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Regensburg

Stehende Ovationen für zwei Stars der Klassikszene


Von Gerhard Dietel, MZ

Solistisch waren beide schon im Rahmen der Odeon-Konzerte zu erleben: die französische Pianistin Hélène Grimaud und die in Argentinien geborene Cellistin Sol Gabetta. Ihre gemeinsame Neigung zur Kammermusik führte die Künstlerinnen nun zu einem gemeinsamen Auftritt erneut ins Regensburger Audimax, der einen unerwartet hohen Publikumsandrang auslöste. Denn das Programm des Abends verhieß keineswegs leichte Kost; es bot vielmehr ein anspruchsvolles Sonaten-Programm, das die Hörer zu gesammelter Aufmerksamkeit zwang. Etwas irritiert blickten die Musikerinnen zu Beginn in die Runde. Merkwürdige Klopfgeräusche ertönten im Raum. Tropfendes Schmelzwasser? Oder haust so etwas wie ein Beton-Wurm in den Audimax-Wänden? Beherzt beschlossen Hélène Grimaud und Sol Gabetta, den unerwünschten Taktgeber zu ignorieren. Hochprofessionell wie hochkonzentriert folgten sie ihrem eigenen, höchst flexiblen, aber stets im Einklang schwingenden Metrum und ließen auch die zunehmend in den Bann geschlagenen Zuhörer diese Störung vergessen.

Verhalten begann ihr Musizieren in Robert Schumanns Fantasiestücken op. 73. Sol Gabettas gedeckter Celloton löste sich wie scheu aus dem umhüllenden Klavierklang, um erst allmählich zum Zwiegespräch mit dem Partnerinstrument im Singen und Nachsingen der melodischen Phrasen zu finden. Schwärmerischen Aufschwüngen folgten immer wieder zarte Echos, dynamisch vorwärtstreibenden Passagen träumerisch in sich versunkene Abschnitte.

Etwas von dieser bipolaren Musizierhaltung strahlte auch in die anschließende e-Moll-Sonate von Johannes Brahms aus, in deren Interpretation die Künstlerinnen Bezirke seligen, elegisch schönen Musizierens von denen forscheren Vorwärtsgehens trennten. Das „non troppo“ im Allegro-Kopfsatz nahmen sie zum Anlass, die Sonate in sehr zurückgenommenem Tempo zu eröffnen, so als würden sie sich durch einen Seiteneingang vorsichtig in einen riesigen Raum hineintasten. Umso mehr an Kräften setzten beide später frei, zumal in den wühlenden Fugato-Passagen des Finales. Dass das Audimax keinen akustisch idealen Kammermusik-Rahmen bietet, wurde hier freilich deutlich: Da dominierte Brahms’ üppiger Klaviersatz oft so sehr, dass das Cello mehr optisch als akustisch präsent war. Zum Höhepunkt des Abends wurden nach der Pause zwei Werke des 20. Jahrhunderts. Debussys Cello-Sonate bestach in ihrer rhetorisch freien Anlage und der Ausgebufftheit, mit der Hélène Grimaud und Sol Gabetta den Mittelsatz durch raffiniert hingetupfte Staccati des Klaviers und Pizzicato-Glissando-Effekte des Cellos als Groteske inszenierten. Scharfe Konturen erhielt auch Schostakowitschs d-Moll-Sonate op. 40: Mit fahlem Gesang und sinistren Klopfzeichen loteten die beiden Künstlerinnen finstre Abgründe aus, stellten dem aber auf der anderen Seite ein Scherzo gegenüber, das wie eine entfesselte Maschine mechanisch vorwärtsstürmte. Mit einer Wiederholung eben dieses Satzes setzen die beiden musizierfreudigen Künstlerinnen in ihrer dritten Zugabe den fulminanten Schlusspunkt des Abends; zahlreiche Zuhörer hatten sich bereits zuvor zu stehenden Ovationen von ihren Plätzen erhoben.

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