand „Ich komme!“ auf die Straße ruft, ist wohl nicht nur in Regendorf so, sondern überall dort, wo Menschen sich für die Nachbarn interessieren.

  • Mimik:

    Spaß hat Hahn sichtlich damit, sich an Gesichtsausdrücken auszuprobieren. Manchmal habe er beim Zeichnen sein eigenes Gesicht abgetastet, um eine Stimmungslage genau zu treffen, erzählt er. Omas zeichnet er besonders gerne – weil sie in Comics nicht oft zu finden sind. (kk)

Sich auszuprobieren, der eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen – das war auch die Motivation für seinen ersten längeren Comic, den er vor einem Jahr abgeschlossen hat. Jedes Bild zeichnete er mit Tusche und Feder. Den fertigen Band mit 51 Seiten brachte er in kleiner Auflage heraus: 50 Stück. Die Exemplare hat er selbst gebunden, viele davon verschenkt. Er hatte sich an die Arbeit gesetzt, ohne sich vorab ein Drehbuch überlegt zu haben. Die Auflösung der Geschichte habe sich während der Entstehung entwickelt, erzählt Hahn.

Inspiriert wurde er von eigenen Erlebnissen: Tatsächlich hatten er und sein Bruder vor einigen Jahren geglaubt, eine Bombe entdeckt zu haben. Wie genau er seine Umgebung studiert, merkt man, wenn man mit ihm durch Regendorf läuft. Zum Beispiel, wenn er vor dem Ortseingang steht: Von dieser Perspektive aus hat er die Regendorfer Einfamilienhäuser gezeichnet. Sie schmiegen sich neben dem Schloss an einen üppig grünen Hügel. Dann dreht sich Hahn zum Regen und deutet über das Wehr. Es ist die Stelle, an der die Brüder im Comic die Bombe finden – die Insel im Regen, ein beliebter Badeplatz.

Ein paar hundert Meter weiter im Ort zeigt sich der ehemalige Eissalon „Isolabella“ arg heruntergekommen: Seit etwa zehn Jahren ist hier zu, erzählt Hahn. An der Fassade blättert Putz ab, die Schaufenster zeigen Fotos von blaustichigen Eisbechern. Im Comic erweckt Hahn diesen Ort zum Leben: Hier löst sich bei viel Kaffee und Eis das Rätsel. Dass er Regendorf in seinem Comic ein Denkmal gesetzt hat, wird nicht uneingeschränkt gewürdigt: „Als ich vor dem Haus eine Skizze gezeichnet habe, kam ein Kumpel vorbei und hat gemeint: ,Du musst ja viel Zeit haben‘“, erzählt Hahn und lacht.

„Asterix“ und die „Simpsons“

Für ihn hat sich die Arbeit am Comic auch so gelohnt, denn er habe viel gelernt über den Rhythmus einer Geschichte, die Abfolge der Panels oder die Ausarbeitung seiner Charaktere. Seine Bilderfolge hat er gebaut wie in einem Film: Wie bei einer Kamerafahrt zeigt er zunächst ein Panorama von Regendorf, um dann näher an seine Protagonisten zu rücken.

Hahn studiert seit dem Wintersemester 2017 visuelle Kommunikation an der Kunstakademie in Kassel. Von klein auf interessierte er sich für Comics wie „Tim und Struppi“, „Asterix“, „Mickey Mouse“, die „Simpsons“ und japanische Comics. Seine Vorliebe für Basteln und Zeichnen zeigte sich schon während der Schulzeit: Am Regensburger Siemens-Gymnasium war hatte er ein W-Seminar für Architektur besucht und unter dem Motto „Bauen unter extremen Bedigungen“ ein Haus auf Stelzen“ gebaut. Und während des Unterrichts ständig kleine Sizzen an die Ränder seiner Hefte gekritzelt.

Auch wenn er die Anregungen genießt, die ihm sein Studium in Kassel lässt, zieht es ihn doch immer wieder nach Regendorf. Im Garten und der Werkstatt seiner Eltern kann er gut arbeiten. Mit seinem Comic hat Hahn bewiesen: Hier im Kleinen lässt sich feiner Stoff für Geschichten finden.

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